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Bürgermeister Dr. Bert Honsel kritisiert Corona-Politik von Bund, Land und Kreis – Sorge um Existenzen

„Menschen sind müde und wütend“

Rahden (WB/weh)

Rahdens Bürgermeister Dr. Bert Honsel hat Stellung zur aktuellen Corona-Lage und den Bund/Länder-Entscheidungen vom Dienstag, 23. März, bezogen

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Ein Bild aus Rahden von der vorherigen Ausgangssperre. Wer vom Kleinendorfer Kreuz kam, wurde am Ortseingang von Kleinendorf mit den Hinweistafeln dazu konfrontiert. Foto: Andreas Kokemoor

. Dabei spart er nicht mit Kritik. „Weltweit und damit auch in Deutschland wird seit Beginn der Corona-Krise, also seit etwa 12 Monaten, intensiv in der Wissenschaft, der Politik, der Bevölkerung, der Wirtschaft, den Sportverbänden, der Ärzteschaft, und dort insbesondere der Intensivmediziner, den Religionsgemeinschaften – also der gesamten Gesellschaft – darüber diskutiert und immer mehr gestritten, welches der ‚richtige‘ Weg zur Bekämpfung des Virus ist“ sagt Honsel. „Das Ziel aller Bemühungen war und ist unstrittig – nämlich die Anzahl der Menschen, die infiziert werden können, so gering wie möglich zu halten, um die Sterberate aufgrund der Erkrankung und mögliche erhebliche Folgeschäden zu minimieren. Insoweit war und ist es auch weiterhin wichtig, mit deutschlandweit nur beschränkt vorhandenen Ressource der Intensivbetten und des Intensivstationen-Personals schonend umzugehen. Denn jedem an diesem gefährlicheren Virus erkrankten Menschen sollte und soll die Chance eröffnet bleiben, sich im Extremfall intensiv in einem Krankenhaus behandeln zu lassen.“

Dr. Bert Honsel, Bürgermeister in Rahden Foto:

Darum verstehe es sich, dass die deutschen Intensivmediziner als „richtigen“ Weg überwiegend „harte“ Lockdowns inklusive umfassender Ausgangssperren über mehrere Wochen forderten, räumt Honsel ein.

Auf der anderen Seite der „Bekämpfungsskala“ befänden sich jedoch spätestens seit dem zweiten Lockdown im Spätherbst 2020 Vertreter der Wirtschaft, insbesondere des Einzelhandels, in den immer mehr gebeutelten Innenstädten, des Gastronomie- und Hotelgewerbes und der Tourismusbranche.

„Sie kämpfen um die wirtschaftliche Existenz und das Überleben ihrer Mitglieder und bieten seit Monaten Hygiene-Konzepte an, mit denen eine Öffnung der Wirtschaft möglich erscheint“, sagt Honsel. „Dort werden die betroffenen Gewerbetreibenden wegen der Existenzängste wohl oft auch gesundheitliche Einschränkungen erlitten haben.“

Und „mittendrin“ seien die Bevölkerung, die Arbeitnehmer, Eltern, Kinder und Jugendlichen, Lehrer, Erzieher, Pfleger, mit den unterschiedlichsten eigenen Ideen für den „richtigen“ Weg, um aus dieser zumindest psychisch belastenden Krise herauszukommen, sagt Honsel.

„Viele Menschen, auch im Kreisgebiet und in Rahden, sind inzwischen müde und wütend zugleich. Es geht in der Pandemie-Bekämpfung nicht wirklich voran. Die zwei bedeutendsten Säulen der Bekämpfungsstrategie, nämlich die Impfung der Bevölkerung und die regelmäßige Testung zumindest der Gruppen, die tagtäglich eng zusammen sind – wie die Kinder und Jugendlichen in den Kitas und Schulen und deren Personal – tragen bis heute nicht – trotz aller vorhergehenden Versprechungen“, erklärt der Bürgermeister. „Viele im Vergleich dazu kleine Ungereimtheiten bei den staatlich in NRW verordneten Bekämpfungsmaßnahmen – etwa wie Blumen im Lebensmittelgeschäft, aber nicht im Blumenladen kaufen zu können – oder das Verbot, in einer riesigen Tennishalle mit zwei Spielern Tennis zu spielen (während in Niedersachsen das wiederum möglich war!), haben zu einer deutlichen Verärgerung in der Bevölkerung geführt.“

