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Achim Schäfer ist seit zehn Jahren Geschäftsführer des Medizinischen Zentrums für Gesundheit in Bad Lippspringe

„Die Wende ist uns gelungen“

Bad Lippspringe

Vor genau zehn Jahren übernahm Achim Schäfer die Verantwortung für das Medizinische Zentrum für Gesundheit in Bad Lippspringe. Zu der Zeit lagen das Akut-Krankenhaus und die fünf Reha-Kliniken finanziell am Boden.

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Das Medizinische Zentrum für Gesundheit in Bad Lippspringe. Foto: Jörn Hannemann

Der 58-Jährige führte das Unternehmen wieder in die Gewinnzone. Im Interview spricht Schäfer mit WV-Redakteur Per Lütje über Erfolge, Fehler, den Umgang mit dem Coronavirus und über das, was da noch kommt.

Wie hat das Coronavirus das MZG und seine Arbeit verändert?

Achim Schäfer: Bereits zu Beginn der Corona-Pandemie war uns bewusst, dass das MZG und die Karl-Hansen-Klinik eine wichtige Rolle in der Behandlung und Nachsorge von Corona-Patienten einnehmen würde. In Bad Lippspringe befinden sich eines der größten Beatmungszentren und die größte pneumologische Reha-Klinik in Westdeutschland. Mit den Bildern aus Bergamo vor Augen war unsere größte Sorge, dass wir die Flut an Patienten nicht bewältigen können. In dieser Phase haben wir konzernübergreifend Mitarbeiter geschult und eingearbeitet.Wir bereiteten uns darauf vor, die Intensivkapazitäten auf bis zu 65 Plätze zu erhöhen. Gott sei Dank ist dieses Szenario damals nicht eingetreten. Diese Phase hat die Mitarbeiter zusammengeschweißt. In dieser Zeit habe ich begonnen, persönliche Briefe an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schreiben. Sie waren ebenso verunsichert wie alle Menschen in der Welt. Vor einem Jahr wusste doch niemand, was die Pandemie aus unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft machen würde. Im Verlauf der Pandemie sind die Medien bundesweit auf uns aufmerksam geworden. Die Journalisten interessieren sich für Corona und die Folgen einer Infektion. Nirgendwo konnte man sich das so gut ansehen wir hier in Bad Lippspringe, da wir viele Patienten in allen Ausprägungen gesehen und behandelt haben.

Achim Schäfer ist auf den Tag genau seit zehn Jahren Geschäftsführer des MZG. Foto:

Welche Konsequenzen haben Sie daraus für die Zukunft gezogen?

Schäfer: Es ist im Moment schwer, über die Zukunft zu sprechen. Die Pandemie hat uns gelehrt, dass wir sehr stark abhängig von guten Entscheidungen in der Gegenwart sind. In den nächsten Monaten geht es vor allem darum, Sicherheit für die Funktionsfähigkeit unserer Krankenhäuser und Kliniken zu schaffen. Dazu gehören zweifellos die Impfungen unserer Beschäftigten. Nichts bedroht die Krankenhäuser in ihrer Funktionsfähigkeit so sehr wie die Gefahr einer Schließung durch einen Corona-Ausbruch. Aus diesem Grund habe ich zusammen mit vielen meiner Kolleginnen und Kollegen für die Impfungen der Mitarbeiter in den Kliniken gekämpft. Als die Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen endlich für die Impfungen zugelassen wurden, konnten wir aufgrund der hohen Bereitschaft sehr schnell sehr viele Beschäftigte impfen. Und ich hoffe, dass wir diese Arbeit nun mit dem neuen Impfstoff von Astrazeneca erfolgreich abschließen können. Einen kleinen Ausblick in die Zukunft wage ich dennoch. Wir sehen bei den Post-Covid-Patienten die unterschiedlichsten Verläufe. Viele sind auch ohne Krankenhaus-Aufenthalt nachhaltig beeinträchtigt. Sie sind erschöpft und haben Konzentrationsschwierigkeiten, Geruchs- und Geschmacksstörungen, neurologische Ausfälle sowie orthopädische Beeinträchtigungen. Wir bieten in unseren Kliniken qualifizierte Lösungen für die unterschiedlichsten Formen des Post-Covid-Syndroms.

Wie war das MZG 2010 aufgestellt, wie jetzt?

