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Museumseisenbahn Rahden-Uchte sucht junge Leute zum Mitmachen

Ein Stück Rahdener Kulturgeschichte

Rahden (WB). Der rote „Uerdinger“-Schienenbus hat sich in diesem Jahr ungewöhnlich früh auf seine letzte Fahrt der Saison begeben. Auch die Museumseisenbahn Rahden-Uchte hat mit der Corona-Pandemie zu kämpfen. „Maske, Mindestabstand und Desinfektionsmittel sind während der Fahrt Pflicht“, berichtet der Vorsitzende Berndt von Mitzlaff.

Peter und Julian Götz

Sascha und Christine Schwarze bereitet das „Eisenbahnerleben“ viel Freude. Sie benötigen aber dringend junge Kollegen. Foto: Götz

Diese Vorschriften galten für 20 Fahrgäste, die die rund 25 Kilometer lange Strecke zwischen Rahden und Uchte in dem historischen Triebwagen zurücklegten. Die erst vierte Fahrt der Saison war zugleich die letzte – 2019 waren es noch 87 gewesen. „Durchwachsen wäre geprahlt“, resümiert Triebfahrzeugführer Sascha Schwarze. Mit seiner Frau und Wagenführerin Christine Schwarze zählt er zu den etwa 100 ehrenamtlichen Mitgliedern der Museumseisenbahn.

Keine Nikolausfahrt

„Unter den Corona-Regeln fehlen die Fahrten mit vielen Teilnehmern völlig – auch die Nikolausfahrten sind nicht möglich“, bedauert Schwarze. Dabei sind die Sonderfahrten die größte Einnahmequelle der Saison; etwa 800 Passagiere verbuchte die Museumseisenbahn alleine bei den zwei „Nikolausfahrten“ im vergangenen Jahr.

Ebenso entfällt der Besuch des jährlichen Schlachtfests in Uchte, das traditionell zahlreiche Passagiere anlockt. „Auch Hochzeitsfahrten sind nur schwer umzusetzen“, ergänzt Berndt von Mitzlaff. „Die Corona-Maßnahmen erschweren natürlich auch den Umgang mit Getränken und Speisen.“

Die überschaubare Anzahl an Fahrten bedeute aber nicht, dass für die Mitglieder nicht reichlich Arbeit anstehe. Jeden Samstag finden sich Ehrenamtliche zusammen und verrichten essenzielle Aufgaben auf dem Gelände westlich des Kreisels am Bahnübergang, das die Firma Meier-Guss den Museumseisenbahnern zur Verfügung stellt.

„Alle Arbeiten, für die keine speziellen Berechtigungen erforderlich sind, erledigen wir selbst“, betont der Vorsitzende. „Dazu zählen unter anderem das Freischneiden der Strecke, Reparaturen an den Schranken oder an den Fahrzeugen selbst.“

Altersstruktur bereitet Probleme

Der Großteil der Mitglieder sei gehobenen Alters und nicht mehr zur Erfüllung anstrengender physischer Aufgaben in der Lage – übrig bleibe etwa ein halbes Dutzend Aktive. Eine Verjüngung sei daher dringend geboten, betont Berndt von Mitzlaff. Dabei ist die ehrenamtliche Arbeit der Museumseisenbahner mehr als ein nostalgisches Festhalten an Kindheitsträumen oder an der „guten alten Zeit“.

Durch ihren unermüdlichen Einsatz tragen die verbliebenen Aktiven dazu bei, dass ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Identität des Eisenbahnstädtchens erhalten werden kann. Durch das Engagement der Mitglieder wird die Erinnerung an die Vergangenheit bewahrt, als Rahden ein bedeutender Knotenpunkt des Schienenverkehrs war. Um 1900 beschäftigte die damalige Reichsbahn rund 400 Mitarbeiter im hiesigen Gebiet.

