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Altenbekens Bürgermeister Matthias Möllers spricht über seinen Einzug ins Rathaus, erste Lerneffekte und welche Themen anstehen

„Die Finanzsituation hat mich besorgt“

Altenbeken

Die ersten 100 Tage als Bürgermeister der Gemeinde Altenbeken liegen hinter Matthias Möllers. Wieso sein erster Arbeitstag früher als erwartet war, welche Themen er in seiner Amtszeit anpacken will und wieso man ihm manchmal besser eine Mail schreibt, darüber hat der 42-Jährige mit Redakteurin Sonja Möller gesprochen.

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Matthias Möllers ist seit mehr als 100 Tagen Bürgermeister der Gemeinde Altenbeken. Im Interview im Rathaus erzählt er, dass er derzeit mit Hochdruck daran arbeite, im Sommer ausreichend Kita-Plätze zur Verfügung stellen zu können. Foto: Sonja Möller

Wie war Ihr erster Tag als Bürgermeister?

Matthias Möllers: Mein erster Arbeitstag am 1. November wäre ja eigentlich frei gewesen, weil es ein Feiertag war. Tatsächlich war es aber so, dass mich zwei Fachbereichsleiter angerufen haben, weil wir einen Corona-Verdachtsfall in der Realschule hatten. Zu der Zeit war ein neuer Fall noch eine kleine Sensation. Die Besonderheit war, dass es das Gesundheitsamt Paderborn noch nicht wusste, weil es ein Kind aus dem Kreis Höxter war. Wir wussten es aber auf informellem Weg und waren uns einig, dass wir nicht die Augen davor verschließen können nur wegen des Kommunikationsweges von einem zum anderen Gesundheitsamt. Wir haben mit der Schule gesprochen und empfohlen, dass sie Montag geschlossen bleibt, um die Kommunikation mit den Gesundheitsämtern abzuwarten. Das war meine erste Amtshandlung. Mein erster richtiger Arbeitstag war der Tag danach. Ich hatte im Vorfeld abgesprochen, dass sich alle Mitarbeiter kurz irgendwo sammeln und ich sie begrüße, aber das war vorher schon wegen Corona storniert. Ich habe dann nur meine Amtsleiter begrüßt und so nach und nach alle anderen. Ich führe immer noch Kennenlerngespräche. Es war schon seltsam, so einzusteigen und mehr oder weniger grußlos ins Rathaus zu schleichen.

Bürgermeister in Zeiten von Corona – Fluch oder Segen?

Möllers: Ich würde es nicht so klar kategorisieren. Ich habe mich damit abgefunden, dass es so ist. Der Nachteil ist natürlich, dass man die ganzen Kontakte nicht hat, die zum Bürgermeisterjob dazugehören. Sonst hätte ich jetzt Neujahrsempfänge besucht, wäre bei den Vereinen gewesen. Andererseits konnte ich mich so intensiver mit der Verwaltung beschäftigen, was zum Start ja nicht verkehrt ist. Die Einzelgespräche nehmen sehr viel Zeit in Anspruch, sind aber unglaublich wertvoll.

Wie war eigentlich der Wechsel vom Kämmerer zum Bürgermeister?

