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Landesregierung lockert Schulbetrieb nur vorsichtig – Einblick in Unterricht am Gymnasium Rahden

Distanzlernen geht vorerst weiter

Rahden

Der Beschluss der Landesregierung Nordrhein-Westfalen besagt: Vom 22. Februar an gehen zumindest die Grundschulen und die Abschlussjahrgänge wieder in einen Präsenz-Wechselunterricht.

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So sieht es aus, wenn Schülerinnen und Schüler sich zur Videokonferenz treffen. Auch Spaß gehört dazu. Foto: Gymnasium Rahden

Pro Schultag wird dann jeweils nur eine halbe Klasse in der Schule unterrichtet. Weiterhin ist also vielfach Distanzlernen angesagt, bis es weitere Lockerungen gibt.

Mit Hilfe von Lehrern und Schülern des Gymnasiums Rahdensoll erläutert werden, wie so etwas abläuft und welche Erfahrungen gemacht wurden.

Die Schulgemeinschaft des Gymnasiums hat bereits im Sommer begonnen, sich auf ein mögliches Distanzlernen vorzubereiten und dabei Erfahrungen aus dem ersten Lockdown einfließen lassen.Im Frühjahr hatten Lehrkräfte und Schüler es als ungeheuer hilfreich empfunden, die schulinterne digitale Kommunikationsplattform „Iserv“ nutzen zu können, um untereinander in Kontakt zu bleiben und das Distanzlernen zu organisieren.

Schulöffnungen in NRW

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsiden Armin Laschet (CDU) sagte, er habe sich bei den Schulöffnungen mit den Ländern Hessen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz abgesprochen. Auch dort soll es ab dem 22. Februar wieder begrenzt Präsenzunterricht geben. In NRW sollen Lehrkräfte zudem zweimal pro Woche die Möglichkeit haben, sich auf das Coronavirus testen zu lassen.

„Deshalb begannen wir schon in der ersten Woche des Schuljahres, die neuen Fünftklässler im Umgang mit Iserv zu schulen. Die älteren Schüler erweiterten ihre Fertigkeiten“, erläutert Lehrerin Christine Hörnschemeyer. „Wichtig war uns auch, die häuslichen Gegebenheiten unserer Schüler besser zu berücksichtigen. Die Erfassung der technischen Voraussetzungen ergab, dass die Unzuverlässigkeit des Internets in bestimmten Gegenden ein Problem werden würde.“ Außerdem hätten nicht alle Familien Drucker, um Arbeitsblätter ausdrucken zu können. „Die Ausstattung mit digitalen Endgeräten ist sehr unterschiedlich, in vielen Familien müssen die Geräte von mehreren Familienmitgliedern genutzt werden“, sagt Hörnschemeyer.

Die Lehrer versuchten, darauf mit verschiedenen Maßnahmen und Absprachen Rücksicht zu nehmen. Hier einige Beispiele:

In den jüngeren Jahrgängen wurden Arbeitshefte in den Hauptfächern als Ersatz für Arbeitsblätter angeschafft.

Es werden verstärkt Lehrbuchaufgaben eingesetzt, Lernplattformen mit direkter Rückmeldung genutzt und gemeinsame digitale Kursnotizbücher geführt.

Schüler ohne digitales Endgerät stattete das Gymnasium mit Leihgeräten aus der Schule aus.

Videokonferenzen werden nur nach detaillierter Absprache abgehalten.

Ein verlässlicher organisatorischer Rahmen musste her:

Um 8 Uhr werden Aufgaben für die Fächer, die laut Stundenplan für den Tag anstehen, hochgeladen.

Die Abgabe der Aufgaben von Schülern der Klassen 5 bis 9 erfolgt bis 20 Uhr desselben Tages, die Oberstufe hat bis 22 Uhr Zeit.

„Dieser Rahmen sorgt einerseits dafür, dass sich nicht zu viele Aufgaben ansammeln. Auf der anderen Seite haben die Familien Spielraum, den Tag so zu planen, dass Endgeräte geteilt werden können“, erläutert das Gymnasium.

Erfahrungen der Schülerinnen

Für alle Beteiligten bleiben in der täglichen Umsetzung des Distanzunterrichtes jede Menge Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Die folgenden Erfahrungsberichte von Schülerinnen aus der Klasse 5a illustrieren das lebhaft:

Milana erzählt: „Morgens stehe ich meistens um 7 Uhr auf. Dann habe ich noch Zeit, mich für den Tag fertig zu machen. Wenn ich danach mein Tablet einschalte, gehe ich direkt auf Iserv und gucke, was ich alles bearbeiten soll. Meistens fange ich um 8.30 Uhr mit meinen Aufgaben an, eigentlich bin ich immer um 12.30 Uhr fertig. Später kann es aber auch werden, wenn ich trödele oder die Aufgaben nicht verstehe, manchmal auch einfach, weil wir mehr Aufgaben haben. Seitdem wir von zu Hause aus arbeiten, ist alles etwas anders, man kann etwa später frühstücken und anstatt der

