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Mitarbeiterinnen erinnern sich an das Ende des St.-Nikolaus-Hospitals Büren

Zehn Jahre ohne Krankenhaus

Büren (WB/han). Genau zehn Jahre ist es an diesem Mittwoch her, seit die letzte Patientin aus dem Bürener St.-Nikolaus-Hospital entlassen wurde. Damit endete die mehr als 150 Jahre lange Geschichte des Krankenhauses, die in ihrer Endphase von vielen Bürenern sehr emotional begleitet wurde.

Christel Kersting, Stephanie Weitkämper, Rita Kalks, Helga Hoffmann und Elisabeth Niedernhöfer (von links) haben viele gute und auch einige nicht so schöne Erinnerungen an ihre Zeit im Bürener St.-Nikolaus-Krankenhaus. Sie bedauern die Schließung der Klinik vor genau zehn Jahren. Foto: Hanne Hagelgans

Ohne Emotionen können Helga Hoffmann und ihre ehemaligen Kolleginnen Rita Kalks, Christel Kersting, Elisabeth Niedernhöfer und Stephanie Weitkämper das leer stehende und langsam verfallende Gebäude auch heute, zehn Jahre später, nicht betrachten.

Stephanie Weitkämper ist die Jüngste in der Runde der Frauen, die sich auch heute noch regelmäßig treffen. Sie hat in der Verwaltung ihre Lehrzeit absolviert und wurde im Anschluss nicht übernommen, weil sich die Schließung des Hauses schon abzeichnete. „Ich war nur drei Jahre hier, und mir tut das schon richtig weh“, sagt sie mit einem kleinen Seufzen, „wie muss es da bei euch erst sein.“ Das Krankenhaus sei für sie immer ihr zweites Zuhause gewesen, sagt Helga Hoffmann, die 1983 dort anfing und im Büro und am Empfang jahrzehntelang eine feste Größe war. Und ihre ehemaligen Kolleginnen nicken bestätigend. Das Betriebsklima sei immer familiär gewesen, erzählt Elisabeth Niedernhöfer, das Zusammengehörigkeitsgefühl groß.

Die ganze Stadt – vom Bäcker bis zur Blumenhandlung – habe unter der Schließung des Krankenhauses wirtschaftlich gelitten, findet Christel Kersting. Von den weiteren Wegen für Patienten und Angehörige und der weniger persönlichen Betreuung in größeren Kliniken ganz abgesehen.

Für Rita Kalks ist das Hospital eng mit ihrem gesamten Leben verbunden, von Kindheit an. Ihre Mutter arbeitete als Hebamme in dem Krankenhaus, das damals – wie bis in die 2000er Jahre – von der katholischen Kirchengemeinde St. Nikolaus betrieben wurde. „Ich war als Kind nach der Schule oft hier und bin dann von den Ordensschwestern umsorgt worden“, erinnert sie sich. Sie selbst ist im Bürener Krankenhaus zur Welt gekommen, ebenso später ihr eigener Sohn. Rita Kalks schaut von ihrem Haus aus auf das Krankenhaus. Sie hat dort viele Jahre lang in der Verwaltung gearbeitet – und gehörte schließlich zu den letzten Mitarbeiterinnen, die mit der Abwicklung der geschlossenen Klinik beauftragt waren.

„Ich glaube, ich habe noch nie im Leben körperlich so hart gearbeitet“, schaut sie zurück. Kistenweise mussten die Frauen Gerätschaften und auch Akten aus der Klinik schaffen. Verwaltungsakten, wohlgemerkt, wie Rita Kalks und Helga Hoffmann mit Blick auf den aktuellen Datenschutzskandal um Patientenakten betonen. Die Papiere seien ihres Wissens nach abtransportiert und ordnungsgemäß eingelagert worden, während Patienten- und Röntgenakten wohl größtenteils im Krankenhaus blieben.

Derweil hatten Christel Kersting, damals stellvertretende Pflegedienstleiterin, und ihre Kolleginnen die Aufgabe, die nicht mehr benötigten Kissen- und Betten-Inletts, Bettwäsche sowie Ärzte- und Schwesternkittel einzusammeln und die Leihwäsche zurückzugeben. Nicht abgelaufene Medikamente gingen zurück an die Krankenhausapotheke.