Möllers: Das war schon ein bisschen seltsam, weil ich natürlich immer noch das Interesse für die Zahlen hatte. Ich bin hier angekommen und hatte einen mehr oder weniger fertigen Haushaltsentwurf vorliegen. Das war zum ersten Mal ein Haushalt, der nicht mein Kind war. Ich hatte aber noch Gelegenheit, selbst ein paar Dinge einzubringen. Im Bereich Kindergarten verfestigen sich die Anmeldezahlen immer mehr. Wir möchten idealerweise ab Sommer zwei neue Übergangsgruppen in Schwaney anbieten und auch in Altenbeken noch weitere Plätze schaffen. Daran arbeiten wir mit Hochdruck. Auch beim Thema Radwege möchte ich Geld mit in den Haushalt aufnehmen. Tatsächlich hat mich die Finanzsituation allerdings besorgt. Deswegen habe ich trotz Corona vorgeschlagen, die Steuersätze moderat zu erhöhen. Wir sehen, dass wir sonst in unser Verderben laufen. In den vergangenen sieben Jahren haben wir im Schnitt 600.000 Euro Verlust gemacht. Das ist für unsere Größenordnung relativ viel. Und wir sehen ja, was für Aufgaben auf uns zukommen. Ich sage nur das Stichwort Feuerwehr. Wir haben einen hohen Investitionsbedarf. Deswegen müssen wir den Sprung wagen, wenn auch mit Bauchschmerzen. Aber eigentlich geben wir nur weiter, was uns über die Kreisumlagen erreicht. Diese 100.000 Euro Steigerung können wir nicht aus dem Bestand rausquetschen. Ich weiß, dass das in den vergangenen Jahren schon zur Rede stand, sich aber keiner so recht getraut hat, Steuererhöhungen vorzuschlagen. Ich steige jetzt ein und nach dem Kassensturz muss ich auch so ehrlich sein und sagen: Damit kommen wir nicht hin. Ich habe eine große Fraktion im Rücken mit der absoluten Mehrheit im Rat. Wir müssen jetzt die Verantwortung übernehmen. An der Realität kommen wir nicht vorbei.

Was sind Sachen, die Sie angehen wollen?

Möllers: Das Thema Kindergarten hat mich am meisten beschäftigt und wird es weiter tun. Die Kitaplatz-Versorgung ist ein sehr dynamischer Prozess. Früher gingen Kinder mit vier Jahren in den Kindergarten. Darauf konnte man sich als Kommune relativ lange vorbereiten. Heute kommen sie mit einem Jahr. Die Zeiträume, in denen man sich als Kommune vorbereiten kann, werden extrem kurz. Wir haben zwar nicht unbedingt viel mehr Kinder, aber da sie immer jünger angemeldet werden, müssen wir schneller reagieren. Die Anmeldezahlen sind groß, stehen aber bis jetzt noch nicht genau fest. Aber im Sommer muss es losgehen. Im August müssen wir die Plätze haben. Und wir sehen jetzt schon, dass wir in Schwaney deutlich zu wenig Plätze haben. Seit November sind wir dabei, Übergangslösungen zu schaffen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig das für Eltern ist, die wieder in den Beruf einsteigen möchten. In Schwaney wollen wir zunächst mit der Aufstellung von Containern Abhilfe schaffen. Mittelfristig wollen wir einen zusätzlichen Kindergarten neu errichten. Für beide Maßnahmen führe ich derzeit Gespräche mit Grundstückseigentümern. Auch das kostet Zeit, ebenso die Suche nach einem Träger und das Genehmigungsverfahren. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen.

Was steht noch an?

Möllers: Wir haben einen riesigen Bedarf an Bauland. Für die sechs Grundstücke in Altenbeken hatten wir 40 konkrete Bewerbungen. Es gibt zudem eine Warteliste in allen Ortsteilen mit über 100 Einzelinteressenten, Ehepaaren oder Familien, die auf der Suche nach einem Grundstück sind. Wir sind zuversichtlich, dass wir demnächst in Schwaney wieder Bauland anbieten können. Das wird kein Riesenbaugebiet, aber immerhin etwa 20 Grundstücke. Und wir haben eine große Fläche zwischen Sportplatz und Schule in Altenbeken im Auge. Da sind wir aber noch nicht ganz so weit.

Was hat Sie in den ersten 100 Tagen überrascht?

Möllers: Ich kam ja aus einer größeren Verwaltung hierher und hatte viele Fragezeichen, wie alles funktioniert. Da bin ich positiv überrascht. Wir haben eine ganz andere Stimmung als im Herforder Rathaus, weil es viel hemdsärmeliger ist, etwas weniger formal. Ich spüre einen tollen Zusammenhalt. Und man ist hier noch näher am Bürger.

Was waren Ihre drei Lerneffekte bis jetzt?

