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Viele ehemalige Schüler hören Vortrag ihres einstigen Lehrers

Günter Matthäus ist ein echter Sielhorster geworden

Rahden (WB). Mit dem Läuten der alten Schulglocke (die Günter Matthäus vor der Verschrottung rettete) hat der Vorsitzende der Alten Garde, Wilfried Hollmer, die Gäste begrüßt. Fast alle Stühle im Sielhorster Dorfgemeinschaftshaus waren besetzt.

Die eigenständige Schule Sielhorst ist seit Ende 1968 Geschichte gewesen. Noch bis 1973 wurden wegen Platzbedarfs die Schüler der Grundschule Varl hier unterrichtet, erinnert Günter Matthäus.

Dieser erste Klönnachmittag, der vom Heimatverein, dem Sozialverband und von der Alten Garde veranstaltet wurde, stand unter dem Motto »Vom oberbergischen Land nach Sielhorst«. Günter Matthäus, der letzte noch lebende Lehrer, der in der Sielhorster Schule unterrichtet hat, freute sich über die vielen Besucher. Mit den Worten: »So ein schlechter Lehrer kann ich nicht gewesen sein«, wandte er sich an die Zuhörer. Bei dieser großen Resonanz der war er sichtlich gerührt.

Als Junglehrer im Gasthaus gewohnt

Nach dem Kaffeetrinken schwärmte Helga Pörtner (Sozialverband) noch von der damaligen Schulzeit: »Wir wären gern noch länger geblieben, es hat uns einfach nur Spaß gemacht bei dir als Lehrer.« Günter Matthäus hatte eine knapp zweistündige Power-Point-Präsentation vorbereitet, die sogar einige Video-Sequenzen über vergangene Zeiten enthielt – sei es die Kuba-Krise oder Ereignisse, die zum Teil das Dorfbild in Sielhorst veränderten – ob es die Flurbereinigung war oder Großbrände in Sielhorst, wie das ehemalige Gasthaus Wagenfeld, in dem hatte Günter Matthäus als Junglehrer sogar einige Zeit gewohnt, bevor er die Wohnung in der Sielhorster Schule bezog.

Sein Leben sei von vielen Zufällen geprägt worden, beschrieb er seinen beruflichen Werdegang, der ihn aber letztlich nach Sielhorst führte. Die Herausforderungen einer kleinen Dorfschule, sowie das Landleben mit der plattdeutschen Sprache waren schon anders als in einer Stadtschule, wo er anfangs tätig war.

Nach der Präsentation bedankte sich Karl-Heinz Kopmann, Vorsitzender des Heimatvereins noch einmal im Namen aller Gäste bei Günter Matthäus für einen bemerkenswerten Vortrag. Im Namen der Veranstalter wurde zum Abschluss noch ein Präsent und ein Blumenstrauß überreicht. Auch der Ortsvorsteher Willi Kopmann sagte der Familie Matthäus und den Ausrichtern für den schönen Nachmittag Danke.

Auszüge aus dem Vortrag

Mit Bildern und Worten stellte Matthäus zunächst seine alte Heimat, seinen schulischen Werdegang sowie seine Aktivitäten in der Jugend und während des Studiums vor. Es war von Anfang an sein Wunsch, Lehrer zu werden. Das Studium verdiente er sich durch Steinbrucharbeit in den Semesterferien. Auf das angestrebte Pädagogikstudium in Würzburg musste er leider verzichten, denn er sollte sich nach dem Examen noch für eine fünfjährige Lehrertätigkeit in Bayern verpflichten.

So erhielt er noch einen Studienplatz in Kettwig an der Ruhr, denn er wollte in NRW in der Nähe seiner Familie bleiben. Im Rahmen der Ausbildung war er für einen Praktikumsplatz am Niederrhein vorgesehen. Der Zufall wollte es aber, dass ihm ein anderer Dozent einen Platz beim Landschulpraktikum an einer Blasheimer Schule anbot. Dort lernte er auch seine spätere Frau kennen. Nach dem 1. Examen wurde Günter Matthäus – entgegen seinem Wunsch – nicht dem Kreis Lübbecke, sondern einer großen Stadtschule in Dortmund zugewiesen, wo er bis zu den Herbstferien 1962 seinen Dienst versah.

