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Nico Holonics fasziniert als Oskar Matzerath das Publikum in Dalheim

Atemberaubende Schauspielkunst

Dalheim (WB). Wenn immer nur einer redet, kann das schnell langweilig werden. Nicht so bei Nico Holonics. Bei ihm wünscht man sich, dass er nie aufhört. Der Schauspieler des Berliner Ensembles schafft es wie kein anderer, Oskar Matzerath zum Leben zu erwecken. Die „Bravo“-Rufe am Sonntagabend in Dalheim honorierten eine atemberaubende schauspielerische Leistung. Die Inszenierung der „Blechtrommel“ als Monolog, der von Oliver Reese mit hilfreichen Erläuterungen zum „überbordenden Jahrhundertroman“ und zu Günter Grass begleitet wurde, stellte einen Höhepunkt in der Geschichte des „Dalheimer Sommers“ dar, der in der aktuellen Ausgabe wie berichtet verstärkt auf Theater setzt.

Dietmar Kemper

Nico Holonics spricht Oskar Matzerath nicht nur, er leidet mit ihm. Sein Können gibt er als Dozent an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin weiter. Foto: Dietmar Kemper
Oliver Reese erläuterte den Roman-Hintergrund. Foto: Dietmar Kemper

Nico Holonics schrie, drohte, zitterte, sabberte, berlinerte, grimassierte, gestikulierte und schwieg lautstark. Er machte den ganzen Innenhof des Klosters zu seiner Bühne. Die eigentliche Bühne hätte selbst nicht kahler sein können: kein Bild, das die Blicke auf sich zieht, dazu nur eine minimale musikalische Untermalung. So lenkte nichts von Nico Holonics ab, der den Monolog schon mehr als 100 Mal gesprochen hat.

Aber was heißt schon gesprochen? Nico Holonics durchlebt auf der Bühne das wirre Innenleben des Oskar Matzerath, der wegen der Schlechtigkeit der Welt an seinem dritten Geburtstag beschließt, nicht mehr wachsen zu wollen und den nur die Blechtrommel, mit der er verwächst, beglückt.

Nico Holonics auf der Bühne in Aktion. Foto: Dietmar kemper

Im Berliner Ensemble steht Nico Holonics fast zwei Stunden vor dem Publikum, in Dalheim coronabedingt nur gut 70 Minuten. Nachdem für die Aufführung in Berlin die 500 Seiten der „Blechtrommel“ auf 29 reduziert wurden, konzentrieren sich Reese und Holonics in Dalheim auf die Abschnitte, in denen es um Oskar Matzeraths Geburt („Die Hebamme hatte mich schon abgenabelt“), den Ausflug mit seiner Mutter und deren Tod durch eine Fischvergiftung, um Maria als seine erste Liebe sowie die „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938 geht, in der Oskars geliebter jüdischer Spielwarenhändler Sigismund Markus sich das Leben nimmt. „Das Buch handelt von deutscher Schuld, Günter Grass setzte der Nazi-Vergangenheit in den 50er Jahren ein monumentales Schreckensbild entgegen und stieß die Auseinandersetzung mit ihr an“, erläuterte Oliver Reese.

In Schloß Neuhaus geboren

Im Kreis Paderborn ist der Intendant des Berliner Ensembles kein Unbekannter. In Schloß Neuhaus geboren, sammelte er später erste Erfahrungen am Paderborner Theater. Als er zur Welt kam, war „Die Blechtrommel“ als erster Teil der Danziger Trilogie bereits veröffentlicht und hatte 1959 eingeschlagen wie eine Bombe. Als „jugendgefährdend und gotteslästerlich“ sei der Roman mit seinem „irrwitzigen Figurenpanorama“ auf den Index gesetzt worden, berichtete Oliver Reese.

Im Buch trommelt Oskar Matzerath gegen die Aufmärsche der NSDAP an, macht aber später selbst im Fronttheater mit. Er ist Opfer und Täter zugleich – wie es so mancher Deutsche damals zwischen 1933 und 1945 war. Günter Grass (1927-2015) soll sich darüber gewundert haben, so Oliver Reese, dass noch niemand früher auf die Idee gekommen sei, sein Buch als Monolog zu inszenieren. Hätte er den Auftritt von Nico Holonics miterlebt, wäre auch er beeindruckt gewesen. In Dalheim verließ Holonics nach seinem letzten Wort den barocken Ehrenhof – um gefeiert zurückzukehren.

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