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»Scheunenmord«: Gericht hört frühere Freunde des Mordverdächtigen

Erst tötete er Tiere, dann einen Menschen

Paderborn (WB). Er quälte Tiere bis zum Tod und nannte Mädchen, bei denen er abgeblitzt war, fortan nur noch Schlampen: Vor dem Landgericht Paderborn haben Zeugen gestern ein recht düsteres Bild von Mark E. (19) gezeichnet, der unter Mordverdacht steht.

Christian Althoff

Das Gericht in Paderborn. Foto: Jörn Hannemann

Zum Prozessauftakt am Montag hatte Verteidiger Jerrit Schöll ein Geständnis seines Mandaten vorgelesen. Danach hat der 19-Jährige seinem besten Freund Leon M. (17) an einer Scheune in Büren mit einer Stahlstange den Kopf eingeschlagen und ihm dann die Kehle durchgeschnitten. Auslöser soll eine Kränkung gewesen sein: Angeblich hatte Leon M. dem 19-Jährigen vorgehalten, er habe bei Mädchen keine Chancen.

Wer ist dieser Mark E., dem Staatsanwalt Fabian Klein Mord vorwirft? Realschule, Hauptschule, Lehre zum Landwirt – viel mehr weiß die Öffentlichkeit nicht über den 19-Jährigen. Er selbst ermöglicht es dem Gericht nicht, sich ein differenziertes Bild zu machen. Wortlos sitzt er auf der Anklagebank. Er starrt Stunde um Stunde vor sich hin und blickt nicht einmal zur Seite, wo seine jüngere Schwester und seine Eltern im Zuschauerraum sitzen. Nicht einmal zu seinem Lebenslauf möchte er etwas sagen. Mark E. hat es auch abgelehnt, sich vor dem Prozess von einem Gutachter untersuchen zu lassen. Und so sind es vor allem die Aussagen früherer Freunde, die erahnen lassen, was da für ein Mensch auf der Anklagebank sitzt.

Ein 19-Jähriger erinnerte sich gestern daran, dass Mark E. eines Tages mit seinem Roller zum Treffpunkt der Clique kam. »Zwischen seinen Füßen lagen sechs lebende Küken. Er sagte: ›Guck mal!‹ und drehte ihnen den Hals um, bis wir protestierten. Da waren aber schon zwei Tiere tot.« Ein anderer Zeuge (20) sagte, einmal habe Mark ein Vogelnest entdeckt. »Er holte die Vögel heraus, fasste sie an den Flügeln und schleuderte sie, bis er nur noch die Flügel in der Hand hielt.« Ein dritter Bekannter erklärte, Mark habe ihm völlig gefühllos erzählt, wie er in seinem Lehrbetrieb kranke Ferkel an die Wand geschlagen habe, weil Antibiotika zu teuer gewesen seien.

Auch etliche Mädchen aus der Clique wussten nicht viel Gutes über den Angeklagten zu erzählen. Während Leon M. charmant gewesen sei und Chancen bei Mädchen gehabt habe, sei Mark E. der »hölzerner Typ«, der auch schnell beleidigen konnte. Eine Schülerin (16): »Als ich ihm sagte, dass es mit uns nichts würde, nannte er mich nur noch Schlampe – auch in der Öffentlichkeit vor anderen Leuten.« Eine Ex-Freundin des Angeklagten: »Er wollte mir vorschreiben, mit wem ich chatten darf und zu welchen Partys ich gehen sollte.« Als sie einmal während einer Fahrt auf der A 33 als Beifahrerin mit einem anderen Jungen gechattet habe, sei er »kopflos mit Tempo 200« über die Autobahn gerast. Bei anderer Gelegenheit habe er ihr die Beine weggetreten, als sie gechattet habe.

Als Mark E. diese Aussagen hörte, rutschte er immer tiefer in seinen Stuhl, bis sein vor ihm sitzender Anwalt ihn fast verdeckte.

Der Prozess wird am 18. Dezember fortgesetzt, möglicherweise wird dann auch das Urteil gesprochen. Verteidiger Jerrit Schöll will auf Totschlag hinaus. Er wertet das Zuschlagen mit der Stange und das Schneiden mit dem Messer als eine Tat. Staatsanwalt Fabian Klein sieht das anders. Er geht davon aus, dass der Angeklagte erst zum Messer griff, als er merkte, dass sein Opfer noch lebte. Klein nimmt an, dass Leon M. sterben sollte, damit er Mark E. nicht wegen der Schläge mit der Stange belasten konnte – ein sogenannter Verdeckungsmord. Gestützt wird diese Annahme von Rechtsmediziner Bernd Karger. Er hat herausgefunden, dass zwischen den Schlägen und den Schnitten etwa 18 Minuten gelegen haben.

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