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In Fürstenberg schließt mit der Realschule ein Kapitel Schulgeschichte

Es endet nichts, es ändert sich nur

Bad Wünnenberg (WB). »Wir haben keinen Grund tief traurig zu sein und in Tränen zu zerfließen«, sagt Schulleiterin Irmhild Jakobi-Reike, »denn die Zukunft hat ja schon begonnen.« Am Samstag werden im Schulzentrum Fürstenberg der Abschied von der Realschule und das fünfjährige Bestehen der Sekundarschule mit einem Schulfest gefeiert.

Marion Neesen

Das Schild mit den stilisierten Buchstaben für die Realschule wird wohl bald verschwinden. Aus der Fürstenberger Haupt- und der Realschule ist die Sekundarschule geworden. Für Irmhild Jakobi-Reike und ihr Kollegium hat die Zukunft bereits begonnen. Foto: Neesen

Die Fürstenberger Schulgeschichte ist eine der ältesten im Kreis Paderborn. 1921 wurde hier auf private Initiative eine Rektoratsschule mit 18 Schülerinnen und Schülern im Gasthof Koch gegründet. Bereits 1924 erfolgte der Umzug ins heutige Johannes-Even-Heim. »Die Idee war, dass die Kinder nicht 30 Kilometer zum Theodorianum nach Paderborn fahren müssen, sondern hier auf die Oberstufe vorbereitet werden«, erklärt Irmhild Jakobi-Reike, die derzeit Leiterin der Realschule und der Sekundarschule in Personalunion ist. Latein und Griechisch standen hier also bereits auf dem Stundenplan. 1927 erfolgte eine Umbenennung in Katholische Höhere Knaben- und Mädchenschule Fürstenberg in Westfalen, 1940 hieß die Schule Progymnasium und später Mittelschule, bevor 1951 alle Mittelschulen in Realschulen umbenannt wurden. 1956 zog die Realschule an ihren aktuellen Standort an der Haarener Straße.

Immer gern gesehen

»Die Namen und Etiketten haben sich in 97 Jahren Schulgeschichte geändert, aber es gab immer eine höhere Schulbildung in Fürstenberg«, erläutert Irmhild Jakobi-Reike. Und keine schlechte. Absolventen der Realschule Fürstenberg, zu denen auch Bürgermeister Christoph Rüther gehört, wurden in Ausbildungsbetrieben gern gesehen und zählten oft zu den Jahrgangsbesten an Gymnasien.

Die Realschule werde ja nicht geschlossen, weil sie nicht funktioniert habe, sondern weil sich Schullandschaft und Politik verändert hätten, sagt Jakobi-Reike Die Realschule sei ein Stück weit Opfer dieser Entwicklung. Dennoch sehen Irmhild Jakobi-Reike und ihr Stellvertreter Friedrich Schäfers keinen Grund tief traurig zu sein. »Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich dafür eine andere« unter dieses Motto, angelehnt an ein Zitat des Literatur-Nobelpreisträgers André Gide, haben Schüler und Lehrer das Schulfest am Samstag gestellt. »Das Zitat geht ja noch weiter«, sagt Irmhild Jakobi-Reike und zitiert, »›die Tragik ist jedoch, dass man nur nach der geschlossen Tür blickt und die geöffnete nicht beachtet.‹ Und genau das tun wir ja nicht. Wir haben den Vorteil, dass die Sekundarschule nach fünf Jahren schon ein Gesicht hat, der Aufbau weitgehend abgeschlossen ist.«

Schule der Zukunft

Mit der Gründung der Sekundarschule war 2013 das Auslaufen der Hauptschule und der Realschule beschlossen worden. Für die Fürstenberger Schulleiterin ist die neue Schulform durchaus die Schule der Zukunft, auch wenn ihr der Name nicht gefällt. »Ich hätte grundsätzlich mehr davon gehalten, wenn alle Gesamtschulen gleich hießen, ob mit oder ohne Oberstufe«, sagt sie. Denn nichts anderes sei die Sekundarschule Fürstenberg: eine Gesamtschule ohne Oberstufe und damit wieder ganz nah an ihrem Gründungszweck.

»Wenn man individuelle Förderung ernst nimmt und akzeptiert, dass Kinder unterschiedliche Begabungen haben, haben integrierte Schulformen unbedingt ihren Sinn«, meint die 56-Jährige, »ich glaube auch, dass es sinnvoll ist, Kindern Entwicklungszeit zu geben.« Deshalb will die neue Sekundarschule eine Schule der Vielfalt, eine Profilschule sein. Denn neu ist, dass die Sekundarschule eine Schule für alle Kinder ist: sowohl für Schüler mit Empfehlung fürs Gymnasium als auch für schwächere Hauptschüler und Inklusionsschüler; für sprachlich Begabte ebenso wie für technische Talente. »Wenn wir eine Schule der Vielfalt sein wollen, müssen wir auch vielfältige Angebote machen«, so Jakobi-Reike. In den ersten fünf Jahren seien daher die Profile MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), Sprache (Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch), Verantwortung (Soziales und Gesundheit) sowie Kultur (musisch-künstlerischer Bereich) herausgearbeitet worden. Hier können sich die Kinder ausprobieren und später spezialisieren.

Personalschlüssel

Ein Vorteil zur Realschule und zu Gymnasien ist der Personalschlüssel, so dass in den Hauptfächern oft in Doppelbesetzung unterrichtet werden kann. »Der eingeschlagene Weg ist der richtige«, ist Irmhild Jakobi-Reike überzeugt. Zwei Lernstandserhebungen in der Jahrgangsstufe acht, bei denen das Ergebnis nahezu identisch mit dem der Realschule war, geben ihr und dem Kollegium recht. Der gute Ruf und die erfolgreiche Arbeit an der Realschule seien Gradmesser und Anreiz: »Dahinter wollen wir nicht zurückstehen. Der Fokus hat sich aber auch auf die Schwächeren erweitert, die wir so weit fördern wollen, wie wir können.« Eine neue Schule gestalten, Dinge zu überdenken und auch korrigieren zu können, sei eine Chance und ein Geschenk. »Dieser Geist ist im Kollegium ganz lebendig«, sagt Irmhild Jakobi-Reike. Und deshalb wird das Schulfest, das am Samstag um 14 Uhr beginnt, auch kein Grund zur Trauer sein.

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