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Kreislandwirt Johannes Giesguth zieht sich nach 24 Jahren aus Ehrenamt zurück

„Landwirtschaft braucht Wertschätzung“

Bad Wünnenberg-Haaren (WB). Die Landwirte und ihre Mitarbeiter im Kreis Paderborn haben ihre Vertreter für die Kreisstelle Paderborn der Landwirtschaftskammer gewählt. Einer oder eine der Gewählten wird am 12. November zum Kreislandwirt oder zur Kreislandwirtin bestimmt. 24 Jahre lang stand für dieses Ehrenamt der Name ­Johannes Giesguth. Jetzt hat sich der Haarener Landwirt nicht mehr zur Wahl gestellt. Redakteurin Marion Neesen blickt mit dem 66-Jährigen zurück und in die ­Zukunft.

Johannes Giesguth blickt auf 24 Jahre als Kreislandwirt zurück. Sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin wird am 12. November ins Amt eingeführt. Giesguth wünscht der Landwirtschaft wieder mehr Wertschätzung. Foto: Oliver Schwabe

Herr Giesguth, warum wollen Sie nicht weitermachen? Und wird Ihnen nicht etwas fehlen, wenn Sie nicht mehr Kreislandwirt sind?

Johannes Giesguth: Ich habe dieses Ehrenamt 24 Jahre ausgeübt. Jetzt ist es einfach an der Zeit, anderen und jüngeren den Vortritt zu lassen. Ob ich etwas vermissen werde? Es gibt den Landwirt Johannes Giesguth und es gibt das Ehrenamt. Sich dort mit seiner Erfahrung einzubringen, ist ein wichtiger Baustein der Landwirtschaft. Doch in dieser Zeit ist auch einiges liegen geblieben und ich musste auf manches verzichten. Das wird jetzt nachgeholt.

Was ist Ihnen am deutlichsten in Erinnerung geblieben?

Giesguth: Am deutlichsten vor Augen – und das war auch die schlimmste Zeit – habe ich noch die Schweinepest 1996/97. Sie hat uns über Monate hinweg belastet. Betriebe wurden geschlossen, Schweine gekeult, keiner wusste, wie es weitergehen sollte und ob die Pest irgendwann ein Ende hat. Plötzlich standen Fernsehteams vor der Haustür, und ständig wurden die Bilder der toten Tiere gezeigt. Damals ging gar nichts mehr. Man hatte ein Gefühl der Machtlosigkeit. Menschen, die über Jahre ihre Betriebe aufgebaut hatten, waren in ihrer Existenz bedroht. Es verging kein Tag ohne Hiobsbotschaft.

So wurde gewählt

Die Wahlen der Landwirtschaftskammer NRW im Kreis Paderborn sind entschieden. Kammergeschäftsführer Stefan Berens hat in seiner Eigenschaft als Wahlleiter die Namen der gewählten Kandidatinnen und Kandidaten bekanntgegeben. In den nächsten sechs Jahren werden aus der Wahlgruppe der landwirtschaftlichen Unternehmer ­Susanne Mönnikes aus Haaren, Eduard Gockel aus Paderborn, Marcus Blome aus Westerloh und Eva-Maria Kersting aus Eickhoff den Wahlbezirk Paderborn in der Hauptversammlung der Landwirtschaftskammer NRW vertreten. Aus der Wahlgruppe der Arbeitnehmer wurden Reimund Lesen und Franz-Josef Salmen (beide Bad Wünnenberg) gewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei dieser Briefwahl bei 41 Prozent. Die gewählten Kreisstellenmitglieder haben vor allem die Aufgabe, die Landwirtschaft in ihrem Bezirk und die in der Landwirtschaft und im Gartenbau Berufstätigen zu fördern und zu betreuen sowie die Landwirtschafts­kammer zu unterstützen.

Ist die alte Angst wieder da, wenn Sie heute die Entwicklung der Afrikanischen Schweinpest beobachten?

Giesguth: Noch ist es eine Pest unter den Wildschweinen. Aber ja, bei Landwirten, die die Schweinepest damals miterlebt haben, kommt die Angst zurück. Mit dem Preisverfall gibt es ja auch bereits Auswirkungen. Und es wird auch immer noch nicht geimpft. Es bleibt die Ungewissheit, wie die Tiere vermarktet werden können.

Es bleiben aber sicher nicht nur schlechte Tage nach 24 Jahren im Ehrenamt im Gedächtnis. Was haben sie an Ihrer Arbeit besonders gemocht?

