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Ein Jahr mit wenigen Auftritten: Der Mindener Kabarettist Bernd Gieseking spricht über sein Leben als Soloselbstständiger

Seine Bühne ist ein Friedhof

Minden (WB)

Ein Bild voller Symbolkraft: Auf einem Friedhof studiert der Kabarettist Bernd Gieseking seine Texte ein – mehr Bühne ist derzeit nicht möglich. Mit dem 62-Jährigen, der in Ostwestfalen nicht zuletzt für seinen Jahresrückblick bekannt ist, hat Hartmut Horstmann gesprochen. In dem Interview geht es um Corona, Existenzangst und Gewichtsabnahme.

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Bernd Gieseking (62) geht häufig auf einen Friedhof, um seine Bühnentexte einzuüben. Normalerweise ist der Mindener um diese Jahreszeit mit seinem Jahresrückblick unterwegs. Foto: Hartmut Horstmann

Interview-Termine mit Ihnen im Dezember sind schwer zu bekommen, denn meist sind Sie mit dem Jahresrückblick unterwegs. In diesem Jahr sieht es anders aus. Haben Sie manchmal Existenzangst?

Bernd Gieseking: Existenzangst am Anfang eines Interviews? (lacht) Aber ganz ehrlich, manchmal schon, und das bei allem Optimismus. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass ich meine grundsätzlichen Existenzängste als freier Künstler überwunden hatte. Ich dachte langsam, das sei eine solide Existenz.

Ihr Termin für den 28. Januar in Herford ist bereits gestrichen worden. Weitere Absagen folgen möglicherweise. Was ist das für ein Gefühl – in einer Art Daueranspannung etwas vorbereiten und nicht wissen, ob es aufgeführt werden kann?

Gieseking: Das ist ja für uns alle neu, wobei mein Programm steht. Ich könnte morgen spielen. Besonders hart ist es aber auch für die Bühnen, Theater und Agenturen, die nun dauernd und neu Absagen verhandeln müssen. Sie müssen für all ihre Künstler Gespräche führen und das auch dem Publikum gegenüber kommunizieren.

Haben Sie den neuen Jahresrückblick schon irgendwo aufgeführt?

Gieseking: Einmal! Ich war tatsächlich live bei den Kasseler Verkehrsbetrieben im Stream auf ihrer Online-Weihnachtsfeier. Ich hatte dort einen Tagungsraum mit Kamera und Riesenmonitor komplett für mich und wurde von dort in die Konferenz übertragen. Offenbar kam die Aktion gut an. Denn am Ende wurden sogar Zugaben gefordert.

Ein Teil des Jahresrückblicks wird mit Corona zu tun haben – ein Thema, das vielen Menschen aufs Gemüt schlägt. Wie gehen Sie damit um?

Gieseking: Ich habe die Komik in meinem Leben immer als Korrektiv zu den Realitäten genutzt, zu den Dramen. Das mache ich auch in der Pandemie, und das hilft auch dem Publikum. Das ist doch auch unsere Aufgabe in der Satire, im Kabarett, in der Comedy, mit Witz den Dramen die Schrecken zu nehmen, ohne sie zu negieren. Meine neueste „Erfindung“ ist ein Corona-Quartett mit Virologen, Politikern und Leugnern. Ein sehr lustiger Text, glaube ich.

Falls die Menschen nicht ohne Gieseking durchs Jahr kommen: Macht es für Veranstalter Sinn, den Jahresrückblick auch noch im April nachzuholen?

Gieseking: Auf jeden Fall! Wenn Aufführungen erlaubt und zu verantworten sind, würde ich den Rückblick sehr gerne live präsentieren, und sei es im Sommer. Der Blick zurück lohnt doch auch mit kleiner Verzögerung. Wir arbeiten auch an einem Stream für den Januar, aber das ist immer ein Kompromiss.

Mal im Konjunktiv gesprochen: Wenn ich sagen würde, dass jede Krise auch eine Chance beinhaltet – würden Sie mich hassen?

Gieseking: Nicht hassen, Herr Horstmann, aber ich würde den Kopf schütteln. Wir sind, erstens, noch mittendrin, also weit zu früh für ein wirkliches Urteil. Ich bin, zweitens, viel zu pragmatisch, um zu verzweifeln – aber gewaltsam positive Seiten herbeireden? Die Krise schön reden ist nicht mein Ding. Es ist nicht toll, was wir erleben. Aber den Witz, das Absurde, oder auch Tröstliches in den Dingen suchen und sehen, das tue ich doch sehr gerne.

Okay, dann frage ich: Was haben Sie in der Krise bisher getan?

Gieseking: Kein Geld, kein Futter. Privat habe ich meine Ernährung umgestellt, habe „Gewicht gemacht“ und wieder Sport getrieben. Mehr als zehn Kilo sind runter. Im August war ich dann – zu Fuß – auf der Zugspitze. Das war toll, aber auch schon seit 2019 geplant und es war im Sommer sogar möglich.

Und beruflich?

Gieseking: Es waren keine zehn Aufritte in den gesamten Monaten, und wenn, vor nur wenigen Zuschauern. Aber im Januar, direkt vor Corona also, hatte ich den Vertrag für ein neues Buch für den Fischer-Verlag bekommen, „Finne dein Glück!“. Über meine Reise zum Glücksweltmeister Finnland, von Helsinki nach Inari. Das stelle ich bis Jahresanfang fertig. Ich schreibe also, zum Glück, täglich über „das Glück“!

Folglich haben Sie gerade auch Glück. Was ist Ihr Traum für 2021?

Gieseking: Ich würde mich freuen, wenn wir alle möglichst ohne größere Schäden durch die Zeit kommen. Grundsätzlich hoffe ich auf baldigen Impfschutz, eine neue Normalität und dann auch wieder auf das Zusammentreffen mit meinem Publikum. Und eine wegen Corona ausgefallene Finnland-Tournee durch neun Städte würde ich 2021 gerne nachholen.

Kabarettfreunde kennen Bernd Gieseking (62) unter anderem als den Mann mit dem Jahresrückblick „Ab dafür!“. Im Jahr 1994 hat er seine satirische Rückschau erstmals präsentiert. Im Laufe der Jahre ist der in Minden lebende Künstler mit dem Programm zu einer festen Größe geworden. Entsprechend stark ist die Kartennachfrage. Doch auch als Buchautor tritt Gieseking zunehmend hervor. So arbeitet er gerade an einem dritten Band über seine Erlebnisse in Finnland. Giesekings Bücher sind meist autobiographisch, spielen häufig im familiären Umfeld.

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