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Plauderer, Kaffeetrinker, Parkbankstifter: Erich Tischer wird heute 100

Der Tausendsassa hat Geburtstag

Preußisch Oldendorf (WB). Wer kennt ihn nicht von seinen Rundblickgeschichten, als Tischnachbar beim Jazzfrühstück, Zuschauer bei KuK-Theateraufführungen oder als Kaffeetrinker in der Bäckerei Schröder: Erich Tischer aus Preußisch Oldendorf kann am heutigen Donnerstag seinen 100. Geburtstag feiern.

Silke Birkemeyer

Viele Preußisch Oldendorfer freuen sich mit Erich Tischer über sein besonderes Jubiläum. Der sympathische Senior ist stadtbekannt und war lieber mittendrin statt nur dabei. Er feiert seinen 100. Geburtstag. Foto: Silke Birkemeyer

Er ist das, was man umgangssprachlich einen Tausendsassa nennt, ein Mann mit vielen Begabungen, Interessen und Spaß an der Freud. Und er ist ein Mann, der nicht nur akribisch recherchierte Geschichten aus Preußisch Oldendorf erzählen kann: Er selbst hat Geschichte erlebt. Rückblickend klingen seine 100 Jahre wie ein Schnelldurchlauf durch die Höhen und Tiefen eines Landes.

An der Limbergstraße gewohnt

Hineingeboren in die wilden zwanziger Jahre hat er die Auswirkungen beider Weltkriege erlebt, kennt die Rentenmark, die Deutsche Mark und den Euro, weiß um die Wirkung von Inflation, Börsencrash und Weltwirtschaftskrise ebenso zu berichten wie vom Wirtschaftswunder oder dem Kalten Krieg.

Erich Tischer wurde am 13. August 1920 in Preußisch Oldendorf geboren. Seine Heimat wurde 1924 das von seinen Eltern gebaute Haus an der Limbergstraße, das er später selbst mit seiner Familie bewohnte und erst im hohen Alter gegen das betreute Wohnen tauschte. Seine klassische Schulzeit an der Volks- und Mittelschule beendete er 1938 mit dem Abitur in Lübbecke an der „Oberschule in Aufbauform“. Er studierte in Dresden sowie Berlin Elektrotechnik und Technische Betriebswirtschaft, bevor er 1940 für den Kriegsdienst eingezogen wurde.

Nach verschiedenen Stationen, unter anderem in der Bretagne und im Russlandfeldzug, kehrte er nach Kriegsende in seine Heimat zurück – zu Fuß und mit dem Fahrrad und mit vielen grausamen wie auch wundersamen Geschichten im Gepäck.

Er selbst überstand diese Zeit mit leichten Verwundungen und fand nach seiner Rückkehr Arbeit in der Kreisverwaltung in Lübbecke. Mit seiner späteren Frau Hildegard, die er 1948 heiratete und schon aus der Nachbarschaft kannte, konnte er 2018 das 70. Ehejubiläum feiern.

Bekannt durch die Heimatgeschichten

Erich Tischer arbeitete ab 1948 für die Margarinewerke in Preußisch Oldendorf. Der ersten Zeit als Buchhalter folgten sein interner Aufstieg und eine enge Verbindung zur Familie Vortmeyer. Nachdem Erich Tischer fast 40 Jahre die Geschicke des Betriebes mitgestaltet hatte, begann 1985 seine Rentnerkarriere und damit die Zeit, des Forschens, Wanderns und der geordneten Geselligkeit. Vielen Preußisch Oldendorfern ist er bekannt durch seine Heimatgeschichten aus dem Rundblick. Schlussendlich wurde 2018 ein Buch daraus und damit ein wunderbares Stück Erinnerung an Menschen und Ereignissen aus seinem Leben – geschrieben auf dem Computer und redigiert auf einem Laptop (ein Geschenk zu seinem 80. Geburtstag).

Neben seiner Vorliebe für Geschichten ist Erich Tischer aber auch ein geselliger Typ. Zusammen mit 15 Freunden begann er mit dem Eintritt ins Rentenalter, den Mittwoch zum Lieblingstag zu küren. Gemeinsame Wanderungen, Kegelabende, die Spende einer Ruhebank an der heutige Sekundarschule und später das Kaffeetrinken an der Bremer Straße waren über Jahrzehnte der Höhepunkt zur Wochenmitte. Wer ihn in der ersten Reihe beim Jazzfrühstück, einem Theaterstück oder bei einer seiner Stadtrundfahrten traf, durfte sich über einen eloquenten, vielseitig interessierten und schelmischen Gesprächspartner freuen.

Nach dem Verkauf des elterlichen Hauses zog es Erich Tischer im Alter von 97 Jahren in die Jahnstraße. Dem betreuten Wohnen folgte ein Platz im Vitalis-Pflegeheim, wo er auch die Corona-Zeit in einer für ihn ungewohnten Stille und Untätigkeit erlebte. Die Lust aufs Feiern sei ihm aber keineswegs abhanden gekommen, erzählte er noch im Mai. Zwar würde alles viel kleiner als erhofft ausfallen – aber verzichten wolle er auf keinen Fall.

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