Schäfer: Als ich am 1. März 2011 in Bad Lippspringe begann, lag das Unternehmen gewissermaßen auf der Intensivstation. Es galt also zunächst einmal, „Blut“ in Form von Kapital zuzuführen und dem Patienten Vertrauen in sich selbst zu geben. Auch ging es darum, die Stadtväter davon zu überzeugen, dass die Kurgäste aus den 1980er Jahren nicht mehr wieder kommen werden. Die heutigen Aufgaben in der Rehabilitation haben den Erhalt und die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit im Fokus. Sie ist wesentlich dichter an der Akut-Versorgung und damit auch sehr viel anspruchsvoller. Aus den damaligen Kuranstalten mit angehängtem Akutkrankenhaus ist ein modernes Gesundheitsunternehmen geworden. Gleichzeitig haben wir begonnen, unsere Infrastruktur aus eigener Kraft zu erneuern.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Schäfer: Ich bin stolz darauf, dass uns in Bad Lippspringe die Wende gelungen ist. Dass wir alle Einrichtungen erhalten und sogar ausbauen konnten. Und dass in dieser Zeit rund 400 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden sind. Es freut mich, wenn unsere Beschäftigten auch während der Pandemie Familien gründen und Häuser bauen.

Was war ein – oder auch der größte – Fehler, den Sie während Ihrer Zeit beim MZG gemacht haben?

Schäfer: Mein größter Fehler war, dass ich die Beschäftigten und insbesondere den Betriebsrat zu Beginn meiner Amtszeit im Unklaren darüber gelassen habe, wie kritisch die Situation tatsächlich gewesen ist. Im Falle einer Insolvenz wäre die Stadt unumkehrbar in die Haushaltssicherung geraten. Von den bestehenden Kliniken hatte nur die Cecilien-Klinik die Chance, von den damals aufkommenden Investoren im Reha-Markt übernommen zu werden. Alle anderen Reha-Kliniken wären auf Grund der Ergebnissituation und der schlechten Infrastruktur geschlossen worden. Das galt auch für den HNO-Bereich in der Karl-Hansen-Klinik. Die Beatmungsabteilung wäre an einem anderen Standort neu aufgebaut worden. Und in der Stadt stünden heute neben des Auguste-Viktoria-Stiftes noch weitere große Ruinen. Mir war es damals wichtig, den Beschäftigten Vertrauen und Sicherheit zu geben. Ich baute auf meine Erfahrungen aus der vorangegangenen Sanierungsaufgabe, bei der nach wenigen Jahren die Zusammenarbeit zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung eine vertrauensvolle Basis gefunden hat. Dabei ging es nur um das Wohl des Unternehmens und die Sicherung der Arbeitsplätze. Ich hatte damals nicht damit gerechnet, dass die Verflechtungen der Gewerkschaft in dieses Unternehmen so stark sind, dass man die Gefährdung der Existenz in Kauf nimmt.

Welchen Ausgang erhoffen Sie im schwelenden Tarifkonflikt mit Verdi?

Schäfer: Das hängt vor allem vom Verhalten der Gewerkschaft ab. Das Problem sind die Rehabilitationskliniken, in denen unsere Gehälter bereits heute teilweise deutlich über dem Branchenschnitt liegen. Mit der Anerkennung des TVÖD wäre die Existenzgrundlage in den Reha-Kliniken nicht mehr gegeben. Die Pflegesätze in diesem Bereich lassen eine solche Anpassung nicht zu. Mit dem Problem stehen wir auch nicht alleine. Alle Reha-Kliniken in kommunaler Trägerschaft, die mir bekannt sind, haben hausspezifische Regelungen. Ich hoffe darauf, dass die Gewerkschaft zu ernsthaften Verhandlungen bereit ist und ihre persönlichen Anfeindungen einstellt. Die jüngst veröffentlichte Karikatur erweckt den Eindruck, dass ausschließlich der „dicke kapitalistische Geschäftsführer, der sich die Taschen füllt und die Mitarbeiter mit Füßen tritt“ vor der sofortigen Umsetzung des TVÖD steht. Es sind leider die Rahmenbedingungen und die Finanzierungsgrundlagen, die diesen Schritt unmöglich machen.

Wie lange wollen Sie noch MZG-Chef bleiben?

