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Corona-Pandemie: Kita-Teams aus dem Pastoralverbund Delbrück-Hövelhof sind in Sorge

„Vertrauen ist gut, aber wo bleibt da die Kontrolle?“

Hövelhof/Delbrück

„Erst waren wir systemrelevant und jetzt tauchen wir gar nicht mehr auf in den Diskussionen.“ Die Kritik von Carina Brinkhus aus der Kita Herz-Jesu in Riege fasst die Lage in den katholischen Kitas zusammen. Fehlende Testpflicht, keine Kontrollen und gesundheitliche Sorgen bis in den persönlichen Bereich treiben die Mitarbeiterinnen ebenso um wie der jetzt schon seit fast zwei Jahren fast unmöglich gewordene Bildungsauftrag.

„Wir tauchen gar nicht mehr auf in der Politik“. 21 Erzieherinnen und Erzieher aus sieben Kitas in Hövelhof und Delbrück schilderten im Pfarrheim in Riege ihre Sorgen aus zwei Jahren mit Corona.  Foto: Christian Schlichter

Auf Anregung von Brinkhus und ihrem Team und in Vermittlung von Kita-Hochstift gGmbH-Chef Detlef Müller hatten die Erzieherteams aus dem Pastoralverbund Delbrück-Hövelhof einen kompetenten Ansprechpartner gesucht, dem sie all diese Probleme schildern können. In Bernhard Hoppe-Biermeyer hatten sie den jetzt gefunden. Der Landtagsabgeordnete hatte sich Zeit genommen, hörte den Erzieherinnen zu und versprach, die Sorgen mit zu den zuständigen Stellen nach Düsseldorf zu nehmen.

„Es wird immer schwieriger, mit Corona umzugehen, da fragen wir uns, wie es weitergehen soll“, fasst Detlef Müller die Problemlage in den Kitas zusammen. „Wir arbeiten sehr pflichtbewusst, aber wir fühlen uns von der Politik im Stich gelassen“, wurde Carina Brinkhus dort sofort konkret. Es gehe um den eigenen Schutz der Mitarbeiterinnen und ihrer Familien, aber auch der Kinder. Größtes Problem: Durch die fehlende Testpflicht gebe es „rund 30 Prozent“ Dunkelziffer bei den Tests.

Einige Eltern würden zuhause nicht testen und brächten die Kinder teils sogar mit Fieber in die Kita, berichteten die Leitungen und Teams aus sieben katholischen Kitas von Hövelhof über Ostenland bis Delbrück und Sudhagen. Sie alle machten täglich die gleichen Erfahrungen, müssten sich aber von Kindern und Eltern anhören, dass „aus Prinzip nicht getestet werde“ oder „wer geimpft werde, müsse sowieso sterben“.

Mütter würden offen bekennen, dass sie die negativen Testergebnisse einfach so eintrügen und unterschrieben. „Vertrauen ist gut, aber wo bleibt da die Kontrolle?“, fragen die Erzieherinnen und Erzieher.

Pakete mit Testkits ungeöffnet im Kita-Briefkasten

„Wir brauchen Kontakt ohne Maske, besonders bei den Kindern unter drei Jahren, für die die Mimik so wichtig ist“, beschrieb Brigitte Hamschmidt aus St. Franziskus in Hövelhof die Herausforderungen aus dem Kita-Alltag. Ihre Kollegin Ursula Schier aus St. Johannes in Hövelhof berichtete sogar von Müttern, die nach zwei Jahren Corona immer noch nicht wüssten, wie die Tests funktionierten. Und Rita Henke aus Sudhagen komplettierte diese Aussagen mit der Erfahrung, dass ganze Pakete mit Testkits für zu Hause ungeöffnet wieder im Briefkasten der Kita landen würden.

