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Palliativarzt Prof. Andreas Lübbe sieht Leiden oft nur verlängert

Gegen zu viel Chemotherapie

Bad Lippspringe (WB). Ärzte sollten mehr Krebspatienten die Chemotherapie am Ende des Lebens ersparen, sagt Prof. Dr. Andreas Lübbe (57). Der Ärztlicher Direktor leitet seit 20 Jahren die Palliativstation der Karl-Hansen-Klinik in Bad Lippspringe.

Christian Althoff

Symbolbild. Foto: dpa

Die Station gehört zu den ersten, die in Deutschland eingerichtet wurden. Heute sind es bundesweit 300. Dort werden Menschen aufgenommen, deren chronische Krankheit bald zum Tod führen wird und die Beschwerden haben. »Der Kern unserer Arbeit besteht darin, Patienten ihre Schmerzen, ihre Luftnot oder ihre innere Unruhe zu nehmen«, sagt Prof. Lübbe. »Wir kümmern uns um Körper, Geist und Seele.«

Abfällige Bemerkungen über Kranke, Sarkasmus, Zynismus – alles das hat Andreas

Lübbe während seiner Ausbildung als junger Arzt in Krankenhäusern erlebt. Er habe ein anderer Arzt werden wollen, sagt er. Das habe ihn zur Palliativmedizin geführt. »Bei uns steht nicht das medizinisch Machbare an erster Stelle, sondern der Mensch.«

Im Schnitt zwölf Tage auf der Palliativstation

Im Durchschnitt verbringen die Kranken zwölf Tage auf der Palliativstation, bevor sie nach Hause, in ein Pflegeheim oder ein Hospiz entlassen werden. In dieser Zeit versuchen Prof. Lübbe und seine Mitarbeiter, den Patienten kennenzulernen und seine Wünsche zu erfahren. »Es gibt zum Beispiel Menschen, die nicht wissen, wie es um sie steht, und die noch Pläne für die nächsten Jahre machen. Die konfrontieren wir nicht mit der Wahrheit, sondern wir sagen, dass wir uns große Sorgen um sie machen. Wenn sie diesen Hinweis nicht aufnehmen, um nachzufragen, dann lassen wir es dabei.«

300 Kranke, vor allem aus den Kreisen Höxter und Paderborn, werden jedes Jahr auf der Station aufgenommen, fast alle haben Krebs. Etwa 100 von ihnen sterben auf der Palliativstation, die anderen leben im Durchschnitt noch etwa sechs Wochen. »Diese Zeit sollen sie schmerzfrei erleben. Sie sollen möglichst auch noch die Chance haben, Dinge zu regeln.«

Die letzten Tage so zu verbringen sei oft aber nicht möglich, wenn der Krebs bis zum

Palliative Sedierung

Mancher Patient der Bad Lippspringer Palliativstation fragt die Ärzte nach der sogenannten palliativen Sedierung. »Das ist keine Sterbehilfe«, sagt Prof. Andreas Lübbe. Bei der palliativen Sedierung lebt der Mensch mit seiner tödlichen Krankheit weiter, aber er bekommt nichts mehr mit: Medikamente dämpfen das Bewusstsein oder schalten es aus. Wenn Patienten es wünschen, werden sie während dieses Tiefschlafs künstlich ernährt. Todesursache ist dann ihre Krankheit. »Zu wissen, dass es diese Möglichkeit gibt, ist für viele Patienten eine große Beruhigung«, sagt der Palliativmediziner Lübbe. »Diese Sedierung ist mein Hauptargument gegen einen Suizid aus Angst vor Schmerzen.« Äußere ein Kranker den Wunsch, werde das umfassend mit ihm besprochen. »Letztlich aber geht bei uns nur jeder 500. Patient diesen Weg«, sagt der Arzt.

Tod behandelt werde, obwohl es keine nachhaltige Therapie mehr gebe, sagt Prof. Lübbe. Er spricht von einer Übertherapie. »Eine Studie aus den USA und Skandinavien hat gezeigt, dass jeder dritte verstorbene Krebspatient in den letzten drei Wochen seines Lebens noch eine Chemotherapie bekommen hat – mit all den schweren Nebenwirkungen, die die Chemo mit sich bringt.«

Für die Übertherapie sieht Lübbe zwei Gründe. »Bei der Prognose, wie viel Zeit einem Patienten noch bleibt, verschätzen sich viele Ärzte und nehmen eine viermal zu lange Zeitspanne an.« Aber auch das Geld, das Krankenhäuser mit Chemotherapien einnähmen, spiele mancherorts eine Rolle. »75 Prozent der 374 Milliarden, die jährlich in unser Gesundheitssystem fließen, werden für Maßnahmen in den letzten vier Lebensjahren ausgegeben.«

Todkranke Menschen nicht noch mit einer weiteren Chemotherapie zu belasten – das ist nach Ansicht des Palliativmediziners auch eine Aufgabe von Onkologen, also Krebsärzten. »Die Entscheidung, ob jemand noch eine dritte oder vierte Chemotherapie bekommt, sollte der Arzt treffen und nicht der Patient. Die meisten Kranken glauben fälschlicherweise, eine Chemotherapie gehöre zur Standardbehandlung und stimmen deshalb zu – auch wenn das nur weiteres Leiden bedeutet.« Im Einzugsbereich der Bad Lippspringer Klinik gebe es bereits eine gute Zusammenarbeit mit Onkologen, sagt Prof. Lübbe. »In vielen Fällen besprechen wir gemeinsam, was im Interesse des Kranken ist.« Die Palliativmedizin könne mehr, als mancher annehme. »Bei einer Studie in den USA zeigte sich, dass fortgeschrittener Lungenkrebs unbehandelt nach durchschnittlich sechs Monaten zum Tod führte. Mit Chemotherapie lebten die Menschen neun Monate, und mit weniger Chemo und palliativer Betreuung zwölf Monate.«

  • Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, dem sei Andreas Lübbes Buch »Für ein gutes Ende« (Heyne-Verlag) empfohlen. Außerdem informiert die Palliativstation anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens Interessierte am Samstag von 15 bis 18 Uhr in der Karl-Hansen-Klinik.
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