1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Borchen
  6. >
  7. Allerdissen „Ich bin mit mir sehr im Reinen“

  8. >

Reiner Allerdissen spricht über seine Zeit als Bürgermeister in Borchen, die Wahlniederlage und was ihm fehlen wird

Allerdissen „Ich bin mit mir sehr im Reinen“

Borchen (WB). Nach elf Jahren an der Spitze der Gemeinde Borchen endet am 31. Oktober die Amtszeit von Bürgermeister Reiner Allerdissen (SPD). Im Interview mit Redakteurin Sonja Möller spricht der 61-Jährige über „den tollsten Beruf“ und darüber, welche Projekte ihm besonders am Herzen lagen und ob er bereits neue Pläne hat.

Die Skaterbahn ist eines der großen Herzensprojekte, die Reiner Allerdissen während seiner Zeit als Bürgermeister umgesetzt hat. Der 61-Jährige beendet am Samstag seine elfjährige Amtszeit und nimmt sich erstmal eine Pause. Foto: Oliver Schwabe

Wie haben Sie sich am Wahlabend gefühlt? Wie geht es Ihnen jetzt mit der Niederlage?

Reiner Allerdissen: Am Wahlabend war ich ein Stück weit überrascht, auch wenn immer im Fokus war, dass so etwas passieren könnte. Wie fühle ich mich jetzt? Wie man sich fühlt ein paar Tage, bevor dieser Lebens­abschnitt abgeschlossen ist. Mit mir im Reinen. Es war ein Privileg für mich, elf Jahre dieses Amt ausüben zu dürfen. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich viel bewegen konnte, auch wenn es nicht immer einfach war. Dass mir Gott sei dank kein Fehler unterlaufen ist, der der Gemeinde Borchen Schaden zugefügt hat, dass aber viele Grundsteine gelegt wurden für zukünftige Entwicklungen.

Wie fällt Ihre persönliche ­Bilanz aus?

Allerdissen: Sehr, sehr positiv. Einmal was die persönliche Sicht der Dinge angeht: Viele Menschen in ihren völlig unterschiedlichen Charakteren und Persönlichkeiten kennengelernt zu haben. Viele Dinge bewegt zu haben, viel gelernt zu haben. Meine Bilanz: Ich bin rundherum zufrieden und erfüllt. Das ist für mich ohne Zweifel der schönste berufliche Abschnitt meines Lebens.

Worauf blicken Sie mit Stolz zurück?

Allerdissen: Auf so viele Dinge. Was die Betreuungssituation angeht, hat sich viel geändert. Alle Ortsteile haben entweder schon Glasfaser oder bekommen es. Die Wirtschaft war ganz besonders dahinter her. Das haben wir sofort aufgegriffen. Was die Schulsituation angeht, was den sozialen Bereich angeht, habe ich viel geschafft. Die Grundidee der Skaterbahn war für mich mit der Perspektive auf aufsuchende Jugend- und Sozialhilfe verknüpft, die in Zusammenarbeit mit dem HOT (Anm. d. Red.: Haus der offenen Tür) der Stephanusgemeinde ganz toll funktioniert: sehr unaufgeregt, sehr professionell. Ich finde auch, wir haben die Flüchtlingssituation 2015/2016 hier in Borchen ganz hervorragend gelöst, auch wenn es da viele Diskussionen gab. Ich habe mich immer stark dafür gemacht, eine Unterkunft zu bauen, wie wir sie jetzt haben, in der beständig eine Sozialarbeiterin sitzt. Wir haben jetzt ein Gebäude mit einem ansehnlichen Standard, in dem wir auch die Möglichkeit haben, Familien angemessen unterzubringen. Wir hatten auch keine ganz schlimmen Erlebnisse rund um das Thema. Viele Flüchtlinge arbeiten heute im Gewerbegebiet in den Firmen. Ein Unternehmer sprach von 18 verschiedenen Nationen in seiner Firma. ‚Wir‘ meint insbesondere die Unterstützung meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch der Fraktion und des Ortsvereins. Ich glaube auch, wir sind bisher gut durch die Corona-Krise gekommen. Wir waren die einzige Kommune, die die Bürgerberatung offengehalten hat. Wir haben Vorkehrungen getroffen zum Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, haben das aber durchgezogen. Dann gibt es unglaublich viele Baugebiete in jedem Ortsteil, auch in den Ortsteilen, in denen es besonders schwierig war. Das ist wirklich toll. Und wir haben den neuen Regionalplan auf den Weg gebracht, der von uns sehr gut vorbereitet war und Borchen sehr gute Entwicklungsperspektiven eröffnet.

