Quietschfrisches Edelgemüse aus dem Delbrücker Land ist eine echte Marke geworden

Spargel – bleiche Brüder und grüne Gewächse

Delbrück

Brrrrr! Der April 2021 zählte zu den kältesten April-Monaten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 in Deutschland und war der kälteste April in den vergangenen 40 Jahren. Das hat die Spargelernte 2021 „auch bei uns im Delbrücker Land um mehr als drei Wochen verzögert“, berichten übereinstimmend in einem Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT Christian Grewing (Spargelhof Grewing) und Rainer Sprenger (Spargelkulturen Sprenger).

Jürgen Spies

Bei steigenden Temperaturen drängt der Bleichspargel besonders schnell durch die Dämme. Christian Grewing: „Die Folien dienen auch dazu, dass die Spargelköpfe nur kurzzeitig Licht bekommen und nicht violett werden.“ Foto: Oliver Schwabe

Auch in anderen Betrieben, die in der Region das saisonale Edelgemüse anbauen und anbieten, werden die gleichen Erfahrungen gemacht worden sein. Doch inzwischen, Mitte Mai, läuft die Spargelernte seit etwa zwei Wochen der Jahreszeit entsprechend in normalen Mengen und somit gut.

„Fest steht aber, dass wir aufgrund der Kälte im April den Erntemengen der Vorjahre bislang um viele Tonnen hinterherhinken. Mal sehen, ob wir das noch bis zum Ende der Saison kompensieren können“, blickt Grewing rund sechs Wochen voraus.

Ab-Hof-Verkauf: Frischer geht es nicht! Rainer Sprenger sortiert die gewaschenen Spargelstangen. Foto: Oliver Schwabe

Die heimischen Spargelbauern sind allerdings trotz allem positiv gestimmt, denn: Die Nachfrage der Verbraucher nach Spargel ist ungebrochen groß. Ob beim Verkauf „ab Hof“, ob in den belieferten Verbrauchermärkten oder an anderen Verkaufsständen – quietschfrischer Delbrücker Spargel ist seit Jahrzehnten eine „Marke“ und steht für Top-Qualität.

Im vergangenen Jahr hatten sämtliche Spargelbetriebe in ganz Deutschland damit zu kämpfen, genügend Erntehelfer einsetzen zu können, weil es aufgrund der Coronaschutzauflagen zu einem eklatanten Mangel an Erntekräften, die zumeist aus Ost- und Südosteuropa stammen, gekommen war. Das führte dazu, dass auf manchen Feldern der Spargel nicht rechtzeitig gestochen werden konnte. Hintergrund: Bleichspargel wächst bis zu sieben Zentimeter pro Tag!

Auflagen für Erntehelfer

In diesem Jahr können die Spargelbetriebe wieder eine ausreichende Anzahl Helfer einsetzen; es müssen jedoch coronabedingt zahlreiche Auflagen samt Quarantäne erfüllt, Tests durchgeführt und Belegungszahlen in den Unterkünften reduziert werden. „Die Verteilung der Arbeitskräfte auf zusätzliche Unterkünfte und Wohncontainer verursacht natürlich höhere Kosten“, so Grewing, der weiß, dass es derzeit eben nicht anders funktioniert.

Noch einmal zurück zum Stichwort Wetter: Allein in den vergangenen drei Wochen gab es schon wieder mehrere Extreme. Grünspargel, der bekanntlich im Gegensatz zu seinem bleichen Bruder nicht unter Folie gezogen wird, machte schlapp, als er Nachtfrost abbekam. Oder der heiße Sonntag am vergangenen Wochenende: Da schossen die Stangen derart schnell aus dem Boden, das er unter der Folie beinahe „gekocht“ und unbrauchbar wurde. „Die Hitze am 9. Mai führte dazu, dass der Spargel den Turbo einlegte und „wir am Montag die drei- bis vierfachen Mengen stechen konnten“, erzählt Rainer Sprenger.

Blick auf ein erst im vergangenen Jahr neu angelegtes Spargelfeld für Grünspargel, der nicht unter Folie gezogen wird. Noch sind die Stangen im ersten Jahr rappeldürr, „doch schon vom zweiten Jahr an lohnt sich die Ernte“, berichtet Christian Grewing. Foto: Oliver Schwabe

Christian Grewing berichtet von einem weiteren Phänomen: Windhosen! In einem Fall war sie sogar so heftig, dass ein Folientunnel aus dem Boden gerissen, durch die Luft gewirbelt wurde und in Ästen am Baum hängenblieb. Klar, dass die Folien danach mühsam wieder an Land gebracht werden mussten.

Apropos Folien. Die schwarze Folienseite erhöht die Temperatur im Spargeldamm, wodurch sich die Ernte verfrühen lässt und die tägliche Erntemenge wächst. Andersherum die weiße Folienseite: Sie reflektiert das Sonnenlicht; die Temperatur im Damm lässt sich dadurch so regulieren, dass die Stangen nicht so schnell wachsen und die Ernte hinausgezögert, verspätet werden kann.

Folien mehrere Jahre nutzbar

Bei dieser Gelegenheit: Die heimischen Spargelbauern kennen die immer wieder mal aufkommende Diskussion über den Einsatz von Folien und den damit verbundenen Vorwurf über umweltschädlichen Plastikmüll. Wahr ist: Die Folien landen nicht, was hin und wieder fälschlicherweise vermutet wird, nach einmaliger Nutzung im Müll oder in Verbrennungsanlagen, sondern werden etliche Jahre lang immer wieder genutzt. „Bei guter Pflege können die Folien acht, neun Jahre, manchmal sogar noch länger genutzt werden“, erläutert Christian Grewing. Sind die Folien dann wirklich verschlissen, können sie zu 100 Prozent recycelt und zu einem neuen Produkt, beispielsweise zu Müllbeuteln, werden.

Weitere positive Aspekte bei der Verwendung von Folien unter anderen: Die Nachfrage nach Spargel muss früh in der Saison nicht durch Importe gedeckt werden. Das hat weniger klimaschädliche CO2-Emissionen zur Folge. Und: In Südeuropa und in Südamerika beispielsweise benötigt der Spargelanbau ausgesprochen viel Wasser.

Marie Rachner, Mitarbeiterin bei Sprenger, mit einem Korb voller Spargel „und mehr“. Foto: Oliver Schwabe

Auf den Feldern hierzulande hat sich seit vielen Jahren die sogenannte Spargelspinne, eine akkubetriebene Ernte­hilfsmaschine, als sehr hilfreich erweisen: Sie hebt die schwere Folie dort an, wo die Erntehelfer gerade die Stangen stechen und danach legt sie die Folien sofort wieder ab.

Bleichspargel liegt in der Gunst der Genießer in Deutschland übrigens nach wie vor weit vorn. Grüner Spargel holt aber kontinuierlich auf; der Flächenanteil, auf dem Grünspargel angebaut wird, wächst jedenfalls auch im Delbrücker Land, bestätigt Rainer Sprenger.

„Das liegt auch daran, dass sich grüner Spargel noch etwas vielseitiger als Bleichspargel zubereiten lässt. In der Küche wird inzwischen gern experimentiert“, nennt Christian Grewing einen bedeutenden Grund.

Mit Blick auf die kommenden Wochen wünschen die Spargelbauern nun, dass es im Mai und Juni zu keinen bitterkalten Nächten mehr kommt und dass die Böden ausreichend Feuchtigkeit bekommen, am besten durch nur sacht und sanft fallenden Regen.

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