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Hövelhofer Spirituosen-Spezialist erlebt Achterbahnfahrt: vom Umsatz des Lebens bis zum völligen Einbruch

„Der Impfstoff hat uns gerettet“

Hövelhof

Sie hatten noch nicht einmal mit Kunden über den Vertrieb gesprochen, da war der Impfstoff mit Umdrehungen in Hövelhof schon der Renner. „Das Telefon stand nicht still, es klingelte ständig an der Tür und in der Nachbarschaft oder im Ort wurden wir ständig angesprochen“, erinnert sich Stefan Adick, Geschäftsführer von „In-Spirit“ an Ende 2020.

Von Kerstin Eigendorf

Die richtige Idee zur richtigen Zeit: Stefan Adick (links), Geschäftsführer der Hövelhofer Firma „In-Spirit“ und Vertriebsleiter Marcel Radix freuen sich über den Erfolg der Impfstoff-Spirituosen. Sie halfen dem Unternehmen über schwierige Phasen hinweg Foto: Kerstin Eigendorf

Ein Artikel in dieser Zeitung gab den Startschuss. „Was danach passierte, war kompletter Wahnsinn“, sagt Adick. Im bis dato eher spärlich angenommenen Online-Shop „ging die Post ab“. Und Frank‘s Vinothek in Hövelhof, die den Impfstoff bereits verkaufte, orderte fast täglich nach – von Salbei-Zitronenlikör bis hin zu Rot- und Weißwein mit der Aufschrift „Dieser Impfstoff bietet dir garantiert keinen Virus-Schutz, aber Kontakt zu einem einzigartigen Geschmackserlebnis“.

Anfang 2021 ging der Hövelhofer Spirituosen-Spezialist, der bis dato vor allem Schnäpse mit schlüpfrigen Namen wie „Quicky“ auf Zeltfesten unter die Leute gebracht hatte, auf die großen Handelszentralen zu. Die Reaktion bei den führenden Supermarkt-Ketten fiel völlig unterschiedlich aus – von „Eine Frechheit“ bis hin zu „Tolle Idee“. Das Qualitätsmanagement einer der größten deutschen Supermarktketten verbot sogar, den Artikel ins Sortiment aufzunehmen. „Da hörten wir dann, dass man das nicht mitmache. Schließlich würden Menschen an Corona sterben, darüber mache man keine Witze“, berichtet Adick. Andere Firmenvertreter sagten hinter vorgehaltener Hand, dass ihnen die Sache zu heiß sei und sich ihre Firma nicht traue, diesen Impfstoff ins Sortiment zu nehmen.

Eine weitere Supermarkt-Kette nahm den promillehaltigen Impfstoff sofort deutschlandweit ins Sortiment auf. Andere waren vorsichtiger und machten einen zeitlich befristeten Testlauf. „Eine Handelskette stattete 1500 ihrer Märkte für eine Woche mit unseren Produkten aus“, erzählt der Geschäftsführer. Nach einer Woche sei alles ausverkauft gewesen und es wurde nachgeordert.

Das Hövelhofer Unternehmen schwebt auf Wolke sieben, nachdem es harte Zeiten hinter sich hat zu Beginn der Pandemie. „Unser Umsatz lag zwischendurch bei fast null. Schließlich war unser Kerngeschäft das Verkaufen von Schnäpsen bei Zeltfesten“, erzählt Adick. Die fünf Mitarbeiter am Standort an der Allee in Hövelhof direkt am Marktplatz mussten sich mit Kurzarbeit über Wasser halten und die Firma an Ersparnisse ran. „Man kann wirklich sagen: Der Impfstoff hat uns gerettet“, sagen Stefan Adick und Vertriebsleiter Marcel Radix ganz klar. Sogar Arztpraxen und Apotheken orderten die Produkte als Weihnachtsgeschenke. „Und da kam dann auch mal ein Anruf einer alten Dame aus einem Altenheim in Süddeutschland, die den Impfstoff geschenkt bekommen hatte und nun per Telefon nachbestellen wollte, weil sie online nicht so fit war“, erinnert sich Adick.

Sonst wird bei „In-Spirit“ an Karneval 30 bis 40 Prozent des Jahresumsatzes gemacht. 2021 fällt Karneval aus. „Obwohl wir keine Karnevalsprodukte verkauft haben, haben wir 2021 dank des Impfstoffes den besten Karnevalsumsatz seit vielen Jahren gemacht.“ So einen Erfolg in so kurzer Zeit habe er noch nie erlebt.

Der Hype dauert etwa ein halbes Jahr. Dann folgt der Zusammenbruch. „Mitte 2021 brach der Absatz unserer Impfstoff-Produkte völlig ab“, erzählt Adick. Der Witz sei offenbar weg gewesen. „Viele Menschen waren einfach überdrüssig von allem, was mit Corona zu tun hatte“, erklärt er sich die plötzliche Krise. Im Herbst gibt es wieder einige Volksfeste. Es kommt wieder Geld mit Mini-Schnäpsen rein. Auf totale Euphorie folgt wieder Zukunftsangst.

Doch die „Gute-Laune-Onkels“, wie sich das Team an der Allee in Hövelhof liebevoll nennt, stecken nie die Köpfe in den Sand. Sie tüfteln neue Spirituosen aus. Der Sahnelikör „Tante-Bärbels-Käsekuchen“ und „Tante-Mias-Apfelstrudel“ als Likör werden durch den Rohstoffmangel zunächst ausgebremst. Um Ostern sollen sie in den Handel kommen.

Und der Impfstoff? Hatte Weihnachten 2021 noch einmal ein Hoch, und der Likör hat seine Liebhaber gefunden. Die Erfinder setzen auf die neue Version als Minifläschchen. „Damit das ein Erfolg wird, muss es aber wieder Zeltfeste geben“, sagt Stefan Adick und lacht. Denn bei so viel Unwägbarkeiten steht eines fest: Ihm und seinem Team werden die Ideen nicht ausgehen.

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