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Der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst Minden-Lübbecke lässt Turm der St.-Dionysius-Kirche grün erstrahlen

„Es geht nicht nur um den Tod“

Preußisch Oldendorf

Der jährliche „Tag der Kinderhospizarbeit“ ist für die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Deutschen Kinderhospizvereins (DKHV) normalerweise ein Fest der Freude.

Peter Götz

Weithin sichtbar leuchtete der grün illuminierte Kirchturm nach Einbruch der Dunkelheit im Ortskern, um auf die Situation von jungen Menschen mit lebensverkürzenden Erkrankungen aufmerksam zu machen. Foto: Peter Götz

Dieses Jahr stand der Tag im Rahmen der geltenden Kontaktbeschränkungen sprichwörtlich in einem ganz besonderen Licht.

„Lasst uns Deutschland grün erleuchten“ lautete die Parole des bundesweit tätigen Vereins, um auf die Situation junger Menschen mit lebensverkürzender Erkrankung und deren Angehörige aufmerksam zu machen. Also erstrahlte der Turm der St.-Dionysius-Kirche nach Anbruch der Dunkelheit an diesem kalten Februarabend in grünem Licht. Grün – die Farbe des Lebens und der Hoffnung – symbolisiert den Anspruch und das Ziel der Initiative. Die farbige Beleuchtung sollte, anlässlich des traditionellen Gedenktags, ein Signal der Verbundenheit und Solidarität setzen.

Im ganzen Land wurden anlässlich der Aktion Firmen, Brücken, Gebäude, Wahrzeichen, Tore, Geschäfte, Türme und Kirchen grün illuminiert, fotografiert oder gefilmt, um in den sozialen Medien unter dem Stichwort „tagderkinderhospizarbeit“ veröffentlicht zu werden – mehr ist unter den derzeitigen Auflagen nicht möglich gewesen.

So trafen sich in Preußisch Oldendorf vor dem Kirchengebäude in der Spiegelstraße auch nur wenige Personen: Pastor Michael Weber mit Ehefrau Marietta als „Hausherren“ der Kirche begrüßten Helena Feer vom DKHV Minden-Lübbecke.

„Es geht bei uns nicht nur um den Tod“, beschreibt Helena Feer ihre Erfahrungen aus der Praxis, „wir begleiten im Leben, mit allem was dazugehört. Wir gehen in die Familien, verbringen viel Zeit mit den Kindern, den Eltern und Geschwistern und stehen den Betroffenen auch bei der Erledigung formaler Angelegenheiten zur Seite. Im Kreis Minden-Lübbecke gibt es eine tolle Gruppe mit 30 ehrenamtlich tätigen Helfern, die im Moment 20 Familien betreuen“.

Helena Feer vom DKHV und Pastor Michael Weber in winterlicher Kulisse vor der St.-Dionysius-Kirche. Foto: Peter Götz

Diese Helfer wurden in einem 100-stündigen Befähigungskurs gründlich auf die vielfältigen Situationen in den betroffenen Familien vorbereitet; momentan nehmen acht weitere Interessenten an Online-Seminaren teil. Alle potenziellen Mitarbeiter haben jederzeit die Möglichkeit, aus dem Programm auszusteigen, falls sie sich von der Aufgabe überfordert fühlen oder aus anderen Gründen nicht mehr weitermachen wollen.

Helena Feer, die als Erzieherin arbeitet und Mutter von drei Kindern ist, kam im Jahr 2007 nach mehreren familiären Schicksalsschlägen zur Hospizarbeit. Für sie selbst stand ein Ausstieg nie zur Debatte, obwohl sie in ihrem Freundeskreis teilweise auf Unverständnis stieß. Dieses Ehrenamt habe ihr ganz neue Perspektiven auf ihr eigenes Leben eröffnet, besonders dann, wenn ein schwer krankes Kind unerwarteter Weise wieder gesund würde, was auch manchmal passiere. „Ich selbst habe drei gesunde Kinder, dafür bin ich sehr, sehr dankbar – jedes Mal, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, ist das ein gutes Gefühl, Menschen zu helfen, denen es nicht so geht“, so Helena Feer.

„Für die Betroffenen ist es eine große Hilfe, wenn jemand da ist, der reinschaut und ein offenes Ohr hat, wenn einem zum Klagen oder Schimpfen zumute ist, der Anteil nimmt an Situationen, wenn Andere sich zurückziehen, gerade dann, wenn man sie am meisten braucht“, ergänzt Pastor Michael Weber. „Oder die Menschen kapseln sich selbst aus Angst oder Schamgefühl von der Umgebung ab – da ist es schon eine große Erleichterung, wenn diesen Menschen wieder jemand den Weg ins Leben weist, denn meistens ist es ein Abschied auf Raten, den die Familien in einem solchen Fall erleben.“ Auf die Hospizarbeit werde gewöhnlich relativ wenig geschaut, das bekomme er als Pastor natürlich mit, deshalb sei es ihm auch ein besonderes Anliegen, die Aktion kurzfristig zu unterstützen“, sagte Pastor Weber. „Unsere Botschaft der Aktion ist: Habt keine Angst – wir sind bei Euch und lassen Euch nicht im Stich – dafür steht der grün erleuchtete Kirchturm heute Abend ganz besonders!“

Der DKHV entstand im Jahr 1992 auf Initiative betroffener Familien, die Gruppe im Kreis Minden-Lübbecke bildete sich 2005. Wer Interesse an der Arbeit des Vereins hat, findet im Internet auf der Website www.deutscher-kinderhospizverein.de weitere Informationen. Für die Unterstützung der Aktion in Preußisch Oldendorf bedankte sich Helena Feer im Namen des Vereins bei der evangelischen Kirchengemeinde, der Ortsheimatpflege, der Stadtverwaltung und allen ehrenamtlichen Helfern.

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