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Unklarheiten im Prozess um mutmaßliche Geiselnahme – Urteil am 9. Januar

Zeugen widersprechen sich

Rahden (WB). Im Prozess gegen einen 28-jährigen Rahdener, der eine 18-Jährige und ihren Stiefvater in seinem Auto zu einem abgelegenen Waldweg in Stemwede gefahren und mit einer Pistole bedroht haben soll, ergibt sich weiter kein klares Bild von den Geschehnissen. Was sich bereits am ersten Verhandlungstag andeutete, als sich das mutmaßliche Opfer während ihrer Zeugenaussage teilweise in Widersprüche verstrickte (wir berichteten) setzte sich bei der weiteren Beweisaufnahme fort. „Komplex“, „verwirrend“ und „schwer zu überblicken“ – so beschrieben am Donnerstag sämtliche Zeugen, die Geschichte, mit der sie am 30. November 2018 auf unterschiedliche Art und Weise konfrontiert wurden.

Charlotte Peitsmeier

Der Prozess wird am Donnerstag, 9. Januar, fortgesetzt. Dann soll auch das Urteil gesprochen werden. Foto:

Entlastung durch Zeugin

Die 10. Strafkammer des Landgericht Bielefelds betrachtete den Sachverhalt zunächst aus der Sicht der Zeugin, die an besagtem Nachmittag mit einer Freundin im Auto ein Waldgrundstück in Stemwede passierte, als sie auf zwei Personen und ein am Straßenrand parkendes Auto aufmerksam wurde. Hier soll der Rahdener laut Anklageschrift die heute 18-Jährige mit einer Waffe bedroht und versucht haben, sie zu zwingen, sich auszuziehen, ehe sie der Situation entfliehen konnte.

An dieser Stelle entlastete die erste Zeugin den Angeklagten mit ihrer Aussage: „Als wir auf die Personen zufuhren, wirkte es so, als wollten sie sich voneinander verabschieden, nicht, als wäre es vorher zum Streit zwischen ihnen gekommen.“ Der Angeklagte sei ins Auto gestiegen und weggefahren, dabei habe er der ihm entgegenkommenden Zeugin noch freundlich zugewunken. Da das am Waldrand zurückgebliebene Mädchen verwahrlost ausgesehen habe, mit nur noch einem Schuh am Fuß und ohne Jacke, hielt die Zeugin dennoch an und fragte, ob alles in Ordnung sei.

Polizei informiert

Die junge Frau habe dann berichtet, dass sie von dem Mann, der ihrer Familie beim Umzug helfen sollte, bedroht worden sei. „Sie erzählte, dass ihr Stiefvater bereits zuvor aus dem Auto ausgesetzt wurde und irgendwo im Straßengraben liegt. Dann war plötzlich auch die Rede von einer Waffe, die der Mann dabei gehabt haben soll.“ Aufgrund dieser drastischen Schilderungen habe man die Polizei gerufen und das Mädchen zu einem nahegelegenen Bauernhof begleitet. Dort habe sie während des Wartens auf die Polizei zwar derangiert gewirkt und auch geweint, jedoch hielt die Zeugin fest: „Ich hätte anders reagiert, wenn mir zuvor etwas so Schlimmes passiert wäre. Das kam mir im Nachhinein alles etwas seltsam vor“.

Polizist sagt aus

Ähnliches konnte der zweite Zeuge in Hinblick auf den Stiefvater des Mädchens berichten, der nur einige hundert Meter weiter völlig aufgelöst auf seinem Hofgrundstück auftauchte und schilderte, entführt und bedroht worden zu sein. „Er hat dabei sehr widersprüchliche Angaben gemacht. Mal war von einer Waffe die Rede, dann wieder nicht. Insgesamt machte er nicht den Eindruck, als habe sich kurz zuvor ein schweres Verbrechen abgespielt“, gab der Zeuge, der selbst Polizeibeamter ist, seine Einschätzung ab. Anders hat dies die Polizeibeamtin im Dienst empfunden, die nach Eingang des Notrufs zunächst den Stiefvater auf dem Hofgrundstück des zweiten Zeugen antraf und später die Geschädigte, die auf dem anderen Bauernhof verweilte, hinzuholte. „Der Geschädigte hat gestottert, er hatte starke Schwierigkeiten, sich auszudrücken. Ich glaube nicht, dass er dazu in der Lage gewesen wäre, sich das alles auszudenken.“

Wollte Angeklagter Infos?

Im bisherigen Verlauf des Prozesses ist deutlich geworden, dass sich ein Großteil der Geschichte zwischen der zum Tatzeitpunkt in Espelkamp lebenden Familie und dem Familienvater aus Rahden im Hintergrund abgespielt hat und auch nach dem 30. November 2018 – anders als zunächst von der Geschädigten behauptet – noch nicht beendet war. Bei den mutmaßlichen Opfern soll es sich um Mietnomaden handeln, die die renovierte Wohnung der Schwägerin des Angeklagten im November 2018 in einen katastrophalen Zustand versetzt haben sollen. Es liegt nahe, dass der Angeklagte aus diesem Grund unter Verschleierung seiner Identität den Kontakt zu der Familie, vor allem zu der 18-jährigen Tochter gesucht hat, um Informationen einzuholen, die er im Rahmen der Mietstreitigkeiten gegen die Familie verwenden wollte. Zu welchen Mitteln er dabei letztendlich gegriffen hat, muss das Gericht entscheiden.

Urteil am 9. Januar

Eine zentrale Frage für die rechtliche Bewertung ist dabei sicherlich die nach der angeblich vom Angeklagten verwendeten Waffe, die sich weder bei der Durchsuchung des Angeklagten, noch am Tatort auffinden ließ. Zur Annahme einer Geiselnahme müsste nachgewiesen werden, dass besagte Waffe existiert und der Angeklagte die mutmaßlichen Opfer mit dem Tod oder einen schweren Körperverletzung bedroht hat, um sie zu einem Verhalten zu nötigen. Dies zumindest erscheint angesichts der derzeitigen Beweislage fraglich. Am 9. Januar 2020 erfolgt die Fortsetzung des Prozesses mit Plädoyers und Urteilsverkündung.

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