Möllers: Ein Lerneffekt betrifft den Bereich Kindergarten, in dem wir jedes Jahr kurzfristig schnell reagieren müssen. Das wird eine fortdauernde Aufgabe. Ich habe gelernt, je eher du die Zahlen hast, desto eher kannst du vorplanen. Wir müssen gucken, dass wir das Anmeldeverfahren beschleunigen. Da sind wir aber auch ein Stück weit abhängig vom Kreis als Träger der Jugendhilfe. Ich habe mir vorgenommen, da noch mal mit dem Kreis zu diskutieren, wie wir die Zahlen einen Monat eher bekommen. Das wäre schon ein Gewinn. Ein weiterer Lerneffekt betrifft die Digitalisierung der Schulen. Das läuft jetzt mit Hochdruck, da war Corona ein absoluter Beschleuniger. Allerdings ist es mit der Anschaffung der Geräte nicht getan. Wir als Verwaltung werden zukünftig wesentlich mehr Aufwand mit der Betreuung der Schul-IT haben. Denn mein Lerneffekt ist: Das Land wird es nicht machen. Obwohl die Schulen eine Landeseinrichtung sind und wir eigentlich nur das Gebäude stellen. Ich habe keine große Hoffnung, dass es eine Stelle geben wird, die der Lehrkraft bei akuten IT-Problemen im Unterricht hilft. Das wird die Kommune machen müssen. Wir müssen Strukturen schaffen, wie wir das sicher hinbekommen als kleine Verwaltung. Ein Lerneffekt ist auch, dass wir einen hohen Investitionsbedarf haben. Zum Beispiel bei den Feuerwehrhäusern. Dass es so schlimm ist und wir drei abgängige Häuser haben, hat sich erst in den vergangenen Monaten herausgestellt. Wir müssen noch eine Menge aufholen.

Wie viel Matthias Möllers steckt schon in der Verwaltung?

Möllers: Das baut sich auf. Es ist eine kleine Aufbruchstimmung entstanden. Das merke ich in den Einzelgesprächen. Ich werde zum 1. März ein paar organisatorische Änderungen vornehmen. Dann wird man auch eine Handschrift erkennen. Insbesondere den Bereich Kasse habe ich mir natürlich angesehen, weil der ja in den vergangenen Jahren ein Problemfall war. Da ist jetzt alles gut strukturiert. Stärken möchte ich den Bereich Wirtschaftsförderung und hier den Kontakt zu unseren Betrieben intensivieren. Und ich möchte das Ordnungsamt stärken. Ich habe verstanden, dass die Bürger mehr Präsenz des Ordnungsamtes sehen wollen.

Wie hat sich eigentlich Ihr Alltag verändert?

Möllers: Corona hat meinen Alltag mehr verändert als der Job. Ich gehe zur gleichen Zeit aus dem Haus wie früher, bin nur eine Stunde eher bei der Arbeit. Wenn Schulen und Kindergärten nicht gerade wegen Corona geschlossen sind, nehme ich meine drei jüngsten Kinder morgens mit. Einer trifft sich mit seinen Freunden und geht mit ihnen gemeinsam zur Schule, unsere Zwillinge bringe ich in den Kindergarten. Und einen Schritt weiter bin ich schon im Büro. Und wenn ich abends die Bürotür abschließe, ist es schön, dass ich in fünf Minuten zuhause bin. Ansonsten werde ich schon mal eher auf Dinge angesprochen, wenn ich jemanden beim Einkaufen treffe. Und manchmal muss ich sagen: „Schreib‘ mir bitte eine Mail. Ich habe gerade zwei Kinder an der Hand und bestelle Brötchen.“

Wie finden Ihre Kinder eigentlich, dass Papa jetzt Bürgermeister ist?

Möllers: Am Anfang fanden die das aufregend, aber jetzt hat sich das schon eingespielt. Die Jüngeren, die nicht genau wussten, wo die Grenzen des Bürgermeisters sind, haben spontan gesagt: Dann kannst das oder das oder das machen. Da musste ich erklären, dass ich dann doch nicht alles so ganz alleine bestimmen kann. Insgesamt finden die das aber glaube ich ganz cool.

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