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Schauspielerin Mechthild Großmann liest beim Dalheimer Sommer aus Stefan Zweigs „Maria Stuart“

Am Ende gibt es Bravo-Rufe

Lichtenau-Dalheim

Auf dem Parkplatz oberhalb des Klosters Dalheim parkten viele Autos mit Kennzeichen aus entfernteren Regionen. Mechthild Großmann, bekannt als Staatsanwältin aus dem Münsteraner Kult-Tatort, las im Dalheimer Sommer über die Hinrichtung der Maria Stuart.

Von Rainer Maler

Schauspielerin Mechthild Großmann sitzt an einem Tisch auf der Bühne. In den Pausen der Lesung sorgen Ralf Kiwit am Saxophon und Martin Klausmeier an der Gitarre für musikalischen Einlagen. Foto: Rainer Maler

Mehr als 30 Jahre gehörte Großmann zu Pina-Bauschs-Tanztheater Wuppertal. Ihre außergewöhnliche Stimme ist ihr Markenzeichen und aus vielen Hörbüchern bekannt.

Vor dem neuen Schafstall in Dalheim hatte sich eine lange Schlange gebildet, alle wollten Großmann hören. Sie berichtete vom Ende der Maria Stuart, basierend auf der Biografie Maria Stuart des Schriftstellers Stefan Zweig. Im Umbruch von Reformation und Gegenreformation im 16. Jahrhundert zeichnet Zweig das Porträt einer leidenschaftlichen Maria Stuart. Den bekennenden Pazifisten Stefan Zweig darf man als unglücklichen Schriftsteller bezeichnen. Erfolgreich mit Novellen und Romanen in der Weimarer Zeit, musste der Sohn eines jüdischen Unternehmers vor den Nationalsozialisten fliehen. Er emigrierte nach London, später ins Exil nach Brasilien, wo er sich 1942 das Leben nahm.

Die Vertreibung aus Deutschland hatte ihn des Wichtigsten beraubt, seiner Muttersprache Deutsch. Die Zerstörung seiner „geistigen Heimat Europa“ habe ihm alles genommen, schrieb er in seinem Abschiedsbrief. Sein bekanntestes Werk ist die Schachnovelle. Auch wenn die Biografie „Maria Stuart“ in den 1930er Jahren zahlreiche Auflagen und Übersetzungen erfuhr, ist das Buch doch weitgehend vergessen.

Mechthild Großmann überrascht

Knapp eine Stunde dauerte die Lesung, unterbrochen von kleinen Pausen mit Musik des Duos K&K. Der Saxophonist Ralf Kiwit und der Gitarrist Martin Klausmeier verliehen durch ihre klassischen Stücke dem Spielort Schafstall eine gewisse Magie. Am Tisch nahm Mechthild Großmann Platz, nippte am Glas Wasser und begann zu lesen. Die ruppige Staatsanwältin aus dem Tatort zeigte ihre weiche, einfühlsame Seite. Mit weicher, fast sanfter Stimme las sie über die letzten Tage der Maria Stuart bis zur Hinrichtung. Zwei Frauen inszenierten sich für die Nachwelt, für die Geschichte: Elisabeth I. als englische Königin gegen die schottische Königin Maria, die sich in getürkte Mordpläne gegen Elisabeth I. verstricken ließ und deshalb zum Tod auf dem Schafott verurteilt wurde.

Nun richtete sich Maria für den Tag der Hinrichtung wie eine Königin her, kleidete sich in blutrote Unterwäsche; sie, die einen ihrer Ehemänner hatte umbringen lassen, spielte die Unschuldige. Stefan Zweig ist ein Autor, dessen Wiederentdeckung sich lohnt, ein begnadeter Erzähler, der eine Zeit voller Intrigen, Verrat, Vergewaltigung, Mord und Totschlag, Hass und Leidenschaft durch seine Sprache lebendig werden lässt.

Und Mechthild Großmann überraschte. Bekannt ist die raue, fast knarzende Stimme der Staatsanwältin. Doch im neuen Schafstall spricht eine Schauspielerin mit Engelszunge, mit weichem Timbre in der Stimme. Dann streift sie sich mit einer energischen Handbewegung ihre Löwenmähne zurück, und ihr rauer Ton lässt die Zuschauer erschauern, als der Kopf der Maria nicht unter dem Henkerbeil fallen will. Fast ein wenig verlegen nimmt Mechthild Großmann lang anhaltenden Beifall und Bravo-Rufe entgegen.

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