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Brandstiftungen, Anschläge auf Traktoren, Vandalismus, Graffiti und Corona-Frust – Kai Abruszat verurteilt Taten im Interview scharf

Straftaten in Stemwede bereiten Sorgen

Stemwede (WB)

Was ist aktuell nur los in der sonst so friedlichen Gemeinde?

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Der Traktor wurde in Brand gesetzt. Das Feuer griff auf die Schweinestalls in Levern über. 240 Ferkel und 11 Sauen starben. Foto: Andreas Kokemoor

Es waren bedrückende Nachrichten: Brandanschläge auf Bauernhöfe, Vandalismus und Graffiti am Eigentum der Gemeinde sowie Manipulationen an Traktor-Rädern, durch die wie durch ein Wunder kein Mensch zu Schaden kam.

Im der sonst so geordnet-beschaulichen Gemeinde häuften sich diese Vorfälle in den vergangenen Wochen und Monaten. Viele Menschen und auch Bürgermeister Kai Abruszat sind angesichts dieser Entwicklung sehr besorgt. WB-Redakteur Dieter Wehbrink sprach darüber mit dem Stemweder Verwaltungschef.

Herr Abruszat, gerade erst haben Sie beim solidarischen Besuch auf einem Drohner Hof mit entsetzten Landwirten gesprochen, denen unbekannte Täter die Radmuttern der Traktoren gelöst hatten. Wenige Tage später war erneut ein Stemweder Landwirt betroffen – diesmal durch den Brand eines Traktors und eines Stalls, bei dem viele Schweine starben. Die Polizei fand verdächtige Spuren am Traktor und stellte Brandstiftung fest. Auch dieser Bauer hatte vor Jahren bereits „Besuch“ von Tätern, die ihm nachts Traktorreifen zerstachen. Haben Sie eine Erklärung für die Häufung solcher Taten, die sich speziell gegen Landwirte richten?

Kai Abruszat: Unsere Landwirtschaft ist in enger Partnerschaft mit den Bürgerinnen und Bürgern verbunden. Sie leistet in vielfältiger Form unverzichtbare Beiträge zur Entwicklung unserer Gemeinde. Die Diskussion um die Zukunft der Landwirtschaft ist vielfach durch Polarisierung gekennzeichnet. Vorurteile und Unwissenheit über die tatsächlichen Zustände tragen dazu bei. Fast alle Landwirte in Stemwede sind bäuerliche Familienbetriebe im besten Sinne. Der jetzt durch den Brand in Levern schwer getroffene Landwirt ist ein mit seinem Dorf fest verwurzelter und engagierter Mann mit feinem Charakter. Weil sich der schlimme Verdacht der Brandstiftung am Donnerstag offiziell bestätigt hat, hoffe ich sehr, dass der oder die Täter geschnappt und mit der gesamten Härte unseres Rechtsstaates zur Rechenschaft gezogen werden. Insgesamt brauchen wir ein von Sachlichkeit geprägtes Diskussionsklima über die Zukunft der Landwirtschaft im ländlichen Raum.

Immer wieder muss auch unsere Zeitung Fotos von beschädigten Stemweder Bushaltestellen, Schmierereien oder wilden Müllkippen abdrucken – versehen mit dem Appell der Gemeinde, dass unsere Leser Hinweise auf Täter geben sollen. Verzeichnet die Gemeindeverwaltung eine Zunahme solcher Taten speziell innerhalb der vergangenen zwölf Monate?

Abruszat: Eine Statistik führe ich zwar nicht. Es ist aber unverkennbar, dass uns illegale Müllentsorgung häufiger beschäftigt. Wir dürfen es nicht zulassen, dass offensichtlich manche Menschen keinen Respekt vor privatem oder öffentlichem Eigentum haben.

Welche Taten sind Ihnen denn in besonders negativer Erinnerung geblieben?

Abruszat: Ich bitte um Verständnis, keine einzelnen Vorkommnisse besonders herauszustellen und dadurch auch noch die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Klar aber ist: Vandalismusschäden an öffentlichen Einrichtungen sind nicht versicherbar. Deswegen kostet die Wiederherstellung beziehungsweise die Beseitigung des Schadens die Steuerzahler viel Geld. Bislang habe ich Videoüberwachung von öffentlichen Gebäuden und Plätzen eher kritisch gegenüber gestanden. Vielleicht muss man auch aus Gründen der Prävention ergebnisoffen darüber noch einmal diskutieren. Sollten wir beispielsweise an der Badeallee in Levern einen neuen Kurpark errichten, möchte ich Sicherheit und Aufenthaltsqualität für alle gewährleisten. Ich finde es sehr schade, darüber überhaupt nachdenken zu müssen.

Könnten die gehäuften Vorfälle auch etwas mit dem Corona-Lockdown zu tun haben?

Abruszat: Corona verlangt uns allen viel ab. Viele Menschen sind verärgert über unverständliche Entscheidungen, zu viel Bürokratie, die Beschränkung ihrer persönlichen Freiheit und machen sich Sorgen um die Zukunft. Sich mit Freunden auszutauschen, sich zu begegnen, ein Schützenfest zu feiern oder zusammen Sport zu betreiben, hat eben eine besondere, auch soziale Komponente. Und dennoch kann auch kein noch so harter Lockdown kriminelle Vorfälle erklären geschweige denn entschuldigen.