Die letzten Arbeiten seien in die Adventszeit gefallen, bevor dann alle zum Jahresende ihre Jobs verloren. Während die Pflegekräfte wie Christel Kersting rasch an anderen Häusern neue Stellen fanden, war es für die Verwaltungsmitarbeiterinnen, die meist um die 50 Jahre alt waren, schwieriger. „Es gab damals viele Tränen“, erzählt auch Helga Hoffmann. „Wir haben aber versucht, es uns so schön und gemütlich wie möglich zu machen und uns gegenseitig Halt zu geben.“

Auf eine Zukunft des Krankenhauses hätten sie bis zum Schluss immer noch gehofft, erzählen die Frauen. Der fast zehn Jahre dauernde und letztlich vergebliche Überlebenskampf begann, als das Bürener St.-Nikolaus-Hospital im Jahr 2001 auf einer Liste der Krankenkassen mit kleinen Kliniken, die geschlossen werden sollten, auftauchte. Zeitweise stiegen zwei Kliniken aus Paderborn und Lippstadt mit ein – und bald wieder aus, nachdem zuvor die Geburtshilfe, die chirurgische Abteilung und die Physiotherapie geschlossen worden waren.

Mit dem Einstieg der Marseille-Kliniken AG aus Hamburg 2006 habe es zunächst wieder Hoffnung gegeben, erinnert sich Helga Hoffmann. „Ich hatte die Kündigungen für fast alle Mitarbeiter schon fertig machen müssen“, erzählt sie, „die wurden dann aber doch nicht mehr verteilt.“

In der Folge gaben sich im Krankenhaus die Geschäftsführer und Berater die Klinke in die Hand. Der Druck sei gewachsen, das Arbeiten unerfreulicher und das Klima schlechter geworden, berichten die ehemaligen Kolleginnen. Doch alle Spar- und Umstrukturierungsmaßnahmen blieben erfolglos. Am 21. April 2010 schließlich läutete die Anmeldung der Insolvenz beim Amtsgericht Paderborn, von der die Mitarbeiter übrigens aus der Presse erfuhren, das letzte Kapitel ein.

Skandal um frei zugängliche Patientenakten

Im Juni dieses Jahres sorgte ein Datenskandal für Aufsehen. Der Youtuber „ItsMarvin“ zeigte nicht nur, wie leicht es war, ins Krankenhaus einzudringen, sondern auch, dass dort tausende Patientenakten offen zugänglich gelagert wurden. Strafrechtliche Konsequenzen hat „ItsMarvin“ dafür nicht zu befürchten. Wie Oberstaatsanwalt Marco Wibbe bestätigt hat, wird gegen ihn nicht ermittelt. Bei Hausfriedensbruch handele es sich um ein Antragsdelikt. Daher könne die Behörde nur tätig werden, wenn ein Antrag gestellt werde. Das sei aber innerhalb der gesetzlichen Frist von drei Monaten nicht erfolgt.

Die MK Kliniken AG in Hamburg, früher Marseille Kliniken AG, ist Besitzerin des Gebäudes. Gegen die Auflage des Hamburger Datenschutz-Beauftragten , die Akten zu sichern, hat sich das Unternehmen vor Gericht erfolgreich gewehrt. Eine Strafanzeige der Datenschutzbehörde gegen „Ärzte und sonstige Verantwortliche“ liegt zur Prüfung bei der Staatsanwaltschaft Paderborn. Im Hinblick auf ehemalige Ärzte sei bereits geklärt, dass es kein Fehlverhalten gegeben habe, erläuterte Wibbe. Die Stadt Büren hat verschiedene Sicherungsmaßnahmen umgesetzt und unter anderem eine Alarmanlage installiert. Die Überwachung wird die Stadt fortsetzen, bis eine Lösung gefunden ist. Sobald die verantwortliche Stelle fest steht, werde die Stadt dort die Kosten in Rechnung stellen.

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