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17-Jähriger neben Feldscheune getötet – Angeklagter schildert neue Version

Gewaltexzess nach Kränkung?

Paderborn/Büren (WB). Sie waren die besten Freunde. Nun ist einer tot, und der andere sitzt wegen Mordes auf der Anklagebank. Zum Prozessauftakt stellte er die Tat gestern zum ersten Mal nicht als Unfall dar. Eine Kränkung wegen mangelnder Erfolge bei Mädchen soll das Motiv gewesen sein.

Christian Althoff

Mark E. und sein Verteidiger Jerrit Schöll: Der Anwalt will eine Verurteilung wegen Totschlags erreichen. Foto: Besim Mazhiqi

Sie liebten die Landwirtschaft. Mark E. (19) aus Geseke machte eine Ausbildung zum Bauern, sein Freund Leon M. (17) hatte eine Lehrstelle als Straßenmeister und die Aussicht, später einmal zwei Höfe zu erben. Die beiden machten Pläne, wollten irgendwann zusammen Rinder züchten. Fast täglich halfen sie in ihrer Freizeit auf Höfen in der Nachbarschaft.

»Die beiden waren fröhlich, als sie am Abend des 24. Juni noch mal losfuhren«, sagte Bernhard M. vor Gericht. Der Nebenerwerbslandwirt, der mit seiner Frau einen Pferdehof betreibt, ist der Vater des 17-jährigen Opfers. Über den Angeklagten könne er nichts Schlechtes sagen. »Mark ging bei uns ein und aus, als wäre er unser Kind. Ich habe nie erlebt, dass er und unser Sohn gestritten haben.«

Wie die Eltern des Toten können auch die des Täters bis heute nicht nachvollziehen, was an jenem Abend passiert ist. Mark E., der bisher von einem Unfall gesprochen hatte, ließ zum Prozessauftakt von seinem Verteidiger Jerrit Schöll eine Erklärung vorlesen. Demnach hatten die beiden beim Herumfahren eine Feldscheune in Büren entdeckt, die sie erkunden wollten. »Ich habe versucht, die Bretter mit einer Eisenstange auseinanderzudrücken, damit wir hineinsehen können«, heißt es in der Erklärung des Angeklagten. Er sei ärgerlich geworden, weil Leon ihm nicht geholfen, sondern ständig per Handy mit einem Mädchen gechattet habe. »Leg das Handy weg, die Mädchen wollen doch sowieso nichts von dir!«, habe er seinem Freund zugerufen. Der habe ihn angefahren: »Spinnst du? Du kriegst bei den Mädchen doch nichts geregelt!«

Damit hatte Leon M. wohl einen wunden Punkt getroffen. Denn im Gegensatz zu Leon, der auf dem Pferdehof seiner Mutter immer wieder Mädchen kennenlernte, hatte Mark E. offenbar kaum Chancen beim anderen Geschlecht. Zwei Mädchen aus dem gemeinsamen Freundeskreis, die sich von ihm belästigt fühlten, hatten ihn sogar kurz zuvor eingeladen, der Whats-App-Gruppe »Zwei Opfer und ein Biest« beizutreten, was gegen ihn gemünzt war.

Nun also standen sich die beiden Freunde vor der Scheune gegenüber. »Wir haben uns geschubst und beschimpft. Leon nannte mich ein armes Würstchen«, heißt es in der Erklärung. Da habe er außer sich vor Wut die Stange genommen und »mit voller Wucht zugeschlagen«, bis Leon M. sich nicht mehr bewegt habe. Dann habe er ein Messer genommen und Leon die Kehle durchgeschnitten. »Ich kann mir diesen Ausbruch nicht erklären und bitte um Entschuldigung, auch wenn ich weiß, dass sie nie akzeptiert wird«, endet der vom Verteidiger vorgelesene Text.

Persönlich äußerte sich Mark E. nicht. Er starrte während der gesamten Verhandlung äußerlich unbewegt vor sich hin. Schon in der Vernehmung kurz nach der Tat habe der 19-Jährige teilnahmslos gewirkt, sagten Polizisten gestern im Zeugenstand. Mark E. vermied auch jeden Blickkontakt mit seinen Eltern und seiner Schwester, die im Zuschauerraum saßen und immer wieder weinten.

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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