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„Stemwedes wohl größter Sohn“: Gedenken an NRW-Landwirtschaftsminister

Erinnerungen an Gustav Niermann

Stemwede (WB). Er war jüngster NRW-Landesminister, hatte keinen unerheblichen Anteil an der Gründung der Europäischen Gemeinschaft und blieb für viele doch immer ein „Wehdemer Junge“: Gustav Niermann hat in seinem Leben viel erreicht und die große Politik ein Stück weit nach Stemwede geholt. Aus Anlass seines 30. Todestages und 100. Geburtstags hat sich die Gemeinde Stemwede in einer Feierstunde an den CDU-Politiker erinnert.

Florian Hemann

Im Heimathaus in Wehdem erinnern Zeitungsausschnitte und Fotos an Gustav Niermann. Gabriele Niermann-Limpricht, die Tochter des früheren NRW-Landwirtschaftsministers, und Stemwedes Bürgermeister Kai Abruszat. Foto: Florian Hemann

Etwa 40 Personen, darunter viele Mitglieder der Familie Niermann-Limpricht, durfte Bürgermeister Kai Abruszat (FDP) im Wehdemer Heimathauses begrüßen. Für den Verwaltungschef besteht kein Zweifel: „Gustav Niermann ist wohl Stemwedes größter Sohn überhaupt“, urteilte Abruszat in seiner Rede. Als er, Abruszat, sich damals entschieden hatte, sein Landtagsmandat niederzulegen, um in der Gemeinde Bürgermeister zu werden, habe er in Düsseldorf eine Reaktion immer wieder gehört: „Stemwede? Das ist doch da, wo Gustav Niermann herkommt.“

Überzeugter Kämpfer für den ländlichen Raum

Abruszat sprach nur am Rande von Niermanns politischen Projekten rund um die Aue, die Flurbereinigung oder seinen Einsatz um Fördergelder für die Region. Vor allem aber sprach er über den Menschen: „Er war ein Mann der klaren Haltung und überzeugter Kämpfer für den ländlichen Raum. Sein Wort hatte Gewicht.“

Ganz persönlich schaute Schwiegersohn Dr. Eberhard Limpricht auf seinen Schwiegervater und den besonderen Moment, als er bei ihm um die Hand seiner einzigen Tochter Gabriele angehalten hatte. „Er war ein Familienmensch und der Hof der Mittelpunkt seines Lebens“, sagte Limpricht. „Menschen miteinander zu verbinden, auch über Parteigrenzen hinweg, war seine Maxime. Er kannte keine Gegner, sondern nur politische Freunde mit anderer Meinung.“

Sozialdemokrat Fritz Möller aus Wehdem saß derweil bei der Feierstunde zustimmend in der zweiten Reihe. Auch im Gespräch mit unserer Zeitung fand der 89-Jährige viele lobende Worte für den politischen Mitbewerber Gustav Niermann: „Wir hatten immer ein gutes Verhältnis. Er hat viel an die Allgemeinheit gedacht.“

Hubschrauber landet in Pferdewiese

Es war an diesem Morgen eine Zusammenkunft mit vielen Anekdoten. So berichte Eberhard Limpricht noch von dem Hubschrauber eines Bekannten Niermanns, der immer in der Pferdewiese des Wehdemer Hofes landete – „nach einer Genehmigung natürlich.“

Und Gabriele Niermann-Limpricht kennt neben ganz vielen Anekdoten noch eine Geschichte aus der Zeit, als ihr Vater Landrat im Kreis Lübbecke war. „Sie kamen nachts mit ein paar Leuten von einer Sitzung in Minden und machten auf dem Rückweg Halt an der Festhalle Kemner in Fabbenstedt.“ Dort fand zu dem Zeitpunkt eine Geflügelschau statt. Die Herrschaften klingelten bei den Anwohnern und gaben sich als Kommission aus, um spontan die Tiere zu überprüfen. „Nachdem sie durch die Halle gegangen waren, sind sie dann wieder gefahren“, erinnert sich Niermann-Limpricht, nicht ohne zu lachen.

Überhaupt ist sie es wohl, die am meisten von Gustav Niermann berichten kann und die am meisten mit ihm erlebt hat. Oft durfte sie für eine Woche aus der Schule fernbleiben und mit dem berühmten Vater zu internationalen Kongressen reisen. „Einmal war extra ein Begleiter für mich abgestellt. Da war ich acht Jahre alt.“

Einer ihrer Taufpaten ist kein geringerer als der frühere NRW-Ministerpräsident Franz Meyers („Wir waren damals viel in Düsseldorf, ich habe ihn oft gesehen.“) und auch Johannes Rau kannte sie gut.

Der Lebensweg von Gustav Niermann

Gustav Niermann (geboren am 15. Dezember 1919, gestorben am 4. Februar 1989) wollte eigentlich Arzt werden, musste das Studium jedoch aufgrund des Zweiten Weltkriegs abbrechen. Nach der französischen Gefangenschaft (bis 1947) übernahm er den Hof der Eltern, da seine drei Brüder gefallen waren.

1950 trat er der CDU bei. Von 1954 bis 1958 hatte er das Amt des Landrats des Kreises Lübbecke inne. Von 1954 bis 1975 war er Mitglied im NRW-Landtag. Am 24. Juli 1958 berief ihn Ministerpräsident Franz Meyers zum Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Mit dem Ende der Koalition schied er 1966 aus der Landesregierung aus. Danach war er unter anderem Präsident des Verbandes der Europäischen Landwirtschaft (CEA) und traf den Papst zur Privataudienz. „1000 Trauergäste gaben das letzte Geleit“, titelte diese Zeitung am 10. Februar 1989. Die Reden in der Wehdemer Kirche hielten unter anderem NRW-Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) und Konstantin Freiherr Heeremann, der Niermann dort als „bedeutendsten Wegbereiter der Europäischen Gemeinschaft“ bezeichnete.

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