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Vereinsauflösung eingeleitet – Bedürftige in Bad Lippspringe haben Existenzängste

Aus für die Engel ist unumkehrbar

Bad Lippspringe (WB). Am Dienstagmittag herrscht geschäftiges Treiben im ehemaligen Lehrschwimmbecken. Männer und Frauen sortieren Lebensmittel, packen sie in Körbe mit Ziffern und stapeln Brot und Milchpackungen in einem Nebenraum. Um halb drei hat sich vor der Tür bereits eine Schlange gebildet. Alltag bei den Bad Lippspringer Engeln.

Sonja Möller

Tobias Volbert zeigt die Körbe, die Helfer der Engel vorab für Bedürftige mit Lebensmitteln gefüllt haben. Sie stehen in den Räumen des alten Lehrschwimmbads. Foto: Sonja Möller

250 Menschen nutzen jede Woche das Angebot des Vereins. 15 Mitarbeiter holen dafür Lebensmittel von Discountern ab, die sonst im Müll landen würden. Wie viele Kilogramm das pro Woche sind, kann Vereinsgründerin Monika Peters nicht genau sagen. Ein Blick in die weiß gekachelten, engen Räume zeigt: Es sind viele.

Die Nahrungsmittel geben die Engel an Bedürftige ab. Zweimal wöchentlich ist die Ausgabe für eine Stunde geöffnet. Doch damit ist bald Schluss. Der Verein wird sich, wie berichtet, zum 31. März auflösen. Dieser Schritt sei unumkehrbar, erläutert Monika Peters auf Anfrage dieser Zeitung.

Kurz vor Weihnachten hatte sie von der Stadt einen Brief bekommen. Darin wurde ihr mitgeteilt, dass sie die Räume bis zum 31. März räumen müsse, da diese zwingend für den Ausbau der Gesamtschule benötigt werden. Außerdem bestehe keine Möglichkeit, geeignete städtische Räume zur Verfügung zu stellen.

Risiko ist zu groß

Monika Peters hat daraufhin einen Schlussstrich gezogen und die Vereinsauflösung in die Wege geleitet. Der Grund: Die Engel sind ein eigenständiger Verein und haben keinen Dachverband. Wenn der Verein selbst Räume anmietet und die Miete nicht mit Spenden decken kann, hafte sie mit ihrem Privatvermögen, erzählt Monika Peters. Dieses Risiko sei ihr zu groß. Für das alte Lehrschwimmbecken habe die Stadt all die Jahre die Nebenkosten gezahlt.

Der von der Stadt ins Gespräch gebrachte ehemalige Kolpingshop wäre ideal für die Engel gewesen, teilt Peters mit. Aber der Eigentümer habe ihr bei der Besichtigung mitgeteilt, dass er die bis Ende des Jahres an die Stadt vermietete Immobilie überhaupt nicht mehr vermieten wolle.

Pro Woche 60 Körbe gefüllt

In den engen Räumen am Schulzentrum herrscht weiter geschäftiges Treiben. Die Mitarbeiter haben noch genießbares Obst und Gemüse in Kartons im Eingangsbereich platziert: Einige Stangen Lauch, Möhren, eine Hand voll Kohlköpfe – alles sieht auf den ersten Blick wie Ware aus dem Supermarkt aus.

Unter den Duschköpfen – die noch aus Zeiten des Schwimmbetriebs an der Wand hängen – stehen auf Tischen aufgereiht rote Plastikkörbe mit Lebensmitteln. Pro Woche befüllen die Engel 60 dieser Körbe je nach Bedarf. Ziffern auf dem Rand weisen darauf hin, für wen der Inhalt ist. Ein Erwachsener und zwei Kinder zum Beispiel. Oder 5 + 1. »Der ist für eine Mutter mit fünf Kindern, die jede Woche kommt«, erzählt Tobias Volbert, ein Ehrenamtlicher.