Die Museumseisenbahn repräsentiert also nicht nur die Geschichte der Wagen, Schienen und Gleise, sondern auch im hohen Maße die Identität des Ortes – auch noch mehr als ein Jahrhundert später. Ein Gang über das angestammte Werksgelände ist – genauso wie die Vorstellung, wie die tonnenschweren Wagen mit Hilfe der fast 23 Meter langen Drehscheibe aus dem Jahr 1954 bugsiert werden – sehr beeindruckend für den Betrachter. Alles, wirkt in Form und Funktion massiv, groß und versprüht einen eisernen Charme.

Gut ausgestattete Werkstatt

In den roten Backsteinmauern des bogenförmigen Lokschuppens, der „Garage“ des „Uerdingers“, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Hier findet der Besucher ein lebendiges Museum vor, in dem es so richtig nach Arbeit aussieht – mit dem typischen Metall-Öl-Geruchsgemisch in der Hallenluft. Hier gibt es für jede Schraube den richtigen Schlüssel, im kleinen Werkstattbüro hängen die Pläne und Wartungsvorgaben, das ist bei der Museumsbahn nicht anders als bei der „großen Schwester”. Nichts fehlt, um den Betrieb der historischen Personenbeförderung aufrecht zu erhalten – was langsam knapp wird, sind die Fachleute.

„Eisenbahnfahrzeuge werden auf eine Nutzungsdauer von maximal 20 bis 30 Jahre ausgelegt, das ist schon viel“, beschreibt Sascha Schwarze den Zustand des roten Schienenbusses. „Da ist der ‚Uerdinger‘ schon mindestens das Doppelte drüber, und trotzdem ist er relativ pflegeleicht. Man bekommt auch noch Teile und noch gibt es Leute, die sich damit auskennen – doch beides wird weniger.“

Er selbst steuert nicht nur die Triebwagen, sondern legt bei allen anfallenden Arbeiten Hand an, damit er Wissen und handwerkliche Fertigkeiten an kommende Generationen weitergeben kann. Zu dieser Generation gehört der 16-jährige Dominik, der auf einer Nachwuchs-Werbeveranstaltung beim Tag der offenen Tür mit der Museumsbahn in Berührung kam und seither ein gern gesehener Kollege im Verein ist.

Schrankenwärter steigt aus Zug

Auf der vorerst letzten Fahrt der Saison erfüllt er die Aufgabe des Schrankenwärters. Denn der Wagen darf nicht einfach über die Bahnübergänge hinwegfahren, sondern muss kurz davor anhalten, damit der Schrankenwärter aussteigen kann. Er schließt die Schranken und die Eisenbahn kann sicher passieren. Im Anschluss öffnet der Wärter die Beschrankung und steigt wieder zu.

Die Museumsbahn Rahden-Uchte bietet jungen Leuten die Möglichkeit, eine verantwortliche Rolle in einem System einzunehmen, das auf echter Gemeinschaftsleistung basiert. Auf genau die kommt es im Betrieb der Museumsbahn an und somit ist auch jede Fahrt der Triebwagen ein Projekt, dessen Erfolg vom Teamgeist abhängt.

Nicht einmal Corona kann diesen Aspekt verderben, zumindest nicht für Sascha Schwarze: „Am wichtigsten ist der Spaß bei der Arbeit und ein positives Erlebnis der Passagiere“, betont er am Bahnsteig vor der letzten Fahrt. Wie es nächstes Jahr weitergeht, bleibe abzuwarten. Für den Triebwagenführer, die Zugführerin, den Stationsvorsteher, den Schaffner und nicht zuletzt den Schrankenwärter ist die Fahrt mit der Bahn immer wieder ein Erlebnis.

Das Drumherum – Anpacken, Präzision und Planung – gehören bei den echten Eisenbahnern eben dazu genau so wie der Nachwuchs und erfahrene Eisenbahnhistoriker wie Claus Dieme, der diese Zeitung dankenswerter Weise auf eine kleine Zeitreise über das Bahngelände mitnahm.

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