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Musiker dankt dem Team der Karl-Hansen-Klinik in Bad Lippspringe

Vor einem Jahr kam Corona: Harter Kampf zurück ins Leben

Paderborn/Bad Lip...

Vor einem Jahr kehrte eine achtköpfige Männergruppe aus dem Kreis Paderborn von einem Skiurlaub aus der Nähe von Bozen (Südtirol) zurück. Bei einem Reisenden wurde das Corona-Virus festgestellt: Es war der erste Fall im Kreisgebiet. Während der Patient kaum Symptome entwickelte und der Rest der Gruppe gesund blieb, traf das Virus zeitgleich Wolfgang Schiffer mit voller Breitseite. Ein Jahr danach berichtet er von seinem Kampf zurück ins Leben.

Ingo Schmitz

Ganz am Anfang eines harten Wegs: Ein Filmteam begleitete Wolfgang Schiffer bei den Genesungsschritten. Foto: Matthias Hack

Schiffer ist 54 Jahre alt und topfit, als ihn der fiese Winzling erwischt. Auch wenn der kaufmännische Ausbilder aus Jülich kommt, so hat er seit Corona eine innige Beziehung zu Bad Lippspringe: Nach seinem achtwöchigen Koma wurde der Alleinunterhalter in der Karl-Hansen-Klinik in kleinen Schritten wieder aufgepäppelt.

„Wo ich mich angesteckt habe, weiß ich nicht. Als Ausbilder habe ich aber mit vielen jungen Menschen zu tun“, sagt Schiffer. Als er erkrankte, war Corona in den Köpfen der Deutschen noch nicht angekommen. Auch sein Arzt habe nicht in Erwägung gezogen, dass er „positiv“ sein könne. Einen Vorwurf könne er ihm nicht machen, sagt er.

Nach einer Woche mit Symptomen, die der Hausarzt für eine Bronchitis hielt, klappte Wolfgang Schiffer zusammen: Notarzt! Er kam nach Düren ins Krankenhaus, dann weiter in die Uniklinik Aachen. Dort wurde er ins Koma versetzt. Acht Wochen lang. „Das war eine schwere Tortur: In der Zeit hatte ich zwei Lungenentzündungen und eine Lungenembolie. Ich hatte eine Superinfektion und musste zweimal wiederbelebt werden. Da ging richtig die Post ab“, sagt der Ausbilder. Als er wach wurde, musste er wieder lernen zu atmen.

Der Stock ist sein Begleiter: Wolfgang Schiffer übt im Kampf gegen die Corona-Folgen das Musizieren und Singen. Foto: Michael Bause

Kennengelernt haben sich Schiffer und Chefarzt Dr. Erik C. Ernst am 26. Mai 2020. „Unser Auftrag war es, den Patienten wieder auf die Beine zu bringen. Herr Schiffer war nicht mehr akut an Leib und Leben bedroht. Er konnte sich aber nicht rühren und war bettlägerig. Aufsetzen und stehen waren unmöglich. Er konnte nur die Arme und den Kopf heben“, erinnert Ernst sich. Wieso der 54-Jährige dermaßen aus der Bahn geworfen wurde, ist unklar. „Ich bin Langstreckenschwimmer gewesen und hatte eine gute Konstitution. Außerdem bin ich Musiker. Weil ich aus dem Zwerchfell singe, habe ich eine gut trainierte Lunge.“

Ernst bestätigt: „Warum Herr Schiffer so schwer erkrankt ist, kann ich mir nicht erklären. Für manche Patienten trifft es eben nicht zu, dass man schwer vorerkrankt oder sehr alt sein muss, um an Corona zu sterben. Herr Schiffer hat nur deswegen überlebt, weil er vorher gesund war. Wir haben noch keine Vorstellung, warum das Immunsystem gesunder Menschen auf Corona so derart verrückt spielt, dass der eigene Körper massiv angegriffen wird.“

Von Ende Mai bis August war der Patient in der Klinik, danach noch einmal drei Wochen in der Martinusquelle zur Reha. Der Musiker hatte mit ganz schwerwiegenden neurologischen Ausfällen zu kämpfen, unter anderem einer so genannten Fußheberschwäche, die auf Nervenausfälle zurückzuführen war. Allerdings waren auch die Muskeln geschwächt. Um eine Versteifung durch Fehlstellung der Füße zu verhindern, musste viel unternommen werden.