„Wir haben eine tolle Elternschaft, aber bereits zwei Ausreißer pro Gruppe reichen doch schon, um das alles zu untergraben“, berichtet Michaela Drüke-Scheffler als Mitglied der Mitarbeitervertretung. Eine Testpflicht könne da helfen. Ebenso wie gleiche Regeln in Kitas und Schule. Denn letztlich führe dieses ständige Arbeiten in der Corona-Gefahr dazu, dass Erzieherinnen ihre familiären Kontakte zurückfahren müssten. Oder es ihnen gehe wie dem Kollegen, dessen Frau schwanger sei und der stetig aufpassen müsse, wie er nach kritischen Kontakten in der Kita nach Hause komme. „Nach zwei Jahren Corona fragen wir, wer stützt uns denn?“, wurde Carina Brinkhus dabei deutlich in den Forderungen nach Unterstützung durch die Politik.

Kita-Hochstift gGmbH-Geschäftsführer Detlef Müller (links) hatte das Gespräch der Kita-Teams mit dem Landtagsabgeordneten Bernhard Hoppe-Biermeyer (2. von links) vermittelt. Foto: Christian Schlichter

Die Erzieherinnen seien am Limit; durch die langen Coronazeiten mit Krankheitsausfällen arbeite jede von ihnen seit Monaten fast mit doppeltem Pensum. Dabei hätten sie dann erleben müssen, dass die Alltagshelferinnen für die Kitas erst wieder abgeschafft und dann doch neu, aber mit anderen Regeln, eingesetzt werden sollten. Die bürokratischen Hürden dabei seien nicht praktikabel. Ebenso wie der Umgang mit dem Berufsnachwuchs. Fachkräfte mit Bachelor aus Polen dürften nur nach aufwendiger Nachqualifikation in Deutschland arbeiten. Was denn da die europäische Bildungsangleichung für einen Sinn gegeben habe, wurde gefragt.

Der Nachwuchs, gestört durch fehlende Praktika und Erlebnisse mit Corona, macht den Erzieherinnen zudem Sorgen. Grund: Wer erlebe, wie sie derzeit arbeiten müssten, der empfinde das nicht als beglückenden Beruf. Die Personalplanung werde zu einer ständigen Mangelverwaltung. Dass das System überhaupt noch funktioniere, da setzte Brigitte Hamschmidt nach, sei nur möglich, weil Kita-Teams zu den flexibelsten Mitarbeiterinnen gehörten, die es gäbe. Mit Corona komme durch die Pflicht zur Meldung jedes Infektionsfalles eine unbändige Dokumentationsarbeit hinzu, die wiederum viel Zeit fresse.

Bei all dem Wunsch, dass bloß die Kitas laufen, falle der Bildungsauftrag zudem seit zwei Jahren allzu oft hinten runter. „Hauptsache die Kinder sind betreut, damit die Eltern arbeiten können“, gelte dort die Anforderung. Die so wichtige pädagogische Arbeit und die inhaltlichen Angebote seien kaum mehr umzusetzen.

Wunsch nach Angebot eines PCR-Tests

Konkrete Vorschläge gab es schon. Detlef Müller fasst das zusammen. Er wünschte sich neben verbindlichen Tests für die Kinder auch regelmäßig das Angebot eines PCR-Tests für Mitarbeiterinnen, um ihnen einmal in der Woche ein sicheres Ergebnis zu liefern.

Der Landtagsabgeordnete Hoppe-Biermeyer versprach, die Sorgen der Kita-Teams direkt nach Düsseldorf zu tragen. „Es ist außergewöhnlich, was ich von Ihnen gehört habe, das war mir nicht so bewusst“, bekannte der Politiker ganz offen.

Er bot an, den Austausch zu wiederholen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Angesichts des Wunsches, Kitas und Schulen auf jeden Fall offen zu halten, sei schnell klar gewesen, dass Erzieherinnen systemrelevant seien. Ihre Sorgen nun weiterzutragen sei ein Weg, mit dem er versuchen wolle, zu helfen.

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