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Sieb filtert Feststoffe heraus – gute Reinigungswerte – Problemfall »Feuchttücher«

Wenn das Gebiss im Klärwerk landet

Stemwede (WB). Zugegeben: Der Geruch ist gewöhnungsbedürftig, und er wird nach dem Verlassen des Stemweder Klärwerksgeländes noch länger an der Kleidung haften.

Dieter Wehbrink

Der »Türsteher« der Anlage: Hier werden Grobstoffe, insbesondere unverrottbare Plastik-Gegenstände herausgesiebt. Foto: Dieter Wehbrink

Wer jedoch eine Führung in der großen Becken-Landschaft am Rande von Wehdem bekommt, ist beeindruckt, wie hier das Schmutzwasser aus der ganzen (!) großen Flächengemeinde Stemwede behandelt und gereinigt wird.

Magische sechs Millimeter

Wie steht es aus mit den Sicherheitsstandards? Eine Frage, die Besucher immer wieder stellen. Können zum Beispiel kleine Plastikteilchen – wie in Schleswig-Holstein an der Schlei geschehen – von Wehdem aus den Diekfluss verschmutzen? »Ganz klar nein«, beruhigen Abwassermeister Heinfried Kröger und der technische Betriebsleiter aus der Gemeindeverwaltung, Ulrich Hüffmann. »Das Abwasser wird beim Eintreffen in Wehdem gesiebt«, sagt Kröger. »Alles, was größer ist als sechs Millimeter, kommt gar nicht erst in die Becken hinein.«

Saisonbedingte Ekeligkeiten

Dieses Sieb, sozusagen der »Türsteher« der Anlage, steht in einem Raum, in dem es zwangsläufig besonders streng riecht. Ein Schaufenster ermöglicht einen Blick in die äußerlich unspektakulär wirkende Filtertechnik. Laien müssen dabei schon mal starke Nerven haben. »Jetzt kommen saisonbedingt viele Erdbeer- und Spargelreste an«, erzählt Ulrich Hüffmann. »Das ist ja noch harmlos. Aber natürlich sind es auch viele Gegenstände, die absolut nicht in der Toilette heruntergespült werden dürfen, sondern in der Mülltonne entsorgt werden müssen. Q-Tipps, Damenbinden oder Kondome gehören dazu, aber auch ganze Gebisse landen immer wieder mal im Sieb. Abgeholt hat sie übrigens niemand . . .«

Die fünf Mitarbeiter der Zentralen Kläranlage müssen diese Ekeligkeiten zum Glück nicht manuell entsorgen. Die Siebeinrichtung befördert alles automatisch in einen Abfallcontainer.

Extrem reißfeste Tücher

Überhaupt regt sich über solche Funde schon niemand mehr auf. Weitaus mehr Sorgen bereiten den Mitarbeitern die so genannten Feuchttücher, die auch in Stemweder Haushalten gern verwendet werden. »Diese Tücher sind wirklich problematisch. Im Gegensatz zu Toilettenpaper, das sich auf den Weg durch die Kanäle schon mehr oder weniger im Abwasser auflöst, kommen die aus hoch reißfestem Kunststoff bestehenden Feuchttücher heil bei uns an und verstopfen die Pumpen«, sagt Kröger. »Das ist ärgerlich und problematisch für die gesamte Anlage. Außerdem sind die Reparaturen der Pumpen teuer und aufwendig. Diese Kosten müssen auf die Abwassergebühren umgeschlagen werden, so dass letztlich jeder Bürger Nachteile dadurch hat.«

Der dringende Appell von Kröger und Hüffmann an die Stemweder Bürger: »Entsorgen Sie die Tücher in der Mülltonne. Sie gehören übrigens auch nicht in Kleinkläranlage und abflusslose Gruben, da sie auch dort der Entsorgungsfirma große Probleme bereiten.«

Gefahr durch Mikroplastik

Das sichere Heraussieben von Plastikteilen im Stemweder Abwasser darf nicht mit der so genannten Mikroplastik-Problematik verwechselt werden. »Dabei handelt es sich mikroskopisch kleine Kunststoffe. Als Mikroplastik werden feste und unlösliche synthetische Polymere bezeichnet, die kleiner als fünf Millimeter sind«, schreibt der BUND.

Es sind unter anderem Kunststoffe aus Kosmetikprodukten wie Peelings. Sie gelangen über die lokalen Abwässer in die Kläranlagen. »Herkömmliche Technik filtert Mikroplastik nur bedingt heraus. Ein Teil wird im Klärschlamm zurückgehalten, der Rest gelangt in Meere und Flüsse«, warnt der BUND. »Man kann Mikroplastik leider in der kompletten Nahrungskette nachweisen«, zeigt sich auch Ulrich Hüffmann besorgt.

Ansonsten jedoch halte die Stemweder Kläranlage die gesetzlich geforderten Reinigungswerte problemlos ein, sagen Kröger und Hüffmann stolz. »Werte wie Stickstoff, Phosphor und chemischer Sauerstoffbedarf (CSB) sind derart gut, dass Stemwede sogar eine geringere Abwasserabgabe an das Land NRW abführen darf.«

Kristallklares Wasser

Tatsächlich staunt der Besucher, wie sich das dreckige, stinkende Abwasser nach dem Durchlaufen des Entsandungsbeckens, der Fettabscheidung und des sprudelnden Sauerstoff-Belebungsbeckens im letzten Großbehälter präsentiert. Dort ist das Wasser so sauber, dass es über einen Vorfluter in den nahen Diekfluss geleitet werden kann. Eine Spalte am Beckenrand mit hellen Bodenfliesen lässt erkennen, wie glasklar es ist. »Würde man dieses Wasser jetzt noch entkeimen, könnte man es glatt trinken«, sagt Heinfried Kröger.

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