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Ensemble wirft Paderborner Theaterintendantin „autokratischen Leitungsstil“ vor

Das Betriebsklima ist vergiftet

Paderborn

Von weihnachtlicher Besinnlichkeit kann am Paderborner Theater keine Rede sein. Zusätzlich zu den organisatorischen und psychischen Belastungen durch die Corona-Pandemie hat sich ein tiefer Graben zwischen der Intendantin Katharina Kreuzhage und dem Ensemble auf­getan.

Dietmar Kemper

Hinter den Kulissen des Paderborner Theaters geht es hoch her. Als wenn Corona nicht schon genug wäre, tobt zwischen der Intendanz und dem Ensemble ein Machtkampf. Foto: Oliver Schwabe

In einem „betriebsoffenen Brief“ werfen die Schauspielerinnen und Schauspieler jetzt ihrer Chefin einen „autokratischen Leitungsstil“ vor, der den Betriebsablauf nachhaltig schädigen werde. Katharina Kreuzhage soll angeblich unberechenbar und herrisch sein.

Auslöser des internen Streits ist die Nichtverlängerung von Arbeitsverträgen. Wie diese Zeitung bereits am 24. Oktober berichtet hat, trifft es drei Ensemblemitglieder. Gegen die Nichtverlängerung der Verträge über den 30. Juni 2021 hinaus protestierte die Gewerkschaft der Schauspieler (GDBA) und unterstellte der Intendantin em­pathieloses Verhalten in einer Zeit, in der Schauspieler nicht ihrem Beruf nachgehen und bei einer Kündigung keine neue Anstellung finden könnten. Die Theaterleitung bezeichnete damals die Nichtverlängerung der drei Verträge als üblichen Vorgang, der nichts mit der Corona-Pandemie zu tun habe. Als Hauptgrund für eine Nichtverlängerung wurden künstlerische Differenzen genannt.

In dem neuen Brief deutet das Ensemble aber an, das Theater wolle genau diejenigen loswerden, „die wiederum darum bemüht waren, innerbetriebliche Missstände anzusprechen und Arbeitsbedingungen am Hause zu verbessern“. Das Klima im Theater sei von Angst und Frust geprägt. Schon lange fordere der Betriebsrat eine Betriebsvereinbarung mit klaren Regeln für den Theaterbetrieb ein, aber die Intendantin fahre „eine Verzögerungstaktik“, weil sie sich nicht reinreden lassen wolle.

Laut dem Brief werden Dreifachvorstellungen wie zum Beispiel bei dem Stück „Bericht über eine unbekannte Raumstation“ nur als Doppelvorstellungen abgerechnet, bereits genehmigte Nebentätigkeiten ohne überzeugende Gründe verwehrt, die maximale Wochenarbeitszeit von 48 Stunden nicht eingehalten und der Arbeitszeitkorridor auf „annähernd 10 Stunden am Tag“ ausgeweitet. Der Intendantin werden „bedenkliche Eingriffe in unsere Arbeitsverträge“ vorgeworfen. Katharina Kreuzhage selbst ist die angespannte Situation bewusst. „Sie sucht eine geeignete Mediatorin oder einen geeigneten Mediator“, sagte die Theatersprecherin Karolin Dieckhoff am Freitag.

Intendantin Katharina Kreuzhage. Foto: Oliver Schwabe

Der Vorsitzende der Theaterfreunde Paderborn, Rainer Rings, hält die Mediation für eine gute Lösung. Nach dem Bericht im Oktober habe er mit der Intendantin ein längeres Gespräch geführt, sagte er: „Was sie mir gesagt hat, war nachvollziehbar.“ Der Verein werde sich nicht in die Personalpolitik des Theaters einmischen, kündigte Rings an. Die Nichtverlängerung von Verträgen sei jedenfalls nichts Ungewöhnliches. Im Tarifvertrag für Schauspieler stehe in Paragraf 2, Abschnitt 2, eindeutig: „Der Arbeitsvertrag ist mit Rücksicht auf die künstlerischen Belange der Bühne ein Zeitvertrag.“ Dass das Paderborner Theater durch die Ausein­andersetzungen einen Imageschaden erleidet, glaubt Rainer Rings noch nicht. Er mahnt gleichwohl: „Die Beteiligten müssen das schnellstens durch Verhandlungen in den Griff kriegen – aber nicht in aller Öffentlichkeit.“

Kommentar

Der Streit hinter den Kulissen ist fast schon bühnenreif. Läuft da eine Kampagne gegen die Intendantin – oder behandelt die die Schauspieler nach Gutsherrenart? Außenstehende können diese Frage nicht beantworten. Ein paar Dinge stehen gleichwohl fest. Die künstlerische Arbeit von Katharina Kreuzhage ist über jeden Zweifel erhaben. Das Theater ist zu einem Ort der fruchtbaren Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Themen und zu einem spannenden Labor ungewöhnlicher Formate geworden, wie zuletzt beim „Bericht über eine unbekannte Raumstation“ zu sehen. Aber auch nach innen muss ein Theater Offenheit ausstrahlen und für eine angstfreie Gesprächskultur stehen. Diktatorisches Gehabe wäre da fehl am Platze. Mediation ist ein Weg, damit der Streit nicht weiter eskaliert und der Ruf des Theaters keinen Schaden nimmt.

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