1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Stemwede
  6. >
  7. Kontroverse um Nitrat im Grundwasser

  8. >

Grüne Politiker um Ex-Ministerin Bärbel Höhn und Landwirte diskutieren an Messstelle

Kontroverse um Nitrat im Grundwasser

Stemwede (WB). Maximal 50 Milligramm Nitrat pro Liter im Trinkwasser sind erlaubt. Die Stemweder Wasserwerksbrunnen liegen weit unterhalb des Höchstwertes und sind unbedenklich (wir berichteten). Anders sieht es jedoch bei einem Kontrollbrunnen nahe der Niedermehner Straße im Ortsteil Butenbohm aus.

Dieter Wehbrink

Grüne Politiker und Landwirte haben an der Messstelle Butenbohm diskutiert (von links): Petra Walter-Bußmann, Benjamin Rauer, Andrea Herrmann, Bettina Fugh, Winrich Dodenhöft, Bärbel Höhn, Sebastian Allhorn, Joachim Schmedt, Hermann Gesenhues, Brigitte Höger-Allhorn und Dirk Langelahn. Im Butenbohm sind hohe Nitratwerge im Grundwasser gemessen worden. Foto: Dieter Wehbrink

186 Milligramm werden an der einzigen Stemweder Kontrollstelle des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) gemessen. Dieser hohe Wert war für Bärbel Höhn – Ex-NRW-Landwirtschafts- und Umweltministerin und jetzige Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit des Bundestags – der Anlass, sich vor Ort zu informieren. In Gegenwart des grünen Landtagskandidaten Benjamin Rauer sowie grüner Lokalpolitiker, nahm sie zur grundsätzlichen Nitrat-Problematik Stellung, wobei sie die Landwirtschaft als Verursacher ausmacht. Aufmerksame Zuhörer und Diskussionsteilnehmer waren Vertreter der Stemweder Landwirtschaft, an der Spitze ihr Verbandsvorsitzender Joachim Schmedt aus Dielingen.

»Kosten zahlt der Verbraucher«

Bärbel Höhn wies darauf hin, dass etwa 30 Prozent der Flächen in Deutschland einen zu hohen Nitratwert im Grundwasser aufweisen würden. Die EU habe deshalb ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet und übe enormen Druck aus, diesen Zustand zu verbessern.

Gelinge dies nicht, könne die EU Bußgelder in Höhe von 830 000 Euro für jeden weiteren Tag verhängen, an dem dieses Problem weiter bestehe. Es müsse daher zügig gehandelt werden, weil auch die Wasserwerke zunehmend hohe Kosten hätten, das Wasser zu filtern oder zu vermischen, damit es die gesetzlich vorgeschriebenen Höchstwerte für Nitrat und andere Schadstoffe nicht überschreite. »Die Kosten für die Wasseraufbereitung zahlen die Verbraucher. Besonders stark betroffen sind vor allem jene in belasteten Gebieten«, sagte Höhn.

Verschärfte Düngeverordnung

Die zuständigen Ministerien müssen sich jetzt um die Umsetzung der kürzlich verabschiedeten Düngeverordnung kümmern, die Bärbel Höhn unter dem Begriff »Hoftorbilanz« zusammenfasste. Sie gelte für große landwirtschaftliche Betriebe ab 2018 und für kleinere Betriebe ab 2023. Bärbel Hohn berichtete allerdings, dass Fachleute ihre Zweifel hätten, dass die jüngst vom Bundesrat verabschiedete verschärfte Düngeverordnung das Nitrat-Problem nachhaltig vermindern könne.

Für die grüne Politikerin wäre es der Idealfall, wenn die Anzahl der gehaltenen Tiere an die Fläche der Höfe gekoppelt würde. »Gülletourismus«, etwa aus dem viehreichen benachbarten Niedersachsen nach Stemwede, lehne sie ab: »Das ist keine Düngung, sondern Entsorgung.« Außerdem schaffe die Massentierhaltung nicht nur für das Grundwasser, sondern auch für die Artenvielfalt und den Klimaschutz sehr große Probleme.

»Messstelle befindet sich am falschen Standort«

Eine andere Meinung vertrat in der sachlich verlaufenden Diskussion mitten auf dem zugigen Feld erwartungsgemäß Joachim Schmedt. Er war in Begleitung seines Berufskollegen Dirk Lange-lahn (Levern) sowie CDU-Ratsfrau und Landwirtin Brigitte Höger-Allhorn zur Messstelle gekommen. Der LANUV-Kontrollbrunnen sei der einzige in ganz Stemwede und weise diesen hohen Nitratwert auf, obwohl die Trinkwasserbrunnen der Wasserwerke Destel und Dielingen so gut wie kaum belastet seien. Deshalb solle man über einen anderen Standort für die Butenbohm-Messstelle nachdenken, forderte Schmedt.

»Aussagekraft ist anzuzweifeln«

In Stemwede würden durchschnittlich nur 1,3 Stück so genannte Großvieheinheiten pro Hektar gehalten. »Das ist nicht viel. Deshalb ist es nicht gerecht, wenn die Butenbohm-Messstelle für einen roten Bereich auf der Landkarte sorgt und wir Stemweder Landwirte dadurch ähnliche Auflagen bei der mengenmäßigen Stickstoffausbringung bekommen wie Regionen, in denen fünf und mehr Großvieheinheiten gehalten werden«, übte Schmedt Kritik. Die Aussagekraft der Butenbohm-Messstelle für Stemwede sei mehr als anzuzweifeln, zumal man auch nicht wisse, welche Unterboden-Veränderungen sich im Umfeld mal ereignet hätten.

Schmedt gab der grünen Politikern noch eine wichtige Forderung seines Berufsstandes mit auf den Weg. Weitere Reglementierungen der Landwirtschaft seien auch wegen des damit verbundenen bürokratischen Aufwands verheerend für die Bauern: »Die Bürokratie ist einer der Hauptgründe für das Höfesterben.« Auch er müsse mindestens zwei Stunden pro Tag am Schreibtisch sitzen, um den ständig gestiegenen Anforderungen an die Bürokratie gerecht zu werden, sagte Schmedt.

Startseite