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Streit um Windkraftpläne in Bockhorns Horst: Interview mit Anlieger Wilfried Greve

»Notfalls wehren wir uns mit Klage«

Stemwede (WB). Seit Jahrzehnten sorgt das Thema Windkraft in Stemwede für Diskussionen und Ärger. Aktuell muss sich die Gemeinde am 7. März mit einer Normenkontrollklage auseinandersetzen, die der Windkraft-Investor Enertrag vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster eingereicht hat. Aber auch im Windkraft-Vorranggebiet Bockhorns Horst in Oppendorf/Oppenwehe gibt es Widerstände gegen den geplanten Bau von Turbinen.

Drei von zehn Alt-Windrädern im Gebiet Bockhorns Horst in Oppendorf/Oppenwehe: Der Investor möchte in einem ersten Schritt zwei der mehr als 20 Jahre alten Turbinen gegen zwei Anlagen mit 200 Metern Höhe austauschen. Dagegen wehren sich Anlieger. Foto:

Diese Zeitung sprach mit dem Oppenweher Wilfried Greve (57), der sich wie andere Anlieger in Bockhorns Horst gegen das Windkraft-Vorhaben in seiner Nachbarschaft wehrt. Das Gespräch führte WB-Redakteur Dieter Wehbrink.

Herr Greve, sind auch Sie konsequent gegen den Ausbau der Windkraft, wie es den Kritikern dieser Energieerzeugung ja gern von der Windkraft-Lobby vorgeworfen wird?

Wilfried Greve: Nein. Ich erkenne durchaus die Notwendigkeit, dass wir in Bezug auf klimafreundliche Energieerzeugung etwas tun müssen.

Und warum wehren Sie und andere Anwohner sich dann so vehement gegen die Pläne in Bockhorns Horst?

Greve: Sie müssen wissen: Bei uns im Gebiet sind schon zehn veraltete Anlagen seit 20 Jahren in Betrieb. Seit dem Bau dieser – aus heutiger Sicht relativ kleinen – Anlagen beklagen wir uns über den Lärm. Und jetzt plant der Betreiber in einem ersten Schritt zwei neue Anlagen mit einer Höhe von 200 Metern. Im Zuge dessen verspricht er, zwei Altanlagen abbauen zu wollen. Später, so befürchten wir, wird er Anträge auf die Errichtung von etwa drei weiteren Riesenanlagen stellen. Solche Pläne kursieren bereits.

Das klingt doch zunächst mal nicht unbedingt besonders besorgniserregend, wenn er im Prinzip nur zwei Anlagen austauschen will. Was ärgert Sie daran?

Greve: Diese Anlagen haben wie gesagt eine Höhe von 200 Metern. Dadurch werden sich der Schattenschlag, der Lärm und weitere Emissionen dieser Anlage noch verschärfen. Die Leidtragenden sind wir, die Anlieger.

Aber niemand in Deutschland darf ein Windrad ohne Genehmigung bauen. Im Genehmigungsverfahren prüfen doch die Behörden genau, ob die Turbinen die gesetzlich vorgeschriebenen Emissionswerte wie Lärm und Schattenschlag einhalten. Beruhigt Sie das nicht ein wenig?

Greve: Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre leider nein! Die jetzt noch von Investoren ausgenutzten Abstände von theoretisch unter 600 Metern zu bewohnten Gebäuden sind aus unserer Sicht viel zu gering. Wir befürchten, das die Angaben im Gutachten, das der Investor für den Oppendorfer Anlagen-Austausch der Genehmigungsbehörde – dem Kreis Minden-Lübbecke – vorgelegt hat, im späteren Einsatz der Anlagen nicht einzuhalten sind.

Wieso haben Sie diese Sorge?

Greve: Nehmen Sie nur mal die Lärm-Emissionen. Das Gutachten geht davon aus, dass die gesetzlich zulässigen Höchstwerte von 45 Dezibel in der Nacht und tagsüber 60 Dezibel nicht einzuhalten sind. Wir glauben, dass die jetzt angenommenen Berechnungen zu wenig berücksichtigt haben, dass die dann immer noch laufenden acht Alt-Windräder ja auch noch Lärm erzeugen. Zusammen mit den beiden neuen Riesenanlagen, so befürchten wir, wird sich die Lärmkulisse weiter verschärfen.

Nun ist es aber so, dass die Gemeinde Stemwede – unabhängig vom Ausgang des Normenkontrollverfahrens nächste Woche in Münster – entschieden hat, dass die Babbelage und Ihr Gebiet, also Bockhorns Horst, als Windkraft-Vorranggebiet ausgewiesen wurde. Ärgert Sie das?

Greve: Natürlich waren wir darüber nicht glücklich. Wir müssen es aber ungeachtet dieser lokalpolitischen Entscheidung dem Gemeinderat und Bürgermeister Kai Abruszat zu Gute halten, dass sie uns als langjährig Betroffene nicht komplett im Regen stehen lassen.

Wie meinen Sie das denn?

Greve: Als wir 1998 völlig überraschend den jetzigen Windpark vor die Nase gesetzt bekamen und dafür heftigste Kritik auf den Gemeinderat niederprasselte, zog die Kommunalpolitik die Notbremse und verhinderte mit einem Bebauungsplan zumindest, dass weitere Windräder in Bockhorns Horst mit exakter Benennung der Standorte aufgestellt werden durften. Dieser alte Bebauungsplan hat bis jetzt verhindert, dass neue Turbinen errichtet werden dürfen, obwohl Bockhorns Horst offiziell Windkraft-Vorranggebiet ist. Die Gemeinde will den Bebauungsplan neu aufstellen, weil die alte Version vermutlich nicht mehr rechtssicher ist. Uns, den Anliegern, wurde versprochen, dass man unsere Sorgen und Befürchtungen bei der Neuaufstellung ganz klar berücksichtigen will – immer unter Beachtung der aktuellen Gesetzeslage natürlich.

Sie haben also Hoffnung, dass die Lokalpolitik ihre Kritik berücksichtigt?

Greve: Ja, darauf setzen wir. Wir haben den Eindruck, dass sich unsere Stemweder Ratsvertreter in den vergangenen Jahren intensiv mit unserer Kritik und unseren Sorgen auseinandergesetzt haben. Das gilt auch mit Blick auf Entscheidungen, die sie treffen mussten. Leider sind ihnen aber oft die Hände gebunden, weil die Gesetzgebung keine klaren Vorgaben in Sachen Windkraft macht. Dies führt dann dazu, dass Gerichte offenbar in jüngster Zeit jeden noch so mühsam und sündhaft teuer erarbeiteten Flächennutzungsplan der Kommunen einkassiert haben. Das ist ein unhaltbarer Zustand.

Der Investor hat mittlerweile den Klageweg beschritten, um seine Ziele durchzusetzen. Welche Strategie verfolgen denn Sie und die anderen Anlieger im Kampf gegen Windturbinen-Pläne?

Greve: Zunächst wollen wir bis zum 25. März unsere Einwände an die Genehmigungsbehörde, den Kreis Minden-Lübbecke, schicken. Bis zu diesem Zeitpunkt führen wir noch Gespräche mit weiteren Anliegern in Oppenwehe und Oppendorf. Den Bürgern in dem betroffenen Bereichen muss klar sein, was auf sie zukommt, wenn die Windkraftpläne in Bockhorns Horst tatsächlich realisiert werden. Und dann sind wir natürlich für alle Fälle gerüstet, um unsere Rechte durchzusetzen. Dazu gehört selbstverständlich auch die Option, ebenfalls den Klageweg zu bestreiten.

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