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Zwei Rumänen sollen sich in Büren an Landsfrau sexuell vergangen haben

Körperverletzung statt Vergewaltigung: Prozess am Paderborner Landgericht endet mit Freispruch

Paderborn/Büren

War es ein Martyrium durch zwei brutale, lüsterne Landsleute, das eine junge Frau im vergangenen Oktober in Büren erlitten hat? Oder lief eine unverfängliche Begegnung in der alkoholvernebelten Wahrnehmung der 29-Jährigen weitaus mehr aus dem Ruder als in der Realität? Ersteres konnte die 8. Große Strafkammer des Paderborner Landgerichts nicht beweisen: Sie sprach jetzt zwei Rumänen vom Vorwurf frei, zwei Tage lang das mutmaßliche Opfer festgehalten und mehrfach vergewaltigt zu haben.

Von Ulrich Pfaff

Symbolbild. Foto: dpa

Wie berichtet, standen die beiden Männer (42 und 44) seit Anfang April vor Gericht: Sie sollten im vergangenen Oktober in dem Mehrfamilienhaus im Bürener Süden, in dem sie unterschiedliche Wohnungen bewohnten, die 29 Jahre alte Landsfrau eingeschlossen und mit Gewalt zum Sex gezwungen haben. Die Rumänin konnte schließlich die Polizei alarmieren – die Notrufe hörte die 8. große Strafkammer am vierten und letzten Verhandlungstag. Sie gewährten einen Einblick in die Problematik des Falles: Die Anruferin, kaum des Deutschen mächtig, war so betrunken, dass außer Nuscheln und Weinanfällen fast nichts zu verstehen war – erst der dritte Notruf ermöglichte es der Rettungsleitstelle, den Standort der Frau zu ermitteln und die Polizei in Marsch zu setzen.

Hatten die beiden Angeklagten bisher zu den Vorwürfen geschwiegen, so bestritten sie einen Großteil des vierten Verhandlungstages mit ihren Versionen des Tatgeschehens – und die waren in wesentlichen Teilen deckungsgleich.

Den 42-jährigen Bekannten hatte die Frau kontaktiert, weil sie auf der Suche nach einem Job war. Beide holten sie irgendwo in Norddeutschland ab und brachten sie nach Büren, wo sie zunächst bei dem 44-jährigen Kraftfahrer unterkam. Bis der sie rauswarf: Die offenbar trunksüchtige Frau hatte ihm im Suff die Wohnung völlig verdreckt – der 42-Jährige nahm sie in seiner Nachbarwohnung auf. Dort sei es noch am selben Abend dann im Zuge eines ausgedehnten Trinkgelages zu einvernehmlichem Sex gekommen, am Tag darauf auch mit dem 44-Jährigen.

Hoffnung auf eine Beziehung?

Beide Männer berichteten, die 29-Jährige habe ihnen nacheinander Hoffnung auf eine Beziehung gemacht, jedoch seien die sexuellen Annäherungen erst tatsächlich an den beiden Tagen erfolgt, die in der Anklage als Tatzeitraum genannt waren.

Dass er die Rumänin geschlagen habe, räumte der 42-Jährige ein: Sie sei mitten in der Nacht unvermittelt ins Treppenhaus gerannt, habe an der Tür den 44-Jährigen geklopft und um Hilfe gerufen, weil sie angeblich vergewaltigt worden sei – noch bevor es zwischen ihnen zu Intimitäten gekommen sei. Er habe ihr zwei Ohrfeigen verpasst, um sie ruhig zu stellen. Am Tag darauf habe er aus Wut das Handy der Frau zerschlagen.

Als an jenem Samstag die Polizei dem Notruf folgte, wurden die beiden Männer festgenommen, die 29-Jährige kam ins Krankenhaus. Die zurückgerechneten Ergebnisse von Blutproben zeigten, dass die Frau fast 3 Promille Alkohol hatte, als sie die Polizei holte, der 42-Jährige etwa 2 Promille und der 44-Jährige 0,8.

Viele Widersprüche

Am Ende waren es so viele Widersprüche in den Aussagen des mutmaßlichen Opfers bei der Polizei, im Krankenhaus und vor Gericht, dass die Vorsitzende Richterin Anne Zacharias feststellen musste: Die Darstellungen der beiden Angeklagten bezüglich einvernehmlichem Sex seien nicht zu widerlegen – und gemäß den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung einen Freispruch verkündete.

Einzig Nebenklagevertreterin Gabriele Martens forderte eine Verurteilung wegen Vergewaltigung: Die Widersprüche in den Aussagen seien dem Trauma geschuldet, das ihre Mandantin bei den Taten erlitten habe, die im Übrigen durch ihre Verletzungen und Abwehrverletzungen bei beiden Männern belegt seien. „Warum rennt sie ins Treppenhaus und schreit Vergewaltigung, wenn vorher gar nichts passiert ist?“

Martin Mauntel, Verteidiger des 44-Jährigen, betonte: „Ich glaube nicht, dass die Frau gelogen hat. Sie glaubt mittlerweile, Opfer einer Straftat geworden zu sein.“ Die 29-Jährige sei sicherlich traumatisiert, aber eher durch die Probleme in ihrem eigenen Lebensumfeld: Sie habe ein massives Alkoholproblem, versuche sich in einem fremden Land ohne Sprachkenntnisse in prekären Jobs durchzuschlagen und lande immer wieder aufgrund ihrer Notlage bei fremden Männern.

Monatelange Untersuchungshaft

Staatsanwältin Kathrin Lohmeier sagte, sie sei sicher, „dass es hier zu sehr problematischen Erlebnissen für die Frau gekommen ist.“ Aber für erzwungenen Sex gebe es keine Beweise. Wohl aber für eine vorsätzliche Körperverletzung und Sachbeschädigung: Die hatte der 42- Jährige mit den Ohrfeigen und dem kaputten Handy eingeräumt – und bekam eine Geldstrafe von 800 Euro.

Beide Angeklagte werden für die erlittene Untersuchungshaft von mittlerweile über sieben Monaten entschädigt.

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