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Zweites Unternehmen eines Paderborner Firmengeflechts insolvent

Anleger fürchten um Millionen

Paderborn (WB). 850 Anleger in ganz OWL bangen um insgesamt rund zwölf Millionen Euro, mit denen sie sich an Unternehmen eines Paderborner Firmengeflechts beteiligt haben. Nach der Künsting AG im Februar 2017 ist am Donnerstag auch für die Safeguard GmbH ein Insolvenzverfahren eröffnet worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Maike Stahl und Oliver Horst

Der Briefkasten am Unternehmenssitz in Paderborn macht das Geflecht verschiedener Unternehmen sichtbar. Nach der Künsting AG ist auch die Safeguard GmbH insolvent. Foto: Besim Mazhiqi

Eine zentrale Rolle spielt in beiden Fällen Edgar K. Der 48-jährige Paderborner war Vorstand der Künsting AG und Geschäftsführer der Safeguard GmbH. Die beiden Firmen befassten sich mit Kauf und Bau von Immobilien, boten Investmentanlagen und Baufinanzierungen an. Neben den Anlegern warten auch frühere Mitarbeiter auf Geld. An der Künsting AG und Safeguard hatten sich 850 Kapitalanleger zwischen 2004 und 2017 über Beteiligungsformen wie Genussrechte und Nachrangdarlehn beteiligt. Ihnen waren jährliche Renditen von fünf bis sieben Prozent versprochen worden.

238 Genussrechtsinhaber von Künsting AG Pleite betroffen

Heute führe die im Mai 2017 gegründete Makler-Fair-Group als Finanz- und Versicherungsmakler einen Teil der Geschäfte fort, sagt ein früherer Mitarbeiter: Versicherungsbestände aus der Maklertätigkeit seien 2016 von der Künsting AG auf die Safeguard GmbH sowie Benefitmakler GmbH und 2017 dann von der Safeguard GmbH auf die neue Makler-Fair-Group GmbH übertragen worden.

Von der Pleite der Künsting AG sind laut Insolvenzverwalter Dr. Wolfgang Köhler (Lippstadt) 238 Genussrechtsinhaber betroffen. Sie hatten 850.000 Euro angelegt. Weitere Gläubiger fordern rund 1,4 Millionen Euro. Knapp 127.000 Euro will der Insolvenzverwalter durch die Anfechtung von Zahlungen hereinholen. Mit dem Geld waren seit Anfang 2016 sieben von Gläubigern gestellte Insolvenzanträge abgewendet worden.

Verdacht auf Insolvenzverschleppung

In Sachen Künsting AG ermittelt die Staatsanwaltschaft Paderborn wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung, erklärt Oberstaatsanwalt Marco Wibbe. Womöglich werden die Ermittlungen ausgeweitet. Frühere Mitarbeiter wollen Anzeige wegen Betrugs und Herbeiführung eines Bankrotts stellen. Im Fall der Safeguard GmbH, die laut Insolvenzverwalter Frank Schorisch (Herford) noch sechs Angestellte beschäftigt, liegen Angaben zur Schadenshöhe noch nicht vor. Schorisch weist darauf hin, dass die Forderungen der rund 600 Kapitalanleger aufgrund der Anlageform nachrangig bedient würden.

»Die Insolvenz wird für viele Anleger, die bei der Safeguard GmbH Geld investiert haben, voraussichtlich einen erheblichen Verlust oder vielleicht sogar einen Totalverlust bedeuten«, fürchtet die Bielefelder Rechtsanwältin Iris Ober aus der Kanzlei Kraft, Geil und Kollegen. Den Anlegern bleibe nur die Möglichkeit, ihre Forderung zur Insolvenztabelle anzumelden. Die Kanzlei habe seit 2010 mehrfach Schadenersatzforderungen wegen mangelhafter Geldanlageberatung geltend gemacht.

»Unsere Mandanten berichten, dass ihnen die hohen Risiken der Geldanlagen in den Beratungsgesprächen nicht aufgezeigt wurden«, sagt die Anwältin. Viele hätten erklärt, dass ihnen die Investition als »absolut sichere Geldanlage« dargestellt worden sei.

»Viele Anleger wähnen sich allerdings noch auf der sicheren Seite«

Die Auszahlung fristgerecht gekündigter Genussscheine war indes daran gekoppelt, dass zunächst die Bilanz des Jahres veröffentlicht werden musste. Die letzten veröffentlichten Bilanzen der Künsting AG und Safeguard GmbH beziehen sich allerdings auf das Jahr 2012. Sie weisen unter anderem Darlehn an Vorstand beziehungsweise Geschäftsführer Edgar K. in Höhe von rund einer Million Euro aus.

Ein früherer leitender Angestellter der Künsting AG berichtet, dass auch Löhne und Provisionen nicht regelmäßig, dann gar nicht gezahlt worden seien. Zwei Kollegen hätten sogar Privatinsolvenz anmelden müssen. Edgar K. habe indessen eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, keine Vermögenswerte zu besitzen. Er sei weiterhin für die Makler-Fair-Group GmbH tätig. Geschäftsführerin ist seine Ehefrau. Zudem sei Edgar K. Prokurist der Benefitmakler GmbH, bei der seine Frau ihn im Mai als Geschäftsführerin ablöste. Für eine Stellungnahme war Edgar K. nicht zu erreichen.

Auch der Paderborner Rechtsanwalt Michael Gelhard vertritt etliche Anleger, allein 20 aktuelle Fälle beziehen sich auf die Safeguard GmbH. »Viele Anleger wähnen sich allerdings noch auf der sicheren Seite«, befürchtet Gelhard.

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