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Nina Borkowski unterrichtet in Kanazawa angehende Physiotherapeuten – disziplinierte Schüler 

Japaner schätzen Tipps aus Stemwede 

Dielingen (WB). Die Gastfreundschaft der Japaner hat Nina Borkowski auch bei ihrem dritten Besuch im »Land des Lächelns« zutiefst beeindruckt. »Die Menschen sind unglaublich freundlich und bringen ihren Besuchern viel Herzenswärme entgegen«, sagt sie.

Sandra Reuter

Vor allem das Traditionsbewusstsein der Japaner hat die Dielinger Physiotherapeutin Nina Borkowski (Mitte) begeistert. Während eines Restaurantbesuches sind die Gäste aus Deutschland von Geishas bewirtet worden.

 Die Liebe zu Japan ist bei der Physiotherapeutin, die eine eigene Praxis in Dielingen hat, vor zehn Jahren entfacht worden. Grund für die Reise war damals wie heute das Austauschprogramm zwischen der Kanazawa Rehabilitation Academy und der berufsbildenden Völker-Schule in Osnabrück, wo sie seit 20 Jahren nebenberuflich als Lehrkraft für Physiotherapie tätig ist.

 Bei ihrem ersten Besuch in Kanazawa – die Stadt hat rund 450.000 Einwohner und liegt an der Westküste auf Japans Hauptinsel Honshu – wurde die Schulpartnerschaft, die auf fachlichen und kulturellen Austausch abzielt, gerade erst besiegelt. Längst sind echte Freundschaften entstanden.

 Wie bereits vor einigen Jahren hat Borkowski den angehenden japanischen Physiotherapeuten Fachunterricht erteilt, wobei die Manualtherapie in Theorie und Praxis im Vordergrund stand. Hier gilt es jedoch, die kulturellen Eigenheiten zu berücksichtigen: »Bei der Anwendung bleiben die Patienten angekleidet. Anders ist es in der Tradition nicht üblich«, erläutert die Spezialistin aus Dielingen.

 Noch vor zehn Jahren gab es in Japan keine Physiotherapie nach westlichen Maßstäben. »Heute haben zwar viele ein Diplom, doch die Erfahrung fehlt einfach noch«, sagt Borkowski. Beim Lernen seien die Japaner sehr diszipliniert, konzentriert und aufmerksam, zeigten sich aber auch zu Späßen aufgelegt.

 Verständigungsprobleme gibt es keine. »Viele Japaner sprechen Englisch, das ist die Unterrichtssprache bei meinen Seminaren«, sagt Nina Borkowski. Natürlich kann sie auch einige Brocken Japanisch: »Ich kann mich vorstellen, Essen bestellen, zählen und beherrsche auch die üblichen Höflichkeitsformen.«

 Das Interesse an der Ausbildung zum Physiotherapeuten ist in Japan groß. Ohnehin orientiert man sich dort sehr am deutschen Gesundheitssystem und hat viel daraus übernommen. Deutschland und Japan seien trotz aller kultureller Unterschiede mit den gleichen Problemen konfrontiert, sagt Nina Borkowski: beispielsweise dem demographischen Wandel. In der alternden Gesellschaft spiele die Physiotherapie eine immer größere Rolle.

 »In Japan steht allerdings die Rehabilitation im Vordergrund. Es geht vor allem darum, die Funktion im Alltag aufrecht zu erhalten, nicht um Fitness und Belastbarkeit bis ins hohe Alter oder Schmerztherapie, die den Ärzten überlassen bleibt«, erläutert die Dielingerin. »In Japan findet man auch keine Physiotherapie-Praxen. Behandelt wird in großen Reha-Zentren, die meist noch ein Krankenhaus beherbergen.«

 Die deutschen Physiotherapeuten profitieren wiederum davon, japanische Techniken zu erlernen – beispielsweise Akupressur. Nina Borkowski gefällt der ganzheitliche Ansatz der japanischen Lehre, die Körper, Geist und Seele einbezieht. »Wir sind im Westen doch sehr körperbezogen, in Japan geht es um ausbalancierte Energiebahnen und um Harmonie.«

 Nach dem fünftägigen Programm in Kanazawa ging es dann auf Sightseeing-Tour nach Osaka und Kyoto, wo die Dielingerin jede Menge unvergesslicher Eindrücke sammelte. »Auch in Großstädten findet man sich gut zurecht, denn U-Bahn- Fahrpläne und Speisekarten sind neben der Landessprache auch in Englisch gehalten«, erzählt sie.

 Besonders schätzt sie, dass Japan Traditonsbewusstsein und Moderne vereint. Die Vielfalt der Kultur und Gesellschaft hat sie an vielen Orten entdeckt. Angetan war sie von einer Aquarien-Ausstellung im Stil der Edo-Zeit im Kyoto-Castle, von den Tempelanlagen, alten Kaiserpalästen, dem Skygarden und den Filmstudios in Kyoto, vom Besuch in den »Japanischen Alpen« und dem Umeda Sky Building in Osaka.

 Ob in der Sushi-Bar oder beim Zehn-Gänge-Menü mit Bewirtung durch Geishas: Die Gastfreundschaft sei überall spürbar gewesen. Und das Interesse: »Ich bin auf dem Nishiki-Market, einem riesigen Lebensmittel-Markt in Kyoto, vom einem TV-Sender interviewt worden.

 Als Blondine, die nicht in einer großen Touristen-Gruppe unterwegs ist, ist man schon eine kleine Sensation«, schmunzelt sie. »Die Einheimischen können sich köstlich darüber amüsieren, wenn man eine für Deutsche doch eher exotische Spezialität wie Oktopus probiert.«

 Für Nina Burkowski steht fest: Alle zwei Jahre möchte sie Japan besuchen und die Schul-Partnerschaft mitgestalten. Doch dort zu wohnen – das kann sie sich nicht vorstellen. »In Japan bewegt man sich in vorgegebenen Gesetzmäßigkeiten mit strikten Hierarchien, denen man sich zu unterwerfen hat. So frei entfalten wie bei uns kann man sich nicht. Ungezwungen mit Vorgesetzten zu reden, ist beispielsweise undenkbar.« Dennoch steht für sie fest: »Japaner sind unvorstellbar freundliche und ehrliche Menschen.«

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