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Haarener Unternehmen für gesellschaftliches Engagement ausgezeichnet

Bei Pietec ist Handicap kein Hindernis

Bad Wünnenberg-Haaren (WB). Wenn Familienangehörige plötzlich gepflegt werden müssen, es Probleme mit den Kindern gibt oder die eigene Gesundheit angegriffen ist, stehen die meisten Arbeitnehmer vor der Frage »Wie soll ich das regeln?«. Die Geschäftsleitung der Firma Pietec mit Sitz im Gewerbegebiet Haaren handhabt solche Dinge vorbildlich. Denn unter anderem für die Unterstützung ihrer Mitarbeiter in individuellen Lebenslagen ist das Unternehmen jetzt mit dem CSR-Preis OWL ausgezeichnet worden.

Marion Neesen

Ulrich Pühse arbeitet bei Pietec in der Gruppe der Menschen mit einem Handicap. Er ist in der Montage der Werkstattwagen tätig. »Ich will noch weiter kommen«, hofft Pühse, sich weiter qualifizieren zu können. Foto: Besim Mazhiqi

CSR steht für Corporate Social Responsibility – oder kurz: Sozialverantwortung. »Alle reden von sozialer Verantwortung und Inklusion, aber man muss es auch machen. Und wir als Unternehmer sehen uns da in der Pflicht«, sagt Pietec-Juniorchef Christoph Piepenbrock.

Sein Vater Reinhard Piepenbrock hat das Unternehmen 1992 in Sennelager gegründet; seit 1995 ist der Firmensitz in Haaren. Pietec ist in der metallverarbeitenden Industrie (115 Mitarbeiter) und im Werkzeugbau (11 Mitarbeiter) tätig.

Das Entgegenkommen eines Arbeitgebers in schwierigen privaten Situationen mit Anpassung der Arbeitszeit ist auf dem Arbeitsmarkt nicht unbedingt üblich und auch nicht immer einfach zu kompensieren. »Andere Mitarbeiter müssen dann oft mehr leisten. Aber sie wissen, wenn sie selbst einmal Probleme haben, können sie ebenso mit Unterstützung rechnen«, ist Christoph Piepenbrocks Erfahrung. Die flexibel gestaltbare Arbeitszeit ist nicht der einzige Punkt, der die Jury überzeugte. Schon vor 20 Jahren begann Pietec damit, Menschen mit einem Handicap Arbeit zu geben, indem das Unternehmen mit den Schlosswerkstätten Büren zusammenarbeitete. Als sich im Jahr 2005 die Gelegenheit bot, eine Firmenhalle auf dem Nachbargrundstück zu erwerben, griff Reinhard Piepenbrock zu und vermietete an die Caritas, die dort eine Werkstatt für Behinderte mit 85 Mitarbeitern einrichtete.

»Für uns war es logisch, auch den nächsten Schritt zu machen«, erläutert Christoph Piepenbrock, dass zwei Jahre später eine Arbeitsgruppe mit gehandicapten Menschen in die Betriebsabläufe bei Pietec Feinwerktechnik integriert wurde.

Den Anfang machten vier Mitarbeiter, inzwischen sind es 14. Darunter sind sowohl Burn-Out-Betroffene wie Menschen mit einer lebenslangen geistigen Einschränkung. Sie montieren hier eigenverantwortlich Werkstattwagen und werden vorsichtig (wieder) an den Arbeitsalltag herangeführt. Ihnen stehen zwei sozialpädagogische Betreuer der Caritas zur Seite.

»Wir beschäftigen unter anderem Menschen, die irgendwann dem Druck am Arbeitsplatz nicht mehr standgehalten haben. Unser Ziel ist es, sie wieder für den ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren«, erklärt Christina Schön, Bereichsleiterin Integration Arbeitsmarkt bei der Caritas. Die Kooperation mit Pietec gebe den Betroffenen einen geschützten Raum und einen sicheren Arbeitsplatz. »Für die Mitarbeiter ist es ganz wichtig, dass ihre Stelle nicht ständig in Frage gestellt wird. Das führt zu einer hohen Identifikation mit der Arbeit und dem Unternehmen«, so Schön.

CSR-Preis

Mit dem CSR-Preis OWL soll das gesellschaftliche Engagement insbesondere kleiner und mittelständischer Unternehmen gewürdigt und sichtbar gemacht werden. Zudem sollen Ideen und Konzepte untereinander ausgetauscht werden. Eine Jury prämiert Unternehmen, die vorbildlich ökonomisch, ökologisch und sozial verantwortlich handeln. Ausgeschrieben wird der Preis vom CSR-Kompetenzzentrum OWL, der Gilde-Wirtschaftsförderung Detmold und der Initiative für Beschäftigung OWL. Die Schirmherrschaft hat Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl. In diesem Jahr wurde der Preis zum dritten Mal verliehen.

Das kann Gruppenleiter Michael Srajek bestätigen: »Die Gruppe ist Teil der Pietec-Familie und perfekt etabliert, trägt die gleichen T-Shirts wie alle Mitarbeiter und nimmt an Firmenveranstaltungen teil. Auch private Kontakte haben sich entwickelt.« Größter Unterschied zu einem üblichen Arbeitsalltag sei sicherlich ein anderes Pausenmodell für die Mitarbeiter, die nicht so belastbar seien, weiß Christoph Piepenbrock. »In schwierigen Situationen nehmen wir den Produktionsdruck raus und steigen selber mal mit ein«, ergänzt Michael Srajek, der gemeinsam mit dem Sozialpädagogen Norbert Hoppe die Gruppe betreut.

Pietec habe den CSR-Preis mehr als verdient und sehr viel Mut bewiesen, diese Arbeitsgruppe einzurichten, denn Erfahrungen damit habe es nicht gegeben, meint Christina Schön und schätzt die Offenheit des Unternehmens; auch mit Blick auf eine deutlich steigende Zahl ihrer »Kunden«. Auch immer mehr junge Menschen erlitten psychische Erkrankungen, erkennt sie steigenden Bedarf für solche Projekte.

Christoph Piepenbrock sieht die Erwartungen des Unternehmens erfüllt. Er nimmt deutlich wahr, dass die Arbeit den gehandicapten Menschen Selbstbewusstsein gibt. Und angesichts des Fachkräftemangels profitiere Pietec von zuverlässigen Mitarbeitern vor Ort. »Unseren gesunden Mitarbeitern fällt es zwar manchmal schwer, mit den Erkrankungen der Kollegen umzugehen und es gibt auch mal Konflikte. Doch das hat sich eingespielt, man gewöhnt sich aneinander«, sagt der Juniorchef. Er kann das Modell empfehlen. Natürlich müsse ein Unternehmen auch entsprechende Arbeit anbieten können. Doch Menschen, die nicht in die Norm passten, auszuschließen, sei sicher keine Lösung. Bei Pietec jedenfalls ist die Firmenphilosophie eine andere.

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