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Geschichte der Staumühler Einrichtung im Zweiten Weltkrieg ist kaum erforscht

Das unbekannte Seuchenlazarett

Hövelhof (WB). Das Historische Institut der Universität Paderborn hat im Auftrag der Gemeinde Hövelhof damit begonnen, die Geschichte des Seuchenlazaretts Staumühle zu erforschen. Die Quellen- und Literaturrecherche ist nun abgeschlossen. Prof. Dr. Peter Fäßler zeigte sich in einer Bilanz im Ausschuss für Familie, Kultur und Sport äußerst überrascht darüber, wie wenig bisher über das Lazarett bekannt ist.

Meike Oblau

Die Geschichte des mehr als 100 Jahre alten Lagers Staumühle ist bisher nur in Teilen bekannt. Die Dorfgemeinschaft hat 2015 zum 100-jährigen Bestehen des Lagers eine Gedenkschrift herausgegeben. Gerade der Bereich des Seuchenlazaretts aber ist kaum erforscht. Foto:

»Als Historiker denkt man eigentlich, dass es aus der Zeit des Dritten Reiches kaum noch unerforschte Themen gibt. Aber im Falle Staumühle sind wir tatsächlich zu einem erstaunlichen Befund gekommen: Trotz der überregionalen Bedeutung und der Dimensionen des Lazaretts ist die bisherige wissenschaftliche Analyse äußerst unzureichend«, sagte Fäßler.

Gedenkstätte oder außerschulischer Lernort denkbar

Er schlägt nun vor, zu versuchen, eine Stiftung dafür zu gewinnen, möglicherweise eine Doktorarbeit zu diesem Thema finanziell zu unterstützen oder zumindest Recherchen eines sprachlich kompetenten Historikers in russischen Archiven zu ermöglichen. Am Ende sei möglicherweise auch eine Broschüre für die Öffentlichkeit oder die Schaffung einer Gedenkstätte oder eines außerschulischen Lernortes in Staumühle denkbar.

Die Mitglieder des Hövelhofer Ausschusses nahmen den Anschlussbericht des Historiker mit großem Interesse zur Kenntnis. Die Gemeindeverwaltung hatte im April vergangenen Jahres auf Anregung der Dorfgemeinschaft Staumühle unter Federführung des Vorsitzenden Mario Schäfer die Universität Paderborn mit ersten Recherchen beauftragt.

Doktorarbeit zum Thema Seuchenlazarett könnte entstehen

Prof. Peter Fäßler sagte, aus seiner Sicht stünden die Chancen, finanzielle Unterstützung für weitere wissenschaftliche Forschungen von einer Stiftung zu erhalten, »aufgrund der wissenschaftlichen Relevanz des Themas sehr gut«. Das historische Institut könne sich die wissenschaftliche Betreuung dieses Projektes und eines möglichen Doktoranden gut vorstellen: »Eine Promotion ausschließlich über Staumühle wäre riskant, aber man könnte das Lazarettwesen des Dritten Reiches allgemeiner untersuchen und innerhalb dieses Prozesses Staumühle einen prominenten Platz einräumen«, zeigte Fäßler mögliche Wege auf.

Ausschussvorsitzender Mario Schäfer (SPD), der zugleich Vorsitzender der Dorfgemeinschaft Staumühle ist, bilanzierte, die Untersuchungen hätten gezeigt, »dass wir da offenbar in ein großes historisches Loch gegriffen haben«. Anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Lagers Staumühle hatte die Dorfgemeinschaft 2015 selbst eine Gedenkschrift herausgegeben und war darauf aufmerksam geworden, dass gerade der Bereich des Seuchenlazaretts kaum erforscht sei.

Möglicherweise bis zu 35.000 Menschen in Staumühle gestorben

Das Lazarett war 1941 eröffnet worden, als im Stalag 326 in Stukenbrock eine Ruhrepidemie ausbrach und das dortige Lazarett nicht mehr ausreichte. Auf der Homepage der Dorfgemeinschaft schreibt Schäfer, in Staumühle stünden ähnlich hohe Todeszahlen zu befürchten wie im Stalag. Er zitiert dort aus dem Buch »Das Stammlager 326/VI/K«: »Wahrscheinlich erreichten die Totenzahlen aus Staumühle die gleiche Größenordnung wie der der im Stalag Umgekommenen; sie könnten sogar höher liegen.« Schätzungen gehen von 30.000 Verstorbenen im Stalag und all seinen Nebenstellen und bis zu 35.000 in Staumühle aus.

In russischen Archiven könnten Unterlagen schlummern

Die Historiker aus Paderborn haben in Quellenbeständen des Bundesarchivs, des Landesarchivs, des politischen Archivs des Auswärtigen Amtes, mehrerer Kommunalarchive sowie des russischen Staatsarchivs recherchiert. »Weitere Recherchen wären aufwändig und bedeuten die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Quellen sind lückenhaft und ob wir unter Putin Zugang zu den russischen Archivbeständen bekämen, müsste sich noch herausstellen«, sagte Prof. Peter Fäßler. Die Hövelhofer Politiker zeigten sich an weiteren Forschungen sehr interessiert.

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