Arsenii muss sich auch in der Notbetreuung der Schule in die Konferenz einschalten.i Foto: Gymnasium Rahden

Lehrer kann man ein Familienmitglied fragen, ob es die Aufgaben erklären kann. Ich hätte nie gedacht, dass ich technisch jetzt so viel kann. Wenn Corona vorbei ist, freue ich mich, keine Masken mehr zu tragen, alle wiederzusehen und endlich wieder zur Schule zu gehen.“

Annika beschreibt ihren Alltag so: „Ich stehen jeden Morgen um 7 Uhr auf. Um 8 Uhr mache ich das Laptop an und erledige meine Aufgaben. Wenn es nicht so viele sind, bin ich meistens um 13 Uhr fertig, bei mehreren oder schwierigen Aufgaben manchmal erst am Nachmittag. Es ist jetzt vieles anders. Es ist auch blöd, dass ich meine Freunde nicht treffen kann. Manchmal ist es aber auch ein bisschen besser, dass keine Mitschüler da sind, weil es dann viel ruhiger ist und ich mich besser konzentrieren kann. Mich nervt am meisten, dass keine Lehrer da sind, die die Sachen erklären können.“

So erlebt Isa das Homeschooling: „Ich wache meistens um 9 oder 9.30 Uhr auf. Dann liege ich manchmal noch 10 Minuten einfach im Bett. Wenn ich aufgestanden bin, gucke ich immer, was wir heute für Aufgaben haben. Es ist gut, dass Iserv so sortiert ist. Mittlerweile komme ich echt gut damit klar. Ich beginne meine Aufgaben immer um 10.30 Uhr, also ziemlich spät, weil ich sie mit einer Freundin mache. Wir sind dann mit kleinen Pausen um 14 Uhr fertig. Ich kann mich nicht so gut konzentrieren wie im Unterricht. Und auch den Lehrer kann man nicht direkt fragen. In den Videokonferenzen sehen wir nur die Hälfte oder ein Drittel der Klasse. Und es ist unnormal leise, was eigentlich gut ist, aber ich vermisse es.“

Noch sind die Klassenräume im Gymnasium leer. Foto: Gymnasium Rahden

Und Marieke sagt: „Ich stehe morgens ungefähr um 8 Uhr auf und beginne dann um 9 Uhr mit den Aufgaben. Freitags stehe ich früher auf, weil ich schon um 8 Uhr eine Videokonferenz habe. Am meisten fehlen mir meine Freunde. Es ist auch blöd, dass keine Lehrer da sind, die helfen und Aufgaben erklären. Besser als bei dem normalen Unterricht ist, dass ich mehr Ruhe habe. Ich hätte vor einem Jahr nicht gedacht, dass ich jetzt schon so selbstständig arbeiten kann.“

Lehrerin beklagt lahmes Internet

Über ihre Erfahrungen mit dem digitalen Distanzlernen berichtet eine Lehrerin des Gymnasiums Rahden:

„Die Stimmung am 11. Dezember war bedrück, weil im Gegensatz zur Schulschließung im März nun schon alle wussten, was auf sie zukommt.

Glücklicherweise hatten wir in unserer sechsten Klasse frühzeitig einen Projekttag veranstaltet und die technischen Voraussetzungen der einzelnen Schüler abgefragt. Bereits in den Sommerferien war ein Konzept erarbeitet worden, wie das Lernen auf Distanz organisiert werden sollte.

Unser Hauptproblem liegt in der äußerst schwierigen Versorgung mit schnellem Internet. Ich erlebe die Videokonferenzen. Ich teile mein Haus mit meinen drei schulpflichtigen Kindern (15, 11 und acht Jahre alt) und meinem Mann, der sich auch im Homeoffice befindet. Täglich beschäftigen wir uns mit den Herausforderungen der modernen Technik.

Es gibt bereits eine Hitliste der am meisten gesagten Sätze, ganz vorne dabei „Das Internet ist heute eine Katastrophe“, „Homeschooling ist doof, Mama“, „35MB-Handyfotos und so verwackelt, dass mir schwindelig wird“.

Inzwischen beherrschen meine Schülerinnen und Schüler das Erstellen von PDF-Dateien und bewegen sich sicher auf diversen Lernplattformen im Netz. Sie strengen sich an, obwohl einige keinen Drucker haben, manche Schüler mit nur einem Endgerät für die ganze Familie ausgestattet sind, einige Schülerinnen alles ausnahmslos am Handy erledigen und viele ohne eine vernünftige Internetverbindung.

Meine Lerngruppen erhalten deutlich mehr Lob als Tadel. Sie liefern alle (!) ihre Aufgaben ab. Sie entschuldigen sich, wenn etwas nicht pünktlich kommt. Sie übertreffen meine Erwartungen, weil sie mit Fleiß, Motivation und Durchhaltevermögen an ihren Aufgaben arbeiten.

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