Gab es auch Misserfolge in ihrer Zeit als Bürgermeister?

Allerdissen: Das ist doch klar. Viele Dinge, bei denen man sich vergaloppiert hat, man falsche Wege eingeschlagen hat. Es gab aber einen sehr guten Notfallplan: Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht den Bruchteil einer Sekunde zögern, mir zu sagen: ‚Da sind Sie auf dem falschen Weg. Das passt nicht.‘ Ich kann mich an eine Diskussion erinnern, die 400 Kilometer im Auto gedauert hat über einen bestimmten Sachverhalt. Das war erschöpfend, aber es war gut. Weil es all die Facetten in diesem speziellen Punkt zur Disposition gestellt hat und diese nochmal neu begründet werden mussten. Ich habe nichts davon, wenn mir einer meine Meinung erzählt. Die kenne ich schon. Ich brauche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die locker die Gegenposition einnehmen und das ist bei allen ausnahmslos der Fall. Ich erinnere mich noch, als ich anfing, wollte ich mit dem Personalrat sprechen. Als sich herausstellte, dass es keinen richtigen Personalrat gab, war dies meine erste Maßnahme. Ein funktionsfähiger Personalrat hat für mich einen hohen Stellenwert. Die erste Vorsitzende Frau Ernst und ich haben uns großartige Schlachten geliefert. Es gab nicht eine Auseinandersetzung, die nicht in der Sache gut geführt war, immer in gegenseitigem Respekt. Sie haben dazu beigetragen, dass die Dinge in diesem Haus eine gute Entwicklung genommen haben.

Zur Person

Reiner Allerdissen (SPD) lebt seit gut elf Jahren mit seiner Frau Karin im Borchener Ortsteil Dörenhagen. Der 61-Jährige stammt gebürtig aus Bielefeld und hat zwei erwachsene Töchter. Seinen gelernten Beruf als Koch musste Allerdissen aus gesundheit­lichen Gründen aufgeben und ließ sich für den gehobenen Verwaltungsdienst umschulen. Ab 1990 arbeitete er bei der Stadtverwaltung Detmold in verschiedenen Funktionen, unter anderem als Controller im Fachbereich Stadtentwicklung, Bauordnung und Umweltschutz.

Dann wechselte er für zwei Jahre zur Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement und kehrte anschließend nach Detmold zurück. 2008 wurde Reiner Allerdissen dort Kämmerer, später übernahm er die Leitung der Detmolder Immobilienbetriebe. 2009 trat er für die SPD Borchen bei der Kommunalwahl als Bürgermeisterkandidat an.

Was haben Sie noch geändert, nachdem Sie Bürgermeister geworden sind?

