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»KUL-TÜR«-Veranstaltung: Lukas Rietzschel aus Görlitz liest in Rahden

Von den Problemen im Osten

Rahden  (WB). Wer ist Lukas Rietzschel? Der Name dürfte aktuell nicht vielen Menschen ein Begriff sein. Das kann bald jedoch ganz anders aussehen.

Florian Hemann

Lukas Rietzschel bei seiner Lesung in der Stadtbucherei. Der Görlitzer beschrieb die Probleme seiner ostdeutschen Heimat. Sein Buch ist ein Bestseller. Foto: Florian Hemann

Der Görlitzer hat es mit gerade einmal 24 Jahren direkt auf die Bestseller-Listen geschafft. Nun las er auf Einladung von »Kul-Tür« in Rahden. Der 317-Seiten-Roman trägt den Titel »Mit der Faust in die Welt schlagen«.

Und als das Buch nach der Veröffentlichung präsentiert werden musste, hat sich Lukas Rietzschel damals ganz bewusst gegen eine Großstadt entschieden. Dabei wäre Berlin, wo der Ullstein-Verlag seinen Sitz hat, eigentlich die richtige Adresse gewesen. Doch es wurde sein Wohnort Görlitz in Sachsen. Und damit hat er sich für die Präsentation jene Region ausgesucht, in der auch sein Roman spielt. Es ist der »neue« östliche Teil Deutschlands, der Lukas Rietzschel sehr am Herzen liegt aber große Sorgen bereitet. Nazis würden in Görlitz oft das Straßenbild prägen, sagte Rietzschel.

Woher kommt der Hass?

So berichtete er in der Rahdener Stadtbücherei von einem Besuch auf dem Amt. Er brauchte einen neuen Ausweis und hatte gegenüber von sich einen Mann sitzen, der sein nationalsozialistisches Gedankengut mit Tattoos ganz offensichtlich zur Schau trug und da ganz normal mit seinem Kind spielte. »Woher kommt dieser Hass?«, fragte sich Lukas Rietzschel. »Und warum ist es ausgerechnet meine Heimat?«

Darum und um die Radikalisierung junger Menschen im Osten geht es in seinem Buch. Schauplatz ist eine trostlose Kleinstadt in der Lausitz. Statt blühender Landschaft gibt es Industriebrachen. Die Brüder Phillip und Tobias gelangen in dieser Tristesse in die Fänge von Nazis.

Mehr sei an dieser Stelle über die fiktive Geschichte nicht gesagt. Vielfach vermischt sich aber jene Fiktion mit der Realität. So ähnelt eine Szene aus dem Buch einem Vorfall im sächsischen Polenz. Dort hatten drei Nazis auf einem Dorffest aus Hass mehrere Ausländer schwer verletzt und wurden später unter anderem wegen versuchten Mordes verurteilt.

Die Vorsitzende des Rahdener Vereins »KUL-TÜR«, Monika Büntemeyer, gehört zu den Menschen, die von dem Buch ganz begeistert sind. Sie hatte seinerzeit eine Rezension gelesen und fragte den Autor für eine Lesung in Rahden an. Inzwischen ist der Kalender von Lukas Rietzschel ordentlich gefüllt. Neben Rahden stehen in den nächsten Tagen Lesungen in Hamburg, Paris, Rostock und Lübeck auf dem Programm.

Präsent sein

»Von Rahden habe ich zuvor nie gehört«, gab der Autor im Gespräch mit unserer Zeitung zu. »Aber ich lese gerne abseits der Großstädte.« Ähnlich war es auch mit seiner Wohnortwahl. Geboren im Osten, zog es ihn für das Studium in den Westen. Doch danach ging er ganz bewusst zurück in die ehemalige DDR. »Wenn ich auch noch weggehe wie alle anderen Freunde, ist da ja keiner mehr. Es geht auch darum, präsent zu sein gegen die rechten Strömungen.«

So detailliert und penibel Lukas Rietzschel trotz seines jungen Alters schreibt, so differenziert ist er auch bei seiner Sicht auf »den« Osten und die Sorgen der Bevölkerung.

Die Gründe für die AfD-Erfolge im Osten hätten seiner Meinung nach wenig mit der Flüchtlingskrise zu tun. »Der Riss hat sich schon viel eher gezeigt«, sagt der Autor. »Der Mittelstand fühlt sich abgeholt von dieser Partei. Sie erweckt den Eindruck, nicht die West-Interessen zu vertreten.«

Soziale Ebene komplett weggebrochen

Mit Sorgen schaut er auf den geplanten Ausstieg aus der Kohleverstromung: »Das ist für viele Menschen in der Lausitz das zweite Mal, dass etwas abgewickelt wird. Und das fängt man auch mit Geld nicht auf.«

Es gehe auch nicht nur um Arbeitslosigkeit, die gebe es andernorts genauso. »Die volkseigenen Betriebe sorgten zu DDR-Zeiten nicht nur für den Arbeitsplatz, sondern auch für das kulturelle Leben nach der Arbeit. Und diese soziale Ebene ist komplett weggebrochen.«

Der Roman kommt ohne erhobenen Zeigefinger aus und streckt die Hand stattdessen vielmehr zum Gespräch aus. Mehr Verständnis füreinander – das ist vielleicht auch die zentrale Quintessenz seiner Lesung in Rahden.

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