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26 Jungen und Mädchen können wieder ruhig schlafen

Das Kinderhaus im Paderborner Frauenhaus

Paderborn

Im Paderborner Frauenhaus gibt es auch ein Kinderhaus. Auf 60 Quadratmeter können sich die Jungen und Mädchen sicherfühlen, spielen, kochen und ihre Geschichten erzählen.

Dietmar Kemper

Häusliche Gewalt trifft auch die Kinder – in Form von Prügel oder der Angst vor einem Verlust der Familie. Wenn die Mütter mit ihnen ins Frauenhaus flüchten, sind sie dort sicher und können aufatmen. Foto: Bernhard Pierel

Die Geschichten sind nicht selten nur schwer zu ertragen. „Kinder verlieren ihr Zuhause, ihr Zimmer, ihre Spielsachen, ihre Freunde, und sie müssen auch noch die Schule wechseln“, sagt die Mitarbeiterin im Frauenhaus, Norika Creuzmann. Sie fasst zusammen: „Das ist hammerhart für sie.“

Unter häuslicher Gewalt leiden nicht nur Frauen, sondern mindestens genauso deren Kinder. Entscheidet sich eine Frau dazu, ihren gewalttätigen Partner zu verlassen und ins Frauenhaus zu ziehen, kommen die Kinder dort mit an.

Die ganz Kleinen seien stärker verstört als die älteren Kinder, wachten nachts manchmal mit Angstschreien auf und fassten erst langsam Vertrauen zu den Mitarbeiterinnen, erzählt Norika Creuzmann. „Dürfen wir euch die Wahrheit erzählen?“ fragen Kinder, und die Mitarbeiterinnen versprechen ihnen, dass alles, was sie hören, im Kinderhaus bleibt.

Das Kinderhaus bilde einen eigenen geschützten Bereich, betont Creuzmann, und hier werde auch kein Druck auf die Mädchen und Jungen ausgeübt: „Wir sagen nicht, erzählt mal, was passiert ist, sondern wir lassen sie kommen. Wenn wir kochen und beim Essen zusammensitzen, fängt ein Kind dann unverblümt an zu erzählen.“ Wenn die Heranwachsenden über ihre Erfahrungen mit Gewalt berichteten, bleibe wenig verborgen – „das ist so wie in der ersten Klasse, da weiß die Lehrerin auch alles, was zuhause passiert“.

Norika Creuzmann hat beobachtet, dass sich Kinder oft selbst die Schuld dafür geben, dass die Familie ein Scherbenhaufen geworden ist. Weil sie ihr Spielzeug nicht weggeräumt hätten und der Vater auf einen Legostein getreten sei, habe er zugeschlagen, reden sie sich zum Beispiel ein. Nachdem die Mitarbeiterinnen den Kindern und ihren Müttern das Gefühl vermittelt haben, im Frauenhaus könnten sie zur Ruhe kommen und sicher sein, versuchen sie den Jungen und Mädchen klarzumachen, dass sie an der Situation nicht schuld und Schläge nicht erlaubt seien. Die Opfer sollen den Eindruck bekommen: Das ist ein trauriger Teil meiner Geschichte, aber mein Leben geht jetzt anders weiter.

Im Frauenhaus stehen sechs Wohnungen für Familien und eine für alleinstehende Frauen bereit. Für 15 Frauen und 26 Kinder ist Platz. Damit erfüllt das Paderborner Frauenhaus die Vorgaben der sogenannten Istanbul-Konvention, die von den Kommunen verlangt, dass pro 10.000 Einwohner mindestens ein Platz im Frauenhaus vorgehalten wird. In Paderborn teilen sich zwei Familien eine Wohnung, aber jede hat ein eigenes Schlafzimmer. Ohne Angst einschlafen zu können, bildet für so manches Kind eine völlig neue Erfahrung.

Nicht zuletzt die Jungen müssen sich enorm umstellen. Norika Creuzmann: „Sie haben die Erfahrung gemacht, dass zuhause immer der Mann dominant und die Frau immer die Schwächere war. Jetzt müssen sie sich daran gewöhnen, dass sie im Frauenhaus nur Frauen um sich haben und ihre Mütter Respektspersonen sind.“

Das Frauenhausteam kann letztlich nicht ausschließen, dass ältere Kinder mit ihren Handys ihre Väter anrufen und möglicherweise den Standort des Frauenhauses verraten. Gleichwohl müssen die Mütter sich schriftlich verpflichten, die Adresse nicht weiterzugeben, und sie werden aufgefordert, die SIM-Karten ihres Handys und der Handys der Kinder zu entfernen, um eine Ortung zu verhindern. Jungen können bis zum 14. Lebensjahr im Frauenhaus bleiben, Mädchen unbegrenzt. 90 Prozent der Frauen verlassen die Einrichtung nach drei Monaten wieder, fünf Prozent nach sechs Monaten. Jede Familie wird von einer Mitarbeiterin des Frauenhauses und einer des Kinderhauses betreut.

Im Kinderhaus wird gelernt, gespielt, gekocht, es gibt Filmabende und es werden gemeinsame Ausflüge geplant. Eine Woche Urlaub mit Müttern und Kindern kommt hinzu und ist etwas ganz Besonderes.

Norika Creuzmann widerspricht vehement der teilweise auch bei Jugendämtern und Richtern verbreiteten Ansicht, Frauenhäuser seien kein guter Ort für Kinder, weil sie dort angeblich sich selbst überlassen blieben, da es die Frauen nicht auf die Reihe kriegten. „Das Kindeswohl steht bei uns an oberster Stelle“, betont Creuzmann, die mittlerweile auf 29 Jahre Arbeit im Frauenhaus zurückblicken kann. Natürlich vertrete ein Frauenhaus allein schon wegen seiner Bestimmung die Interessen von Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, aber genauso entschieden eben auch die Bedürfnisse der Kinder. Ergebe sich beim Aufnahmegespräch der Verdacht, dass ein Kind von Vater oder Mutter missbraucht wurde, werde sofort das Jugendamt informiert.

Wenn ihr die Kleinen zum Abschied aus dem Frauenhaus eigens Bilder malen oder sie fest in den Arm nehmen, spätestens dann merkt Norika Creuzmann, dass sich ihre Arbeit gelohnt hat.

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