Unter anderem weist ein großes Transparent in der Ortschaft Drohne darauf hin: Es gibt Stemweder, die – gelinde gesagt – absolut nicht mit den Corona-Maßnahmen einverstanden sind. Einige sympathisieren wohl mit der „Querdenker“-Bewegung. Müssen Sie und Ihre Verwaltungsmitarbeiter mit Blick auf Corona-Maßnahmen eigentlich viel Kritik oder sogar Beschimpfungen erleiden?

Abruszat: Stemwede ist gewiss keine Hotspot von Kriminellen und auch nicht von Corona-Kritikern. Die meisten Bürgerinnen und Bürger sind, dessen bin ich sicher, vernünftig und halten sich an Regeln. Hier bei uns haben viele Menschen ein eigenes Haus, einen großen Garten sowie die Möglichkeit, in der Natur zu entspannen. Das ländliche Umfeld schlägt die Großstadt hier um Längen. Dennoch müssen Bedienstete der Verwaltung aktuell, zum Teil persönlich, per E-Mail oder telefonisch, quasi als Prellbock für an anderer Stelle getroffene Entscheidungen, den Kopf hinhalten. Ich habe in den zurückliegenden sechs Monaten mehr anonyme Briefe mit unschönem Inhalt erhalten als in den vergangenen sechs Jahren. Unsere Verwaltung ist offen für berechtigte Kritik. Ich schätze sehr einen offenen, konstruktiven Dialog. Es sollte wie überall im Leben der Grundsatz gelten, dass jeder sich gegenüber anderen so verhält, wie er es selbst von anderen auch erwartet. Das tun übrigens die meisten Bürgerinnen und Bürger, die mit uns in Kontakt treten.

In den sozialen Netzwerken behauptete ein Verfasser (vermutlich per Fake-Profil), vor der Gemeindeverwaltung in Levern seien von Unbekannten Kinderschuhe aufgestellt worden. Er sprach von „einer Verharmlosung des Holocausts“, wonach diese Kinderschuhe angeblich in Anlehnung an die jüdischen Kinder im Dritten Reich aufgestellt worden seien. Gab es eine solche Aktion vor dem Rathaus?

Abruszat: Es ist zutreffend, dass vor dem Amtshaus anonym Kinderschuhe, verbunden mit kleinen Transparenten und der Forderung nach Kinderrechten während der Corona-Pandemie, aufgestellt waren. Ich beispielsweise wurde persönlich am Karfreitag über die sozialen Medien im Netz hierüber informiert und habe unverzüglich die Rufbereitschaft der Gemeinde eingeschaltet, um die Situation zu klären. Zugleich war von dritter Seite bereits die Kreispolizeibehörde informiert worden. Diese wird nun, gegebenenfalls unterstützt vom Staatsschutz, Ermittlungen durchführen. Dem Ergebnis dieser Ermittlungen kann und will ich nicht vorgreifen.

Derzeit wird in Telegram-Kanälen und bei Facebook der Aufruf: „Aktion Kinderschuhe“ geteilt. Die Initiatoren verurteilen Corona-Schutzmaßnahmen – vor allem Maskenpflicht und Schnelltests an Schulen. Kinder würden „dadurch gequält“. Ist das berechtigte Elternsorge oder doch „Querdenker“-Argumentation – wie beurteilen Sie solche Aktionen, zumal Sie und die Gemeindeverwaltung ja selbst auch das Ziel waren?

Abruszat: Unsere Kinder haben ein Recht auf Bildung. Der Bildungsauftrag muss auch während der Corona-Pandemie im Interesse unserer Kinder und Jugendlichen, wenn auch mit erheblichen Einschränkungen, gewahrt bleiben. Maskenpflicht und Schnelltests an Schulen sind wichtige Schutzmaßnahmen. Das Recht der Kinder auf Bildung darf nicht durch Extremisten instrumentalisiert werden. Für berechtigte Kritik von Eltern und geeignete Verbesserungsvorschläge habe ich aber selbstverständlich ein offenes Ohr.

Es gab in den vergangenen Jahren viel Gutes aus Stemwede zu berichten. Die schlechten Nachrichten vermitteln den Eindruck, das Gute sei momentan vorbei. Können Sie sich mit Blick auf die genannten negativen Vorfälle mit guten Nachrichten aus diesem Interview verabschieden?

Abruszat: Unsere Stemweder-Berg-Schule profitiert während der Pandemie durch enormen Vorsprung, den sich alle Akteure in der Schule in den vergangenen Jahren im Bereich der Digitalisierung erarbeitet haben. Unser Ehrenamt funktioniert trotz Corona. Unsere Feuerwehr hat ihre Leistungsbereitschaft einmal mehr unter Beweis gestellt. Das DRK in Wehdem hat ehrenamtlich und umgehend ein Testzentrum aus dem Boden gestampft. Seit dieser Woche impfen unsere Hausarztpraxen. Hierfür haben wir zentral unsere Sporthalle in Dielingen zur Verfügung gestellt. Hausärzte können freiwillig dieses Angebot gerne annehmen, wenn dadurch der Ablauf des Impfens für alle Beteiligten erleichtert wird. Und schließlich können wir uns über solide Finanzen freuen. Der Gemeindehaushalt des letzten Jahres wird voraussichtlich sogar mit einem deutlichen Plus abschließen – und das trotz Corona.

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