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Varlerin Annette Meier-Topp erstellt Broschüre über Hölten Tüg-Herstellung

Als die Löffel noch geschnitzt wurden

Rahden (WB). „Hölten Tüg ut Lepel-Varl“: vom Kochlöffel bis hin zur Kornschaufel – diesen Weg aus der Historie zeichnet Annette Meier-Topp aus Varl nach. Die Heimatfreundin hat die Geschichte der Varler Holzschnitzer recherchiert und in einer 56-seitigen Broschüre zusammengefasst. Wegen der Corona-Krise musste die Vorstellung des Werkes vor dem Haupthaus des Rahdener Museumshofs minimalistisch ausfallen. Dort stellte die Autorin das erste Exemplar der Auflage vor. Annette Meier-Topp überreichte es dem Vorsitzenden des Heimatvereins Varl-Varlheide, Günter Meyer.

Peter Götz und Dieter Wehbrink

Mit gebotenem Abstand übergibt Annette Meier-Topp das erste Exemplar an Günter Meyer (Vorsitzender Heimatverein) Foto: Peter Götz

„In Varl hat sich im 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein die Schnitzerei von Holzgeräten, sprich Löffeln, Schaufeln oder auch Mollen für verschiedenste Zwecke als Tradition so verdichtet erhalten, dass der Ort im Volksmund unter dem plattdeutschen Beinamen Lepel-Varl, sprich Löffel-Varl, bekannt war“, erläuterte Annette Meier-Topp. „Dieses Handwerk war damals ein typischer Zuerwerb, da die kleinbäuerliche Landwirtschaft auf den kargen Böden nicht genug für den Lebensunterhalt abwarf.“

Seit Generationen betrieben

Bereits seit 2018 trug die engagierte Lokal-Historikerin die Fakten für das nun vorliegende Werk zusammen. Unterstützt wurde sie dabei von den Geschwistern Gerda Steinkamp und Friedhelm Riesmeier, den Enkeln des letzten Varler Holzschnitzers Wilhelm Riesmeier, der bis ins Jahr 1961 sein Handwerk ausübte – und dies noch bis kurz vor seinem Tod. Der Senior starb im Alter von 91 Jahren. Im Hause Riesmeier war diese handwerkliche Tradition stets von Generation zu Generation weitergegeben worden. Mit dem Tod von Wilhelm Riesmeier ebbte mit zunehmender Industrialisierung das Interesse an den hölzernen, handgearbeiteten Produkten ab: Die Menschen konnten solche Dinge bequem im Geschäft kaufen, etwa aus Materialien wie Kunststoff.

Annette Meier-Topp hat interessante Fakten zusammengetragen. So war das Herstellen des „Hölten Tüges” früher weit verbreitet. Schon die Varler Heimatforscherin Frieda Warner schrieb vor 20 Jahren in ihrem viel beachteten Buch, dass man sich in den Dörfern sogar untereinander abgesprochen habe, wer welche Produkte herstelle. So wollte man vermeiden, dass beispielsweise das ganze Dorf nur Löffel herstellte. „Die Arbeiten waren reine Wintertätigkeiten“, weiß Meier-Topp. „Sie waren nur dann möglich, wenn die Arbeit auf dem Feld getan war. Dazu kam, dass das Holz für das Hölten Tüg im Winter eingeschlagen wurde. Es war eine sehr mühsame Arbeit, um vom Stamm bis zur fertigen Schöpfkelle zu kommen”, weiß Meier-Topp. „Dafür mussten sicherlich auch mehrere Menschen aus dem Haus mit anpacken.“

Auch in Nachbardörfern hergestellt

Zweifellos erforderte die Herstellung von Kochlöffeln, Mollen und Co. handwerkliches Geschick. Die Arbeiten waren deshalb auch nicht während der früher üblichen gemeinschaftlichen „Spinneabende“ von Nachbarschaft oder Verwandtschaft zu erledigen, denn man brauchte schon allein wegen der anfallenden Späne einen größeren Arbeitsbereich. Auch die Arbeitsgeräte konnte man nicht mitnehmen, wie etwa Strickzeug.

Natürlich sei auch in den Nachbardörfern Hölten Tüg hergestellt worden, aber in Varl muss dies sehr intensiv betrieben worden sein – daher auch der Name Lepel-Varl.

Annette Meier-Topps Motivation für die Erstellung der Broschüre war primär die Bewahrung und Dokumentation des Wissens über die Lebensumstände und den Alltag unserer Vorfahren. Dies sei im Zeitalter der digital sozialisierten Nachfolgegenerationen nur noch sehr schwer oder gar nicht mehr vorstellbar, sagte die Varlerin. „Diese Broschüre erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und stellt auch keine wissenschaftliche Abhandlung dar, sondern versucht, den Menschen unserer Gegend fast verlorene Geschichte in einer kleinen Zusammenstellung nahezubringen. Vereinzelt verwendete plattdeutsche Begriffe zeigten, dass nicht immer alles direkt übersetzbar ist, und helfen vielleicht, ein Gefühl für die Thematik zu bekommen.“ So steht es im Vorwort des reich bebilderten Büchleins, das bei „Schowenga“ und in der Buchhandlung „Das Buch“ zu haben ist.

Die Erstauflage von „Hölten Tüg ut Lepel Varl“ beträgt 200 Exemplare, hat 33 Fotos und ist zum Selbstkostenpreis von 7,50 Euro erschienen.

Zusätzlich zu den Verkaufsstellen nimmt Annette Meier-Topp auch gern telefonische Bestellungen unter Telefon 05771/60314 entgegen.

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