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Untere Naturschutzbehörde mahnt Rücksicht bei Spaziergängen in der Natur an

Vorsicht Tierkinder-Stube!

Rahden (WB). Da aufgrund der Corona-Krise Kontaktbeschränkungen gelten, unternehmen viele Rahdener aus Sicherheitsgründen lieber Spaziergänge in der heimischen Natur, als überlaufene Ausflugsziele zu besuchen. Dies jedoch kann derzeit zu Konflikten mit der Tierwelt führen. „Es ist dringend nötig, dass die in der Natur lebenden Tiere während der Fortpflanzungszeit nicht gestört werden“, warnt die Untere Naturschutzbehörde beim Kreis Minden-Lübbecke.

Dieter Wehbrink

In wenigen Wochen, Anfang Juli, werden auch die extrem selten gewordenen Rebhühner ihre Küken großziehen. Die Untere Naturschutzbehörde des Kreises Minden-Lübbecke bittet Spaziergänger um besondere Rücksicht auf die Kinderstuben in der Natur. Foto: dpa

Beliebt im Rahdener Land sind traditionell Spaziergänge an den Ufern der Großen und Kleinen Aue sowie am Diekfluss. Vor allem entlang des Naturschutzgebietes an der Großen Aue – beginnend in Varlheide und endend in Preußisch Ströhen – werden in den Corona-Wochen viele Spaziergänger beobachtet. Sie können einseitig auf dem befestigten ursprünglichen Auewall gehen und auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses in das Renaturierungsgebiet schauen. Das ist mit entsprechender Rücksichtnahme auch legal und nicht zu beanstanden.

Probleme

Problematischer wird es jedoch, wenn die Besucher durch die renaturierten Flächen neben der Großen Aue streifen. Besonders ärgerlich: Vor allem in Höhe Kleinendorf fanden sich mehrfach eindeutige Hinterlassenschaften. Dort wurden in den abgelegenen und von außen nicht einsehbaren Arealen verbotene nächtliche Corona-Partys gefeiert. Zu allem Übel kam hinzu, dass die unerwünschten „Gäste“ auch noch ihren Müll – wie Flaschen und Grillkohle – liegen ließen.

Auf jeden Fall dürften diese Eindringlinge nachts die Ruhe des Wildes erheblich gestört haben. Dies ist auch deswegen schändlich, weil die Natur zurzeit die reinste Kinderstube ist.

Die Brut- und Setzzeit ist voll im Gange. Die Vögel balzen und bauen ihre Nester, junge Hasen und Rehkitze sind schon geboren. Sie liegen versteckt und allein in den Wiesen und warten auf ihre Mütter, die regelmäßig die Nahrungssuche unterbrechen, um ihren Nachwuchs zu säugen.

Wichtig: Wer ein Rehkitz im Gras entdeckt, sollte es auf keinen Fall anfassen, Der menschliche Geruch führt dazu, dass die Mutter das Kitz im Stich lässt und das Kleine jämmerlich verhungern muss. Besteht die Sorge, dass die Wiese womöglich bald gemäht wird und das gut versteckte Kitz von den Maschinen getötet werden könnte, sollte der Landwirt oder ein Jäger informiert werden. Mit Hilfe von gerupftem Gras, das die Hände beim Transport des Kitzes bedeckt, kann das Jungtier vor der Mahd aus dem Gefahrenbereich getragen und ganz in der Nähe abgelegt werden. Die Mutter wird es wiederfinden.

Gelegentlich kommt es vor, dass Junghasen überraschend in Gärten der Rahdener Siedlungsgebiete entdeckt werden. Auch dann gilt: Nicht anfassen und schon gar nicht mitnehmen, um das niedliche, aber hilflos wirkende Häschen etwa ins Tierheim zu bringen. Die Natur hat es so eingerichtet, dass sich Junghasen völlig allein ablegen. Die Mutter kommt in der Nacht nur wenige Minuten, um den Nachwuchs zu säugen. Rehkitz- und erst recht Junghasenaufzucht in Menschenhand ist sehr schwierig: Oftmals sterben die Tiere trotz intensivster Betreuung.

Gefährdet

Auch die stark gefährdeten so genannten Bodenbrüter brüten in den Wiesen und Äckern. Hierzu zählen der Fasan, aber auch besonders stark gefährdete Arten wie Rebhuhn, Feldlerche, Brachvogel und Kiebitz. „Besonders beim Kiebitz ist jedes Jungtier sehr wertvoll“, schreibt Janine Küchhold von der Pressestelle des Kreises Minden-Lübbecke. „Die Bestände des Wiesenvogels sind zwischen 1992 und 2016 um 88 Prozent zurückgegangen und sein markanter Ruf ‚kii-witt‘, dem er seinen Namen zu verdanken hat, ist auch in den Naturschutzgebieten nur noch selten zu hören.“

Dabei waren Kiebitze, als es im Rahdener Land noch viel mehr Grünland gab, bis in die 70-er Jahre hinein sehr zahlreich. Ältere Bürger erinnern sich noch gern daran, wie die Kinder im Herbst bunte hübsche Kiebitz-Federn aus den Wiesen sammelten, die dort in Zeiten der Mauser zu Hunderten lagen.

Wer Kiebitze heutzutage in etwas größerer Zahl sehen möchte, findet sie im Ochsenmoor zwischen Dielingen und Hüde. Dort, in den Feuchtwiesen nahe des Dümmers, sind die Vögel noch mit ihrem rasanten Flug und ihrem eindrucksvollen Ruf zu beobachten.

Eindringliche Bitte

Die Untere Landschaftsbehörde bittet Bürger dringend, sich in den Naturschutzgebieten und Arealen wie der Aue-Renaturierung an das Wegegebot zu halten und Hunde an der Leine zu führen. „Allein die Störung, die durch das Betreten von Wiesen durch Mensch und Hund ausgelöst wird, löst bei den bodenbrütenden Vögeln und anderen Tieren Panik aus und kann dazu führen, dass Bruten aufgegeben werden“, warnt die Behörde. „Dadurch können die Jungvögel sterben.“

Sich in der Natur rücksichtsvoll und auf den ausgewiesenen Wegen zu bewegen, sei ein wichtiger Beitrag zum Artenschutz, den alle Menschen im Kreis Minden-Lübbecke leisten könnten.

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