Allerdissen: Eins darf man nicht vergessen und das ist für mich ein großer Erfolg: Als ich hier hinkam, war das Gremium der Fachbereichsleitungen ausschließlich männlich, so wie bei vielen anderen Kommunen. Ich hatte von Anfang an das Glück, ganz viele Frauen im Haus gehabt zu haben, die genau das Potenzial mitgebracht haben, um Führungspositionen zu bekleiden. Heute ist die Riege der Fachbereichsleiter pari pari besetzt. Nicht eine von den Frauen ist in diese Position gekommen, weil sie Frau ist. Das ist mir ganz wichtig. Ich bin froh, dass wir so ein ausgeglichenes Verhältnis haben. Das hat sich organisch entwickelt. Es gab Zeiten, in denen die Ausgangssituation für die berufliche Entwicklung für Frauen nicht ganz so gut war. Als ich 2009 angefangen habe, saßen hier Frauen, deren Tätigkeit nicht ihrer Ausbildung und ihrem Potential entsprach. Das hat sich geändert. Ein Grundprinzip war bei mir auch: Kinderwunsch, Familie sind kein Hinderungsgrund für eine berufliche Entwicklung.

Welche persönlichen Begegnungen waren Ihnen besonders wichtig?

Allerdissen: Wenn ich eine herausgreife, würde ich alle anderen herabwürdigen. Das ist das Privileg dieses Amtes. Es gab viele Treffen mit Menschen, die ganz wunderbare unterschiedliche Persönlichkeiten mitgebracht haben. Zum Beispiel auf der ehrenamt­lichen Ebene. Menschen mit ganz viel Engagement, die viel Freizeit und Herzblut investiert haben, hier im Ehrenamt Gutes zu bewirken. Das hat mir immer unglaublich viel Spaß gemacht. Ich greife mal nur eine Begegnung stellvertretend für viele andere heraus: Das Projekt Skaterbahn ist ganz wichtig für mich. Begonnen hat das mit einem Besuch der Jugendlichen in meinem Büro, die dort mit ihren Skateboards saßen und die Forderung an mich richteten, hier müsse jetzt eine Skaterbahn hinkommen. Es gab dann diesen legendären Termin im Ratssaal, zu dem ich die Jugendlichen eingeladen hatte. Wir hatten einen Entwurf für die Skaterbahn gemacht, und die Jugendlichen sollten uns erklären, ob das so richtig ist. Bis fünf Minuten vor Beginn herrschte gähnende Leere im Saal. Mit einem Mal ging die Tür auf und nicht wieder zu. Die Bude war voll. Und dann haben die uns erklärt, wie das geht, und haben unsere Planung sehr deutlich überarbeitet. Danach war es erheblich günstiger. Und dann haben wir das so gebaut, wie die Jugendlichen das haben wollten. Das war dann deren Bahn. Wichtig war mir vor allem der Standort an der Straße ohne Zaun und mit einem offenen Unterstand, damit die Menschen immer sehen, was auf dieser Bahn stattfindet.

Gab es weitere Herzens­projekte?

Allerdissen: Der Einzelhandelsstandort in Kirchborchen war städtebaulich ein absolutes Schlüsselprojekt. Das wird auch dadurch bestätigt, dass viele Kundinnen und Kunden von außerhalb Borchens kommen. Ich glaube, dass das ein Ankerpunkt für Borchen ist, der städtebaulich noch eine unglaubliche Wirkung erzielen wird. Ursprünglich war dort nur ein Einzelhandelsstandort der Firma Lidl. Wir hatten die Möglichkeit, die angrenzende Fläche von den Barmherzigen Schwestern zu kaufen. Das konnte man nicht geheim halten. Da gab es dann erheblichen Druck von Investoren, die dort ihre großen Einzelhandelsprojekte verwirklichen wollten. Die haben mit allen Bandagen gekämpft. Meine Intention war von Anfang an, einen Einzelhandelsstandort zu entwickeln, der vieles anbietet. Ganz wichtig war hier eine Drogerie. Das habe ich völlig unterschätzt. Als Schlecker damals aus Borchen verschwand, war das ein Desaster. Für mich war klar, ich möchte einen Standort entwickeln, der eingesessene Händler berücksichtigt, aber auch mit dem Lidl und dem Rossmann weitere Bedarfe abdeckt. Das ist ein Projekt, was ich ganz großartig finde.

