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Borchenerin Stefanie Schmidt schildert Situation von Gehörlosen während Corona und macht Vorschläge zur Verbesserung

„Keiner hat sich um uns gekümmert“

Borchen

Stefanie Schmidt ist gehörlos und hat sich im vergangenen Jahr schon häufiger an die Öffentlichkeit gewandt, um auf die schwierige Situation von Gehörlosen während der Corona-Pandemie aufmerksam zu machen.

Von Rebecca Borde

Die Borchenerin Stefanie Schmidt ist gehörlos und sieht durch die Corona-Pandemie die Inklusion gehörloser Menschen gefährdet. Foto: Rebecca Borde

Bereits vor der Pandemie habe die 38-Jährige sich für die Integration von Gehörlosen eingesetzt, da die vielen Barrieren im Alltag schon immer ein Problem gewesen seien. Doch besonders durch aktuell geltende Beschränkungen werde vieles zusätzlich erschwert. Zur Verständigung sind taube Menschen besonders auf das Lippenlesen angewiesen, was durch die Maskenpflicht verhindert wird.

Doch das ist nicht die einzige Barriere, mit der sich Stefanie Schmidt konfrontiert sieht: „Wenn wir in Geschäften einkaufen möchten, müssen wir vorher telefonisch einen Termin vereinbaren, aber das können wir nicht. Natürlich kann auch über das Internet per Mail oder Facebook kommuniziert werden, doch älteren, gehörlosen Menschen ist das nicht möglich“, schildert sie, was die Corona­regeln konkret für sie und andere Gehörlose bedeuten.

Außerdem falle das Schreiben ebenfalls schwer, da grammatikalische Fehler keine Seltenheit seien. Dies führe bei den Angeschriebenen zu dem Glauben, dass es sich um einen Streich handelt, weshalb sie den E-Mails daher keine Beachtung schenkten.

„Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf barrierefreie Freizeitangebote“

Stefanie Schmidt hat sich in die Materie eingearbeitet. Sie zitiert aus dem „Nationalen Aktionsplan“ sowie aus UN-Richtlinien, dass auch Menschen mit Behinderungen ein Recht auf barrierefreie Freizeitangebote haben. Dies sei aktuell allerdings nicht gegeben.

Die 38-Jährige kritisiert nicht nur die lokale Politik und die mangelnde Rücksicht auf Gehörlose, sondern ebenfalls die Medien: „Wir taube Menschen haben wegen der Barrieren Probleme, die neuen Corona-Regelungen zu verstehen. Halten wir sie nicht ein, drohen Strafen und das macht uns noch mehr Angst.“

Auch Probleme wie häusliche Gewalt, die laut Schmidt seit den Lockdowns zu genommen hätten, betreffen taube Menschen, doch sie könnten sich nicht retten. „Wir können nicht die Polizei rufen und Frauenhäuser haben meist keine Dolmetscher“, berichtet sie aus eigenen Erfahrungen. Teilweise werde von Gehörlosen verlangt, einen Dolmetscher selbst zu bezahlen, was 85 Euro pro Stunde kostet. „Wie sollen wir das bezahlen?“, fragt Stefanie Schmidt.

„Eine Brücke zwischen Gehörlosen und Hörenden schaffen“

Doch sie hat auch Lösungsvorschläge, die sie gerne umgesetzt sehen möchte: „Ich wünsche mir, Zuständige bei der Stadt Paderborn zu sein, um eine Brücke zwischen Gehörlosen und Hörenden zu schaffen.“ Doch ihr Vorschlag sei abgelehnt worden, da ihr die nötigen Qualifikationen und Ausbildungen fehlten, berichtet Schmidt. Für die 38-Jährige ist diese Abweisung unverständlich, da sie sich ihr Leben lang in Gebärdensprache ausdrückt und diese damit beherrscht, wie sie sagt. „Ich fühle mich isoliert und ausgegrenzt. Niemand fühlt sich für unsere Probleme zuständig.“

Trotzdem möchte Stefanie Schmidt die Situation für gehörlose Menschen verbessern. Zu ihren Ideen gehören auch Vorschläge wie Schilder an Geschäften, die Gehörlosen in Gebärdensprache informieren. Beispielsweise könne tauben Rollstuhlfahrern so grünes Licht gegeben werden, sollte es sich um ein für diese barrierefreies Geschäft handeln. Auch in speziellen Arbeitsbereichen wie Krankenhäusern oder Banken könnte sich die 38-Jährige vorstellen, Angestellten ein jeweils passendes Vokabular beizubringen. Für Museen schlägt Schmidt an Stelle von Audioguides QR-Codes vor, die von Gehörlosen mit dem Handy erfasst werden können und zu erklärenden Videos führen.

Stefanie Schmidt sucht Mitstreiter für Verein „Pader Bilingual Aktiv“

Mit Hilfe des Vereins, „Pader Bilingual Aktiv“, den sie mit der Caritas gründen möchte, solle für Barrierefreiheit gekämpft werden. Derzeit sucht sie noch weitere Mitglieder für eine offizielle Gründung des Vereins.

Für Stefanie Schmidt wäre zudem ein Meilenstein erreicht, würden Kinder bereits in der Schule Gebärdensprache lernen. So würden viele Barrieren weg­fallen. „Gebärdensprache ist unsere Muttersprache, aber auch eine Minderheitensprache. Sie darf nicht aussterben.“ Wer mit ihr in Kontakt treten möchte, erreicht die Borchenerin per E-Mail an info@steffis-dgs.de.

Das Gespräch fand per Videotelefonie statt. Stefanie Schmidt kann selbst sprechen und liest vom Gegenüber von den Lippen ab.

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