Bürgermeister Dr. Bert Honsel

Verschärft habe sich das Unverständnis in weiten Teilen der Bevölkerung insbesondere in der Weihnachtszeit, als Besuchsverbote, Ausgangsbeschränkungen und Geschäftsschließungen verhängt wurden, es aber bei Gottesdiensten der Religionsgemeinschaften bei der Bitte der staatlichen Organe geblieben sei, keine Präsenzgottesdienste durchzuführen.

„Auch nach der neuesten Verfügung des Kreises und der Verordnung des Landes NRW verbleibt es bei der Bitte an die Religionsgemeinschaften, zu Ostern keine Präsenzgottesdienste durchzuführen, obwohl es gerade aktuell in der Stadt Lage im Kreis Lippe bei einer Religionsgemeinde zu einem Super-Gau mit 1000 Gemeindemitgliedern in Quarantäne und deutlich mehr als 100 Infizierten gekommen ist“, übt Honsel Kritik. „Als gläubiger Christ schmerzt es mich selbstverständlich, wenn ich – freiwillig – nicht an dem so wichtigen christlichen Osterfest in den Präsenzgottesdienst gehe werde. Aber in solchen schwierigen Zeiten müssen andere Dinge Vorrang haben und ein digitaler Gottesdienst ausreichen. Und dies muss in einer Verpflichtung der Religionsgemeinschaften münden.“

Wie der Fall in Lage aktuell vor Augen führe, sei der größte Verbreitungsfaktor des Corona-Virus die unkontrollierte Ansammlung von Menschen. Das hätten zum Einen wissenschaftliche Untersuchungen ergeben. „Und zum Anderen erschließt sich das jedem Menschen mit gesundem Verstand. Darum ist es ja so wichtig, dass jeder die ja seit 12 Monaten weltweit bekannten Regelungen beachtet: Abstand halten, Hygiene beachten, im Alltag Maske tragen, regelmäßig lüften“, betont Honsel. „Unkontrollierte Ansammlungen“ gebe es bei Volks- und Stadtfesten, großen Sportereignissen, Konzerten und auch vereinzelt im privaten Bereich: „Deshalb war und ist es unabdingbar, diese Zusammenkünfte zu verbieten. Das hat auch der weitaus überwiegende Teil der Bevölkerung verstanden. ‚Unkontrollierte Ansammlungen‘ können aber meines Erachtens sehr wohl in der Wirtschaft unter Berücksichtigung der schlüssigen Hygiene-Konzepte vermieden werden.“ Hier traue aber die Landesregierung NRW der Wirtschaft weniger zu als mancher Religionsgemeinschaft, denn ab dem 29. März werde durch die neue Verordnung des Landes der Handel wieder eingeschränkt, obwohl aus Sicht des Krisenstabs des Kreises vom Dienstag der gerade erst wieder geöffnete Einzelhandel nicht für die gestiegenen Fallzahlen verantwortlich sei.

„Übrigens: Ausgangssperren, wie sie vom Kreis bis zum 12. April für das gesamte Kreisgebiet verhängt wurden, spielen nach wissenschaftlicher Untersuchung aus Februar nur eine untergeordnete Rolle bei einer erfolgreichen Pandemiestrategie“, sagt Honsel.

Er betont jedoch: „Bei aller Kritik gilt für mich allerdings auch heute: Ich werde selbstverständlich die jetzt neu verfügten Verpflichtungen beachten und bitte auch die Rahdener, dies zu tun. Und ich möchte mich bei allen Rahdenern für ihr vorbildliches Verhalten in den vergangenen 12 Monaten bedanken.“

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