Wieder ein Zufall

Wieder spielte ihm der Zufall in die Karten: An einem Wochenende traf er am Dortmunder Hauptbahnhof einen Studienkollegen, der sich als gebürtiger Essener für eine Stadtschule interessiert hatte, aber einer Landschule in Tonnenheide zugeteilt worden war. Matthäus schlug ihm ein Tauschgesuch vor, denn er wollte gern, auch wegen seiner Verlobten, in den Kreis Lübbecke. Dem Gesuch wurde von der Regierung stattgegeben.

Zu diesem Zeitpunkt geriet er in eine Stellenrotation im damaligen Amt Rahden: Der Sielhorster Lehrer Glaser wechselte nach Varlheide, der Varlheider Kollege Thielking wurde nach Tonnenheide versetzt und der für Tonnenheide vorgesehene Günter Matthäus gleich nach Sielhorst weitergeleitet. Es war fürwahr ein durch viele Zufälle bestimmter Weg vom Rhein an den Diekfluss. Im Herbst 1962, trat er seinen Dienst an der Volksschule Sielhorst an. Auffällig waren in der ersten Zeit die Unterschiede zwischen den Stadtschülern und denen an der Landschule. Bedingt auch durch das Zusammenleben und das »Sich-Durchsetzen-müssen« in der Enge der Stadt waren diese Kinder wesentlich lebhafter als die Sielhorster Schüler, die wohlbehütet oft in Mehrgenerationenhäusern in der Beschaulichkeit des Dorfes aufwuchsen und gut zu führen waren.

Schüler in Stadt und Dorf

Was das Denkvermögen anbetraf, gab es kaum Unterschiede, wohl aber im sprachlichen Bereich. Natürlich hatten die Stadtschüler einen etwas größeren Wortschatz, weil sie in ihrer vielschichtigen städtischen Umgebung einer größeren Reizüberflutung ausgesetzt waren. Weil auf dem Land in vielen Familien nur Platt gesprochen wurde, war es nicht verwunderlich, dass die Schulanfänger anfangs manchmal Platt und Hochdeutsch beim Erzählen vermischten. Sätze wie: »Zum Geburtstag hab ich einen neuen Holster bekommen«, »Vor unserem Hagen sind immer ganz viele Wannewurpshaufen« oder »Unser Nachbar ist Jäger, der hat gestern mit seinem Püster eine Hekster geschossen« sind Günter Matthäus­ noch in Erinnerung geblieben. Das änderte sich, als das Fernsehen Fuß fasste.

Im weiteren Verlauf des Vortrags hatten die Besucher Gelegenheit, sich beim Betrachten von Bildern aus dem Schulleben in die eigene Schulzeit 1962 bis 1968 zu versetzen. Fotos vom Gruppenunterricht, vom Theaterspiel oder von Ausflügen führten zu regem Gedankenaustausch. Beim Betrachten von Klassenfotos hörte man nicht selten die Frage: »Wer war das noch mal?«

Was das Sielhorster Platt und die Brauchtumspflege betraf, erfuhr Matthäus anfangs der 60- Jahre viel Neues. So erlebte er wie durch die Flurbereinigung die Sielhorster Parklandschaft ihr schönes Gesicht verlor und dass der Kaffee ein Schwaten war. Er kannte weder Spinnabende noch das »Bestürn« vor Beerdigungen.

Aktiv in Vereinen

Mittelpunkt in seiner Freizeit in war neben Aktivitäten in anderen Vereinen der Gesangverein. Hier wurde nur Platt gesprochen. Mit Namen wie Knösters Willi, Lückings August, Räkers Gustav, Bult Frieda, Pohlmeiers Willi oder Heikenbrinks Willi konnte er zuerst nichts anfangen. Auch Ausdrücke wie Schniederfüer oder Kusenpiene waren ihm fremd. Sätze wie: »Et es bannig kolt vandage« oder »Bi use Oma gew et faken Köksel« schrieb er gelegentlich auf und ließ sie von seiner Frau übersetzen. Im Laufe der Zeit wurden ihm das Platt und die dorfeigene Brauchtumspflege immer vertrauter und Günter Matthäus wurde ein Sielhorster.

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