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Landgericht Paderborn: Patient bekommt nach Prostata-Entfernung 50.000 Euro Schmerzensgeld

Arzt verschweigt Krebsverdacht

Paderborn/Höxter

50.000 Euro Schmerzensgeld muss ein Urologe aus dem Kreis Höxter einem heute 67 Jahre alten Patienten zahlen. Auf einen entsprechenden Vergleichsvorschlag des Landgerichts Paderborn haben sich die Haftpflichtversicherung des Arztes und der Patient geeinigt.

Christian Althoff

Rechtsanwalt Marc Melzer aus Bad Lippspringe reichte beim Landgericht Paderborn Klage gegen den Urologen ein, der jetzt einem Vergleich zugestimmt hat. Foto: Jörn Hannemann

Der Urologe hegte über lange Zeit den Verdacht auf ein Prostatakarzinom, ging dem aber aber aus ungeklärten Gründen nicht mit der erforderlichen Konsequenz nach und veranlasste keine weiteren Untersuchungen.

Rechtsanwalt Marc Melzer aus Bad Lippspringe, Fachanwalt für Medizin-, Sozial- und Versicherungsrecht: „Der Hausarzt meines Mandanten hatte 2012 einen erhöhten PSA-Wert von 6,7 festgestellt und den Mann deshalb zu einem Urologen geschickt.“ Der PSA-Wert, ein Enzymwert, wird aus dem Blut bestimmt und kann Veränderungen der Prostata anzeigen. Er ist kein eindeutiger Tumor-Marker. Ein erhöhter Wert kann auch durch eine Entzündung entstehen oder durch mechanische Belastung der Prostata, etwa beim Fahrradfahren. Ein im Laufe der Zeit steigender Wert sollte den Arzt aber zu weiteren Untersuchungen veranlassen.

Der Urologe stellte eine vergrößerte Prostata fest und nannte den PSA-Wert altersentsprechend. In der Patientenakte notierte er jedoch seinen Verdacht auf Prostata-Krebs. Er bestellte den Patienten zu fünf Kon­trollterminen ein und ermittelte dabei innerhalb eines Jahres PSA-Werte, die bis auf 8,2 stiegen. Der Urologe hielt eine Biopsie der Prostata für notwendig, vermerkte das auch in der Patientenakte, sagte seinem Patenten aber nichts davon.

Anwalt Marc Melzer: „Drei Jahre später nahm der Urologe dem Patienten erneut Blut ab und ermittelte einen PSA-Wert von 9,2. Auch diesmal schrieb er in die Akte, eine Biopsie der Prostata sei notwendig, sagte davon aber nichts.“ 2017 ging der Patient schließlich zu einem anderen Urologen. Der diagnostizierte Krebs und veranlasste die Entfernung der Prostata in einem Paderborner Krankenhaus. Marc Melzer: „Der Patient lies sich daraufhin von seinem ursprünglichen Urologen die Unterlagen geben und entdeckte die Hinweise auf nötige Biopsien, von denen er nichts gewusst hatte.“

Melzer reichte im Auftrag seines Mandanten Klage gegen den Arzt ein. Der vom Landgericht Paderborn beauftragte Gutachter kam zu dem Ergebnis, dass ein „grober Befunderhebungsfehler“ vorliege, wenn man bei sechs Behandlungsterminen in einem Jahr nicht über eine Biopsie spreche. Melzer: „Warum der Urologe es unterlassen hat, diese Untersuchung anzusprechen, konnte im Prozess nicht aufgeklärt werden. Er sagte, er habe meinen Mandanten nicht erreichen können, aber das war natürlich nicht schlüssig.“

Ob eine frühere Behandlung eine schonendere Therapie ermöglicht hätte, ist unklar, musste aber auch nicht erörtert werden. Denn bei einem groben Behandlungsfehler liegt die Beweislast, dass der Behandlungsfehler nicht die behaupteten Auswirkungen gehabt hat, beim Arzt, und dieser Beweis war nicht zu führen.

Prostatakrebs ist die häufigste Tumorerkrankung bei Männern. 2016 wurde sie nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums bei fast 60.000 Männern neu entdeckt. Zum Zeitpunkt der Diagnose waren die Betroffenen durchschnittlich 72 Jahre alt. Pro Jahr sterben etwa 14.000 Männer daran. Gesetzlich Versicherte haben vom 45. Geburtstag an einen Anspruch auf eine jährliche Vorsorgeuntersuchung. Sie umfasst eine Anamnese (auch mit Blick auf mögliche familiäre Vorbelastungen) und eine rektale Tastuntersuchung. Die PSA-Bestimmung wird nur bei Krebsverdacht von der Krankenkasse übernommen. Sie kostet etwa 25 bis 35 Euro.

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