Giesguth: Es war eine interessante Arbeit, bei der ich viele nette Menschen kennengelernt habe, die ich sonst vielleicht nicht getroffen hätte, und viele Diskussionen geführt habe. Für mich war es immer wichtig, Verständnis für die Landwirtschaft zu wecken und Dinge zum Positiven zu wenden, etwas zu bewegen.

Was hat sich verändert?

Giesguth: Als ich 1996 als Kreislandwirt angefangen habe, gab es im Kreis Paderborn rund 3200 Betriebe, heute sind es noch 1500. Da sieht man schon, dass sich irgendetwas verändert haben muss. Die Wertschätzung und das Verständnis für die Landwirtschaft waren früher größer. Landwirte produzieren 365 Tage im Jahr Lebensmittel von hoher Qualität. Das scheint der Gesellschaft und Politik nicht mehr zu reichen. Jedes Jahr wird mehr Druck auf­gebaut, zum Beispiel in der Tierhaltung.

Wo liegen die besonderen Schwierigkeiten?

Giesguth: Politik und Gesellschaft haben Vorstellungen, die mit der Landwirtschaft nur schwer kompatibel sind. Aber die Landwirte brauchen Planungs­sicherheit. So gibt es etwa Förderprogramme zur Modernisierung von Ställen. Doch dann heißt es schon nach drei Jahren, der Stall sei so nicht mehr betreibbar. Dann ist es schwierig, etwas zu planen. Derzeit kann man es nur falsch machen. Vorgaben und Verordnungen müssen umsetzbar sein. Wenn Planungssicherheit fehlt, zerrt das an den Nerven. Man muss den Landwirten eine Chance geben und nicht permanent auf sie eindreschen.

Können Sie heute noch guten Gewissens jungen Menschen raten, den Beruf des Landwirtes zu ergreifen?

Giesguth: Der Beruf des Landwirtes ist unglaublich vielfältig. Wir erzeugen Lebensmittel, leisten Naturschutz, erbringen Dienstleistungen und erzeugen Energie aus erneuerbaren Ressourcen. Essen und Trinken werden auch in Zukunft Konjunktur haben. Daher kann ich nur jedem Landwirt raten, um seinen Betrieb zu kämpfen, auf sich selbst zu vertrauen und seine Chance zu suchen. Bei der ständigen Erweiterung der Tierbestände ist irgendwann das Ende der Fahnenstange erreicht. Es gibt aber Landwirte, die pfiffige Wege gehen, die Lücken erkennen und Nischen besetzen. Ein Beispiel sind die Hühnermobile – eine gute Sache. Es bedarf innovativer Ideen und Mut für die Zukunft. Man muss kreativ sein und etwas machen wollen.

Wäre die Konzentration auf Regionalität eine Lösung?

Giesguth: Dazu müsste sich das Käuferverhalten ändern. Die Mentalität des Deutschen ist es nun einmal, günstig einzukaufen. Ob es gelingen wird, die zu brechen, ist fraglich.

Was würden Sie der Landwirtschaft und den Menschen, die sie betreiben, für die Zukunft wünschen?

Giesguth: 50 Prozent der Flächen im Kreis Paderborn werden landwirtschaftlich genutzt. Die Vielfalt dieser Kulturlandschaft sollte der Landwirtschaft erhalten bleiben. Ich wünsche mir, dass Nahrungsmittel auch weiter vor der Haustür erzeugt werden können. Und wir müssen zur Sachlichkeit zurückkommen. In der Politik wird das gemacht, was die Gesellschaft fordert. Dabei gibt es immer unterschiedliche Standpunkte, über die man aber sachlich diskutieren sollte. Wenn man den Landwirten immer nur sagt „Ihr müsst“, stecken sie auf.

Haben Sie ein paar gute Tipps für Ihren Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin?

Giesguth: Das Amt beinhaltet Schwerpunkte, die sich automatisch ergeben. Über Nacht kann man gefordert sein. Ich wünsche meinem Nachfolger oder meiner Nachfolgerin das Erlebnis, auch etwas bewegen und nicht nur reden zu können. Ich glaube außerdem, es ist wichtig, in diesem Beruf verwurzelt zu sein, ihn selbst zu leben und eine Bindung zur Landwirtschaft zu haben. Sonst wird man schnell zum Lobbyisten.

Was machen Sie mit der neu gewonnenen Zeit?

Giesguth: Der Beruf des Landwirtes ist so vielfältig wie kein anderer, und ich bleibe ja Landwirt. Die Familie führt den Betrieb weiter. Während meiner Arbeit im Ehrenamt musste ich auch auf vieles verzichten, manches kann ich nachholen, manches nicht. Kurz gesagt, ich werde die neu gewonnene Freizeit genießen.

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