ängste wachsen

Es ist kurz vor 15 Uhr. Die Schlange vor der Tür wächst. Geduldig warten die Frauen und Männer darauf, einzeln einzutreten. Viele wissen schon, dass es hier bald kein Essen mehr gibt. »Ich weiß nicht, wie es dann weitergehen soll. Ich bin verzweifelt«, erzählt eine Frau (57). Sie möchte anonym bleiben: »Ich fange schon an zu rechnen und überlege, wo ich noch was strecken kann.« Die Bad Lippspringerin lebt nach eigenen Angaben von 740 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente: »Davon gehen Miete und Nebenkosten noch ab. Ich bin auf die Engel angewiesen.«

Existenz bricht für viele weg

Genau diese Schicksale sind es, weswegen Tobias Volbert das Aus der Engel bedauert: »Ich finde es wahnsinnig schade, dass hier bald Schluss ist. Die Auswirkungen sind ja noch gar nicht absehbar. Für viele bricht dadurch schlichtweg die Existenz weg.« Der 31-Jährige arbeitet als Lehrer mit Langzeitarbeitslosen und kennt deren Sorgen und Ängste. »Die Menschen haben keine andere Möglichkeit, als sich hier Lebensmittel zu holen. Die Politik geht davon aus, dass sich schon irgendjemand kümmert. Aber wie es tatsächlich aussieht, wie es den Menschen geht, wenn ihnen dieser Halt genommen wird, das interessiert niemanden«, fasst er seine Ernüchterung zusammen.

Für Menschen, die Geld verdienen, seien Bedürftige wie Hartz-4-Empfänger oder Rentner oft nur eine abstrakte Zahl in einer Statistik. »Ich kenne durch meinen Beruf beide Seiten«, sagt Volbert. Seit drei Monaten engagiert er sich für die Engel und steht voll dahinter: »Hier hilft man den Vergessenen der Gesellschaft. Es gibt kein bisschen Eigennutz.«

Helfer sind informiert

Noch läuft hier alles seinen gewohnten Gang. Am Eingang weist eine Mitarbeiterin aber schon jeden, der her­einkommt, darauf hin, dass die letzte Lebensmittelausgabe am 1. März ist. Danach ist definitiv Schluss, betont Monika Peters. Es gibt kein Zurück.

Auch ihre treuen Mithelfer sind informiert. Alle seien sehr traurig gewesen, hätten die Entscheidung aber verstanden, sagt die Vorsitzende. Bis Ende März sollen Inventar und Auto der Engel verkauft sein. In den Räumen erinnert dann nichts an den Verein.

»Wie nach Hause kommen«

Wie es nach der letzten Ausgabe für die 57-jährige Bad Lippspringerin weiter geht, die seit zehn Jahren kommt, weiß sie nicht. »Die Mitarbeiter hier sind sowas von engagiert und haben sich immer gekümmert. Ich komme seit zehn Jahren jede Woche her«, erzählt sie. Seit sie von der Auflösung weiß, wachsen ihre Existenzängste stetig: »Ich hätte niemals gedacht, dass der Verein sich auflöst. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.« Hoffnungslosigkeit habe sich breit gemacht: »Für mich ist das hier wie nach Hause kommen. Und das fällt dann weg.«

Kommentar von Sonja Möller

Die Bad Lippspringer Engel hören auf, da ihnen ab April keine Räume mehr zur Verfügung stehen. Das ist traurig, nicht nur für die 250 Bedürftigen, die jede Woche kommen. Denn das Ende des Vereins liegt nicht an mangelnder Einsatzbereitschaft, zu wenig Lebensmitteln und Spenden oder fehlenden Bedürftigen. Alles das ist vorhanden. Das einzige Problem ist, dass die Gesamtschule die Räume für ihre Erweiterung braucht, die wiederum gut für die Entwicklung als Schulstandort ist. Es stimmt vielleicht, dass es rechtlich nicht Aufgabe der Stadt ist, sich um Räume für einen Verein zu kümmern. Moralisch in diesem Fall aber schon. Denn dass das ehrenamtliche Engagement der Vorsitzenden bei dem Risiko einer privaten Haftung endet, ist verständlich. Die Leidtragenden sind diejenigen, die eh schon am Rand der Gesellschaft stehen. Diese Menschen werden weiter abgehängt.

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