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Mitgliederversammlung des Zweirad-Sportclubs – Trial-Action im Motorpark am Wiehen in Preußisch Oldendorf

Geschick statt Geschwindigkeit

Preußisch Oldendorf (WB/pg). Im Motorpark am Wiehen geht es um die sichere Beherrschung von allem, was Räder hat. Die top-gepflegte Cartbahn mit dem Vereins- und Gastronomiebereich liegt versteckt hinter zwei langgestreckten Hallen und ist ohne weiteres nicht zu sehen. Vor den Hallen liegt die etwa 8000 Quadratmeter große Freifläche.

Wer mit dem Fuß den Boden berührt, hat verloren – Heiko Voß demonstriert eindrucksvolle Balanceakte auf dem Bike. Ruhig und konzentriert bugsiert er seine Profi-Trialmaschine über wacklige Baumstämme. Foto: Peter Götz

Deren Bestimmung erschließt sich spätestens, als Heiko Voß den Motor seiner nagelneuen „Montesa“ mit drei kurzen Kicks zum Leben erweckt. Zuerst balanciert er im Stand auf der 300-Kubikzentimeter-Profi-Trialmaschine, um den Schwerpunkt und das Verhalten des Fahrwerks zu erkunden, dann lässt er gefühlvoll die Kupplung kommen, um deren Finetuning es bei diesem Test geht. Mit einem sonoren Brabbeln setzt sich das Bike in Bewegung zu einem Autowrack, das natürlich nicht zufällig dort steht.

Es ist am Samstagmorgen die erste Herausforderung. Es versteht sich von selbst, dass der Weg nicht um das Auto herum führt, sondern direkt darüber hinweg. Von vorne, von hinten, dann kurz über einen steilen Hügel, wieder übers Auto, danach geht es zu aufgeschichteten Baumstämmen. Auch über die kann man fahren, sofern man die Maschine beherrscht wie Heiko Voß und seine Kollegen. Das sieht ganz schön waghalsig aus, wie Voß sein Bike über die wackligen Hölzer bugsiert, er selbst wirkt dabei absolut ruhig und konzentriert.

Die Maschine beherrschen

„Trial ist ein Zusammenspiel von Konzentration, fahrerischem Können und der Maschinenbeherrschung. Um Geschwindigkeit und Zeit geht es im Trial-Sport nicht“, erklärt der vielfach ausgezeichnete Zweirad-Enthusiast aus Levern, der schon seit mehr als 41 Jahren, mit seinem Kollegen Andreas Koch, auf zwei Rädern abseits asphaltierter Straßen unterwegs ist. Anfangs auf umgebauten Klapprädern, später auf BMX- und Mountainbikes.

Seit 1987 bestritt Heiko Voß Motocross-Rennen, wobei er sich 1993 bei einem Sturz in der Eifel schwere Verletzungen zuzog, so dass er „erst mal zur Besinnung kommen musste“, was seine Cross-Ambitionen anging. Erneut infiziert mit dem „Offroad-Virus“ wurde er 1994 beim Besuch der Trial-Weltmeisterschaft in Osnabrück. Seitdem geht es für ihn nicht mehr um Geschwindigkeit, sondern ausschließlich um die Geschicklichkeit im Umgang mit der Maschine, was bei guter Vorbereitung weit weniger Verletzungsrisiko bedeutet.

„Einen Wettbewerb zu fahren, heißt: keine Füße auf den Boden. Derjenige mit den wenigsten Bodenberührungen gewinnt. Das hat mich so fasziniert, dass ich mir eine entsprechende Maschine kaufte und fortan Trial-Wettbewerbe fuhr. Jetzt habe ich zuhause den Schrank voller Blechpötte stehen“, so Voß. „Beim Trial-Geschehen ist die Energie nicht so groß“, erläutert Pädagoge Andreas Koch, „insofern sind Verletzungsrisiko und die Schäden am Material wesentlich geringer als beim Cross. Da es keine Sitzbank gibt, steht man auf der Maschine, die Federung spürt man direkt in den Beinen, es gibt einen breiten Lenker, so dass das Gefährt durch Gewichtsverlagerung auch in kompliziertem Gelände beherrschbar ist.“

1995 den Verein gegründet

1995 gründeten die beiden den Zweirad-Sportclub e.V., um dessen Belange es in der anschließenden Mitgliederversammlung in den Schulungsräumen des Motorparks geht. Dabei müssen formale Beschlüsse zu einer Satzungsänderung gefasst werden, um einen Wechsel der Versicherungsgesellschaft zum Versicherungsschutz des ADAC vollziehen zu können, da die bisherige Police viel zu teuer geworden sei.

Für Kassenwart Holger Lindemann aus Bad Essen, gleichzeitig Geschäftsführer des Motorparks, ist dieser Schritt unerlässlich, um auch weiterhin „einen bezahlbaren, rechtssicheren Betrieb von Cartbahn und Fahrerschulungen“ gewährleisten zu können. Für Lindemann geht es in erster Linie um die Verkehrssicherheit und so ist es für ihn nicht ganz ersichtlich, warum in Deutschland ein spezielles Sicherheitstraining, wie zum Beispiel Trial im Motorradbereich, nicht zum Erwerb des Führerscheins vorgeschrieben ist, wie es in anderen europäischen Ländern wie Österreich seit 2006 zum Standardverfahren gehört.

„Wir sprechen über 40 Prozent weniger Unfalltote seit 2006 durch ein Mehrphasentraining mit verkehrspsychologischer Begleitung der Führerscheinbewerber“, erklärt der Verkehrsexperte, „dies ist eigentlich in der EU-Rechtsverordnung so festgeschrieben, aber erfahrungsgemäß wartet man in Deutschland so lange, bis das deutsche Recht zum EU-Recht wird – dann braucht man das nämlich nicht mehr umzusetzen. Wir waren selbst schon in Berlin bei der deutschen Dependance des EU-Parlaments am Brandenburger Tor, auf einer Veranstaltung zu „Road Safety“, da wurde uns von deutscher Seite erklärt, dass man ja alle vier Jahre auch wiedergewählt werden möchte. Da wäre es äußerst unpopulär, den Führerschein noch teurer zu machen.“

Verein hält Sicherheitstraining für unerlässlich

Irgendwie erscheint dies, nicht nur hinsichtlich des urdeutschen Sicherheitsanspruchs, nicht nur für Holger Lindemann, Heiko Voß und Andreas Koch unverständlich bis verantwortungslos, zumal die Briten, Polen, Österreicher und der gesamte Benelux-Bereich Erfolge mit diesen Schulungskonzepten erzielen. Ein Fahrsicherheitstraining kostet im Motorpark etwa 210 Euro, mehr Infos unter www.motorpark-wiehen.de.

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