Wie waren die letzten Wochen ihrer Amtszeit?

Allerdissen: Ich habe aufgeräumt, das ist ja klar. Und arbeitsreich war es auch, weil die Arbeit hier ja nicht stehenbleibt. Wir haben intensive Übergabegespräche mit Herrn Gockel geführt. Ich hatte 2009 ja keine Übergabe, sondern bin hier hingekommen, habe die Tür aufgemacht und gesagt ‚Ich bin der Neue.‘ Das werde ich nie vergessen. Das geht so natürlich nicht. Das darf man in Verantwortung vor dieser Gemeinde nicht so machen. Ich habe deswegen die Fachbereiche gebeten, die wichtigsten Themen aufzuführen. Dann haben wir uns zusammengesetzt und diese in mehrstündigen Gesprächen aufgeführt und Fragen beantwortet. Ich übergebe ein gut bestelltes Feld. In allererster Linie, weil hier eine Top-Truppe im Rathaus ist. Es ist einfach großartig, mit den Menschen zusammenzuarbeiten. Das werde ich sehr vermissen. Diese Truppe hier im Rathaus macht wirklich Spaß. Immer in der Sache gut. Sehr selbstbewusst. Ich habe immer das Selbstbewusstsein geschätzt und diese Emanzipiertheit. Dass sie sich in der Sache hingestellt haben und gesagt haben: ‚Das funktioniert nicht.‘ Das hat viele böse Entwicklungen verhindert.

Wie verabschieden Sie sich von Ihren Mitarbeitern?

Allerdissen: Ursprünglich war etwas geplant, das haben wir absagen müssen. Es gibt ja keine Lex Allerdissen in der Corona-Situation. Es gibt keine große Verabschiedung. Das ist auch nicht das große Drama. Ich bleibe ja in Borchen. Und ich habe von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schon mitgeteilt bekommen, wie viele Kochkurse ich geben muss. Das werden wir auch sicherlich durchführen. Man hat sich sehr schätzengelernt in den Jahren.

Wie geht es ab dem 1. November für Sie weiter? Was haben Sie für Pläne?

Allerdissen: Das kann ich im Moment noch nicht sagen. Erstmal werde ich Pause machen. Ich glaube, man muss so einen Abschnitt wirklich abschließen. Das braucht einige Zeit. Ich habe keine konkreten Pläne. Wenn sich eine Option ergibt, bin ich immer bereit, darüber nachzudenken. Ich glaube, ich habe nachgewiesen, dass ich hier trotz manchmal sehr anspruchsvoller Rahmenbedingungen Dinge wirklich auf den Weg bringen konnte. Das sollte ein Qualifikationsmerkmal sein. Ansonsten werde ich mich in die Mysterien der Buntwäsche einarbeiten und dann schauen wir mal.

Für Sie endet am 31. Oktober ein besonderer Lebensabschnitt. Wie fühlen Sie sich mit Blick aufs Ende der Amtszeit?

Allerdissen: Ich bin mit mir sehr im Reinen. Das ist für mich das Allerwichtigste. Ich kann erhobenen Hauptes hier rausgehen. Ich glaube nicht, dass meine Leistungen für Borchen der Grund dafür sind, dass ich nicht erneut das Vertrauen bekommen habe. Der Wahlkampf war sicherlich über Strecken widerlich. Es gab mehrere Tiefpunkte. Aber so ist es. Ich halte es für wichtig, dass man in einer Demokratie diese demokratischen Entscheidungen akzeptiert. Wir sehen gerade über den Teich, wie jemand sich anschickt, schon vor der Wahl so etwas nicht zu akzeptieren. Ich glaube, damit gefährdet man die Demokratie auf unverantwortliche Weise. Verletzend ist so eine Wahlniederlage trotzdem, weil man sich leistungsmäßig nichts vorzuwerfen hat, aber am Ende ist es dann eben so.

Startseite