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Die Klinik Martinusquelle in Bad Lippspringe hat seit Februar 85 Betroffene betreut

Corona-Patienten müssen laufen lernen

Bad Lippspringe (WB). Ein gesunder 60-Jähriger mit guter Kondition, sagt Dr. Ralf Schipmann, erreiche beim Fahrradfahren auf dem Ergometer eine Leistung von 160 bis 180 Watt. „Wir hatten bei uns aber schon junge Leute, die ihre Mühe mit 15 Watt hatten und glücklich waren, nach einer Woche Therapie 30 Watt zu schaffen.“

Christian Althoff

Als er nicht mehr beatmet zu werden brauchte, ließ Corona-Patient Florian Janssen dieses Foto von den Ärzten machen, um es seinen Eltern zu schicken. Foto:

 Dr. Schipmann ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie, Allergologie und Sozialmedizin und leitet die Klinik Martinusquelle in Bad Lippspringe . Sie zählt mit 2500 Patienten im Jahr zu den größten deutschen Rehakliniken für Lungenkranke. In den vergangenen sechs Monaten wurden hier 85 schwerkranke Corona-Patienten betreut. Damit hat die Klinik Erfahrungen mit der Corona-Nachsorge wie kaum ein anderes Haus in Deutschland.

80 Prozent der Corona-Infizierten kommen ohne Komplikationen durch die Krankheit, 20 Prozent müssen ins Krankenhaus. Und von diesen kommt jeder vierte auf die Intensivstation. Wer dort überlebe, brauche dringend eine Reha, sagt Dr. Ralf Schipmann. Es gebe aber auch Patienten, die viel zu schwach für eine solche Rehabilitation seien. „Die haben gerade die Kraft, auf der Bettkante zu sitzen oder einen Schritt zu gehen. Diese Menschen nehmen wir zum Teil zur Früh-Reha in der Karl-Hansen-Klinik auf, um sie langsam auf die eigentliche Reha vorzubereiten.“

Dr. Ralf Schipmann leitet die Klinik Martinusquelle. Foto:

Die Rückkehr in ein halbwegs normales Leben dauere in Einzelfällen sehr lange, sagt der Mediziner. „Wir haben hier zwei Patienten aus dem Rheinland, die zu den ersten Corona-Infizierten in Nordrhein-Westfalen gehörten. Die sind jetzt seit fünf Monaten in Therapie und können so langsam auf ihren Rollator verzichten. Die möchten natürlich endlich zurück nach Hause.” So lange Rekonvaleszenzzeiten kenne man von Menschen, die wegen einer schweren Grippe hätten beatmet werden müssen, nicht.

In der Klinik bekommen die Reha-Patienten in der Regel drei, vier Wochen medizinische Hilfe, psychologische Unterstützung, und ihre Muskeln werden mit Ausdauer- und Krafttraining langsam wieder aufgebaut. „Trotzdem geht es niemandem, den wir entlassen, wieder so gut wie vor der Infektion.“

Die klassischen Folgen einer Corona-Infektion, die jeder Patient habe, die gebe es nicht, sagt der Mediziner. „Geschmacks- und Geruchsstörungen treten immer wieder auf, aber generell sind die Symptome sehr vielfältig. Wir lernen jeden Tag dazu und lesen deshalb auch täglich neu veröffentlichte Corona-Studien.”

Krankheitsbild erinnere an schwere Erkrankung des Nervensystems

Viele seiner Patienten hätten schwerste Störungen beim Gehen, selbst mit Rollator, sagt Dr. Schipmann. „Wir wissen, dass das neurologische Ursachen hat. Die Steuerung durch bestimmte Nerven funktioniert nicht.” Das Krankheitsbild erinnere an Polyneuropathie, eine schwere Erkrankung des Nervensystems. „Bei Diabetikern und Alkoholkranken ist Polyneuropathie nicht heilbar, aber in anderen Fällen nutzen die Nerven gelegentlich ihre Rückbildungsfähigkeit. Das sehen wir auch bei Corona-Patienten.“

In Einzelfällen benötigten Corona-Geschädigte auch neurologische Kernspin-Untersuchungen, wenn bei ihnen eine Schädigung des Zentralen Nervensystems nicht ausgeschlossen werden könne. Andere Patienten hätten kardiologische Probleme. „Herzrhythmusstörungen, eine verminderte Pumpleistung, eine Herzbeutelentzündung – so etwas kommt vor.“ Diese Menschen sollten über die Reha hinaus unter fachärztlicher Kontrolle bleiben, rät der Arzt, ebenso Patienten mit Lungenschäden oder Nierenfunktionsstörungen, die auf die Infektion zurückzuführen seien.

Erschreckende psychische Folgen

Erschreckend sei für ihn das Ausmaß psychischer Corona-Folgen, sagt Dr. Schipmann. „Manche Patienten haben extreme Angst und durchleben Panikattacken. Wir hatten eine junge Frau hier, die sagte, sie erkenne sich selbst nicht wieder. Sie hatte sehr starke Stimmungsschwankungen und registrierte das auch.“

Die schweren Fälle, mit denen es die Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte in Bad Lippspringe zu tun haben, beschränken sich nicht auf die Gruppe der Älteren. „Wir wissen einfach nicht, warum es manche so stark erwischt und andere nicht. Wir hatten eine 28-jährige Lehramtsstudentin hier, die wieder laufen lernen musste. Und wir haben ein 21-Jährige behandelt, die durch Corona beinahe gestorben wäre. Wir mussten sie nach der Reha mit einem Rollator entlassen.“ Deshalb verstehe er die Unbesorgtheit mancher jüngerer Menschen auch nicht, wenn sie in großen Gruppen feierten. „Es kann jeden von ihnen erwischen, jeden von uns. Bis es eine Impfung gibt, müssen wir vorsichtig sein.“

Auch für die Ärzte ein Rätsel

Es sei gut, sagt Dr. Schipmann, dass manche junge Patienten an die Öffentlichkeit gingen und von ihrem Schicksal erzählten – wie  Florian Janssen (34) aus Münster . Der stellvertretende Supermarkt-Filialleiter wäre fast gestorben, trotz Herz-Lungen-Maschine. Die Ärzte des Clemens-Hospitals in Münster hatten seine Familie bereits angerufen, sie könne ihn noch einmal sehen. Doch Florian Janssen überlebte. Als der 34-Jährige im Juli zur Reha nach Bad Lippspringe kam, zitterten seine Hände wie die eines alten Mannes. Er konnte sich nur 30 Minuten konzentrieren und musste sich auf einen Rollator stützen. Inzwischen ist er wieder zu Hause.

Dr. Schipmann: „Warum es auch so sportliche, junge Menschen so schwer erwischt – das ist für uns Ärzte noch ein Rätsel.”

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