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Petershagen verlangte Schutzmaßnahmen

Stadt wollte Maulkorb für Labrador „Nelly“: Frauchen klagt mit Erfolg

Petershagen

Keine drei Kilogramm soll Chihuahua-Hündin „Tini“ gewogen haben, Labrador-Boxer-Dame „Nelly“ dagegen fast das Siebenfache. Eine Auseinandersetzung zwischen den ungleichen Hündinnen endete für die kleine tödlich, worauf die Stadt Petershagen „Nellys“ Besitzerin verpflichtete, ihr Grundstück ausbruchsicher zu machen, ihre Sachkunde nachzuweisen und der Hündin einen Maulkorb zu verpassen. Doch diese Anordnungen waren rechtswidrig, entschied das Verwaltungsgericht Minden.

Von Christian Althoff

Chihuahua „Tini“ (hier ein Symbolbild) konnte nach einem Kampf mit Boxer-Labrador-Hündin „Nelly“ von Tierärzten nicht mehrgerettet werden. Foto: imago

Das Drama begann auf dem Campingplatz am Doktorsee in Rinteln, wo beide Familien einen Wohnwagen haben. „Tinis“ Besitzer, die aus Horn-Bad Meinberg stammen, wollten abends zu einer Radtour aufbrechen und packten ihre kleine Hündin in einen Fahrradkorb.

In diesem Moment kam die aus Petershagen kommende Camperin mit „Nelly“ des Weges. Die Chihuahua-Hündin sprang aus dem Korb und stürmte kläffend auf die angeleinte, große Hündin zu. Als die Tiere schließlich getrennt waren, war „Tini“ schwer verletzt. Sie wurde in die Tierärztliche Hochschule nach Hannover gebracht und dort nach zwei Tagen eingeschläfert.

„Drei Mal schwer gebissen“

„Tinis“ Besitzerin teilte den Behörden mit, die Labrador-Boxer-Hündin habe ihre Hündin zu Boden geworfen, dreimal angegriffen und jedes Mal „schwer zugebissen“. Der Hund sei für seine aggressiven Reaktionen bekannt. Daraufhin erließ die Stadt Petershagen einen umfangreichen Bescheid gegen die Hundebesitzerin. Man werde prüfen, ob es sich nach dem Landeshundegesetz um einen gefährlichen Hund handele, für dessen Haltung man eine Erlaubnis brauche, schrieb die Stadtverwaltung. Bis zum Abschluss dieser Prüfung müsse sichergestellt werden, dass „Nelly“ das Grundstück nicht alleine verlassen könne. Außerhalb des Grundstücks dürfe die Hündin nur mit Leine und Maulkorb von einer erwachsenen, sachkundigen Person ausgeführt werden.

Klage eingereicht

Die Hundebesitzerin klagte vor dem Verwaltungsgericht Minden gegen diesen Bescheid. Sie bestritt, eine gefährliche Hündin zu haben, und sagte, „Nelly“ habe nur den Angriff der kleinen Hündin abgewehrt. Sie habe sie zu Boden gedrückt, aber nicht zugebissen.

Das Gericht befragte Veterinäre der Tierärztlichen Hochschule Hannover als Zeugen. Sie sagten aus, die Hündin habe keine blutende Wunde oder sichtbare Bissverletzungen gehabt. Vor allem bei Bissen in den Bauch hätte man das aber erwarten müssen. Die inneren Verletzungen des Tieres seien auf ein „massives Trauma“ zurückzuführen, sagte ein Tierarzt. Nach Ansicht des Gerichts könnte auch das heftige Zusammentreffen der ungleich schweren Hunde zu diesen Verletzungen geführt haben.

„Keine Bisse“

Die Richter gingen zum Schluss davon aus, dass „Nelly“ überhaupt nicht zugebissen hat. Und damit war die von der Stadt unterstellte Rechtsgrundlage für die zahlreichen Auflagen entfallen. Das Landeshundegesetz regelt nämlich im Paragraphen 3, was ein gefährlicher Hund ist – zum Beispiel einer, der Menschen beißt oder Hunde, ohne angegriffen worden zu sein. Auch Bisse gegen Hunde, die sich „artüblich unterworfen“ haben, lassen einen Hund gefährlich erscheinen.

Alles das lag hier aber nicht vor. Dazu kam, dass die Behörde die Hundehalterin vor dem Erlass des Bescheids nicht angehört hatte, wie es vorgeschrieben ist. Denn dann, so die Richter, wäre der Bescheid vielleicht anders ausgefallen.

Die angekündigte amtstierärztliche Untersuchung von „Nellys“ Wesen hatte die Stadt bis zum Prozess übrigens noch immer nicht durchgeführt. Da waren seit dem Vorfall schon 16 Monate vergangen.

Die Behandlungskosten von „Tini“ hat die Hundehaftpflicht von „Nelly“ anstandslos übernommen.

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