Schäfer: Ich bin 58 Jahre alt und habe sehr viel Freude an dieser Aufgabe. In den letzten zwei Jahren habe ich mir einen Jugendtraum erfüllt und zusammen mit meiner Lebensgefährtin ein wunderschönes altes Bauernhaus in Bellenberg (Horn-Bad Meinberg, Anm d. Red.) mit viel Muskelhypothek renoviert. Falls es die Gesundheit zulässt, möchte ich weiterhin die Verantwortung für das MZG tragen. Darüber entscheiden der Aufsichtsrat und die Gesellschafterversammlung alle drei Jahre.

Welche Ziele haben Sie noch, was das MZG betrifft?

Schäfer: Die bauliche Entwicklung unserer Kliniken in den nächsten Jahren haben wir im Aufsichtsrat diskutiert und erste Entscheidungen getroffen. In der Karl-Hansen-Hansen-Klinik befindet sich die Umsetzung des dritten Bauabschnittes in Vorbereitung. Er beinhaltet unter anderem den Aufbau des stationären Bereichs in der Psychiatrie. Die alte Klinik am Park würden wir gerne zu einer Kurwaldklinik für pflegende Angehörige entwickeln. In den jetzigen Zeiten der Pandemie scheuen sich die Menschen jedoch, in die Reha zu gehen. Daneben benötigen wir dringend eine neue Zentralküche. Ein Schwerpunkt liegt in den nächsten Jahren im Ausbau der Digitalisierung. Als Antwort auf die Pandemie wurde das Krankenhauszukunftsgesetz verabschiedet, das die Krankenhäuser in den nächsten Jahren zwingen wird, von der „Steinzeit in die Neuzeit“ zu springen. Es bietet jedoch auch sehr große Chancen, die wir unbedingt nutzen wollen.

Wie stehen Sie zum Thema City-Outlet?

Schäfer: Für mich ist Bad Lippspringe der ideale Standort für ein City-Outlet. Ich sehe große Synergien für Stadt, die Hotellerie, den Einzelhandel und die Kliniken. Im Übrigen auch für den Einzelhandel in Paderborn, wo im Moment noch ein gewisser Widerstand zu vernehmen ist. Bad Lippspringe ist sehr gut angebunden, und die Besucher werden eine sehr lebendige Stadt in Erinnerung behalten und gerne wieder kommen. Wo sonst in Deutschland können Sie sich nach dem Einkaufserlebnis in einem Gartenschau-Park erholen? Und was man in Bad Lippspringe nicht findet, sucht man auf dem Rückweg in Paderborn. Auch unsere Patienten kommen lieber in eine lebendige Stadt zur Rehabilitation.

Mal was nicht ganz so ernst Gemeintes: Sie sind seit ein paar Jahren Mitglied im Bürgerschützenverein. Werden Sie 2021 oder 2022 der erste Nach-Corona-König?

Schäfer: (lacht) Mein Eintritt in den Schützenverein ist eine eigene, wunderschöne und sehr lustige Geschichte. Das habe ich meiner Lebensgefährtin Jutta zu verdanken. Sie war der Meinung, dass ich Teil dieser Gemeinschaft werden sollte. So wurde aus dem „Geschäftsführer Schäfer“ kurzerhand „Jungschütze Achim“. Ich fühle mich sehr wohl dabei, ein oder zwei Mal im Jahr Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Aber ich habe keinen Ehrgeiz, die Schützenkrone zu erreichen. Diese Ehre überlasse ich gerne der jungen Generation.

Was kommt nach Ihrer Zeit beim MZG? Wie stellen Sie sich Ihren Ruhestand vor?

Schäfer: Ich werde keine Probleme damit haben, die Verantwortung für die rund 1400 Mitarbeiter und fünf Kliniken in gewissenhafte Hände zu geben. Aber es ist nicht einfach, Krankenhäuser und Kliniken unter den aktuellen Rahmenbedingungen in Deutschland nachhaltig erfolgreich zu führen. Die weißen Haare kommen nicht von ungefähr. Es würde mich freuen, Erfahrung und Wissen in einem Gremium oder auch als väterlicher Freund an die nächste Generation weiterzugeben. Für einen späteren Ruhestand habe ich viele Pläne – auf dem Segelboot fahren, mir Zeit für gute Bücher nehmen, wandern und Fahrrad fahren.

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