Dr. Erik C. Ernst ist Chefarzt der Karl-Hansen-Klinik. Er spricht sich für ein standardisiertes Nachsorgeverfahren bei Covid-Patienten aus. Foto: MZG

Schiffer: „Die Fußheber- und Unterschenkelheberschwäche ist geblieben. Ich gehe immer noch am Stock. Und das nach fast einem Jahr.“ Trotzdem ein riesiger Fortschritt: Am Anfang war das Gehen nur mit einem Gehwagen und mit Unterstützung von drei Therapeuten möglich, die ihn stützten. Der langsame Weg zurück ins Leben sei auch psychisch nicht einfach gewesen. „Unsere Psychologin hat etliche Gespräche geführt“, erinnert sich der Arzt.

„Ich habe mich in meinem eigenen Körper gefangen gefühlt“, sagt Schiffer, der sich immer wieder neue Ziele setzen musste: eine Gabel zum Mund führen, Zähne putzen, Knie anwinkeln. „Der Oberarzt hat mich aufgefordert, meine Beine anzuschreien. Der Kopf muss den Nerven sagen, was getan werden muss. Und das mache ich heute noch.“ Schiffer ist nach wie vor arbeitsunfähig, kann nicht mal mit dem Auto fahren und braucht für viele alltägliche Dinge eine Begleitperson.

Als großes Problem sieht er an, dass er sich in der jetzigen Situation um alles selbst kümmern muss – auch um seinen eigenen Genesungsweg. „Man wird nicht gefragt, was einem gut tut. Es gibt da auch kein Entgegenkommen.“ Dr. Ernst bestätigt: „Es gibt kein standardisiertes Nachsorgeverfahren. Das Gesundheitssystem muss sich dringend auf die Post-Covid-Patienten einstellen“, sagt der Arzt. Im Moment hänge vieles vom jeweils behandelnden Mediziner und vom Patienten ab, was der einfordere.

Dem Klinikpersonal hat Schiffer mittlerweile einen Dankesbrief geschrieben. Am liebsten würde sich der Alleinunterhalter bei allen Helfern mit einem Konzert bedanken, auf das sich Ernst und sein Team schon jetzt freuen. Doch das muss noch warten.

„Für einige im Dorf hatten wir die Pest“

Vor einem Jahr gab es den ersten Corona-Fall im Kreis. Betroffen war eine achtköpfige Reisegruppe, die aus einem kleinen Skiort aus Südtirol zurück kam. Eine Person war positiv. Mit einem der Teilnehmer, der anonym bleiben möchte, hat Redakteur Ingo Schmitz gesprochen.

Der erste Fall hat erhebliche Wellen geschlagen. Wie ist es Ihnen ergangen?

Antwort: Dass ein Mitglied unserer Reisegruppe positiv war, hat sich bei uns auf dem Dorf wie ein Lauffeuer verbreitet. Das war wie ein Schneeball, der ins Tal rollt und immer größer wird. Dabei ist sehr viel Dreck haften geblieben. Es wurden sehr viele Unwahrheiten verbreitet. Die Geschichte wurde mit immer mehr Gerüchten versehen. Obwohl der Fall damals sehr sachlich im WESTFÄLISCHEN VOLKSBLATT dargestellt worden ist, wurde vielerorts behauptet, dass wir in Ischgl gewesen seien. Das stimmte aber nicht. Das alles hat erheblich an unseren Nerven gezerrt. Für manche Menschen hatten wir für ein paar Wochen die Pest. Jetzt ist für uns das Thema abgeschlossen.

Sind neben der einen Person noch weitere Mitglieder der Gruppe erkrankt?

Antwort: Nein. Wir sind sauber geblieben – bis heute. Es gibt aber Dinge, die ich nach wie vor nicht verstehe. Wir haben zu viert mit der positiven Person acht Stunden lang in einem Bulli gesessen. Von uns hat sich aber niemand angesteckt. Das zeigt, dass das Virus unberechenbar ist.

Wenn Sie sagen, das Thema sei für Sie abgeschlossen: Werden Sie trotzdem noch darauf angesprochen?

Antwort: Ja. Man wird gefragt, ob man alles gut überstanden hat. Dabei war ich nie erkrankt, sondern habe mich lediglich in Quarantäne befunden.

Sind Sie schon geimpft?

Antwort: Nein. Würde ich aber ein Impfangebot bekommen, zum Beispiel mit Astrazeneca, würde ich es sofort annehmen.

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