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Paderbornerin fällt auf Liebesbetrüger herein und will andere warnen

»Das war Gehirnwäsche«

Paderborn (WB). Was für Sigrid H. im September wie ein Märchen begann, endete ein halbes Jahr später als Albtraum. Die 60-Jährige ist im Internet auf einen Liebesbetrüger hereingefallen und möchte mit ihrer Geschichte andere warnen. »Ich habe schließlich vorher auch gedacht, das könnte mir nicht passieren«, sagt sie.

Maike Stahl

Jonathan Vance nannte sich der Liebesbetrüger, auf den Sigrid H. hereingefallen ist. Sie erzählt ihre Geschichte, weil sie weiß, wie schwer es für Betroffene zu erkennen ist, dass hinter den schönen Worten in der Regel ein Verbrecher steckt. Foto: Jörn Hannemann

Mit einer Freundschaftsanfrage auf Facebook fing alles an. »Der Mann, oder vielleicht ja sogar die Frau, hat sich als kanadischer General Jonathan Vance ausgegeben. Er sei für die Nato in Kabul stationiert und 58 Jahre alt«, erzählt die Paderbornerin. Da ihr der Mann auf dem Foto sympathisch war und sie gerne über soziale Medien kommuniziert, nahm sie an.

Unglückliche Ehe

Schon bald entwickelte sich eine lebhafte Kommunikation. »Er hatte großes Interesse an mir, an dem was ich tue und denke – das habe ich sehr genossen, zumal ich in meiner Ehe zu diesem Zeitpunkt nicht sehr glücklich war.« Die Nachrichten des vermeintlichen Generals nahmen einen immer größeren Stellenwert in ihrem Leben ein. »Er war unglaublich aufmerksam, machte mir Komplimente und bestärkte mich, meinen Weg zu gehen«, erzählt sie. Irgendwann war von Liebe die Rede und wie er sich seine Zukunft mit ihr vorstelle. Ihr Ehemann hatte unterdessen längst Verdacht geschöpft. »Der Betrüger hat mich gedrängt, mich scheiden zu lassen. Das war für mich ein Zeichen, dass er es ernst meint«, erzählt Sigrid H. »So böse kann ein Mensch gar nicht sein, das nicht ernst zu meinen, dachte ich damals. Heute weiß ich es besser.« Im Herbst reichte sie allerdings die Scheidung ein.

Das machte die Familie misstrauisch. »Sie war aber für Argumente überhaupt nicht zugänglich«, erzählt die Nichte, die sich über Romance-Scamming, wie der Liebesbetrug genannt wird, informiert hatte. »Schließlich habe ich ihr gesagt: Dann genieße einfach die Aufmerksamkeit, die er dir zuteil werden lässt, aber schicke ihm auf gar keinen Fall Geld.«

Plausible Erklärungen

Doch ihre Tante war fest davon überzeugt, dass in ihrem Fall alles anders sei. »Er hatte für alles eine plausible Erklärung, wenn ich mal misstrauisch nachgefragt habe. Das war wie Gehirnwäsche«, berichtet sie. Einmal fragte sie, wieso er mitten am Tag Zeit habe zu chatten, da antwortete er, dass er bei der Patrouille verunglückt sei und schickte ihr das Foto »seines« lädierten Beines. Auch mit Zertifikaten sparte »Vance« nicht, selbst von der Nato. »Als meine Nichte mir immer mehr zusetzte, bin ich damit zur Polizei gegangen. Der Beamte sagte, dass er nicht ausschließen könnten, dass das echt sei. Das hat mich natürlich bestärkt«, erzählt Sigrid H. »Ich kann heute nicht mehr nachvollziehen, wie das Gespräch verlaufen ist. Aber auf die Schnelle auf der Wache können wir das auch gar nicht. Da müssen wir selbst Experten hinzuziehen, weil diese Dokumente in der Regel sehr gute Fälschungen sind«, erläutert Polizeisprecher Ulrich Krawinkel.

Liebesbetrüger wollte Geld

Irgendwann wollte der Liebesbetrüger dann natürlich auch Geld. »Alles wortreich und für mich schlüssig begründet«, erzählt Sigrid H.. Die erste Summe sollte für seine »Tochter« Olivia sein, die in Ghana ein Internat besuche, weil er in Kabul gerade nicht an seine Konten komme. Später kamen andere Forderungen dazu, ebenso wie vermeintlich Bestätigungen und Dankesschreiben der NATO. Insgesamt hat Sigrid H. etwa 5000 Euro überwiesen. »Das verlorene Geld ärgert mich zwar, aber viel schlimmer war für mich, dass alles gelogen war. Ich war richtig verliebt, und entsprechend groß waren die Enttäuschung und das Loch, in das ich gefallen bin.« Geholfen habe ihr, dass die Familie zu ihr stehe. »Und vielleicht war es auch ganz gut, dass dieser Mann mir den Anstoß gegeben hat, meine unglückliche Ehe zu beenden«, sieht die Paderbornerin zumindest einen positiven Effekt, aus der Lehre, die ihr erteilt wurde.

Gegen den Liebesbetrüger, der schließlich doch einen Schritt zu weit ging, indem er ihr eine Heiratsurkunde mit ihrer beiden Namen zusendete, hat sie Anzeige erstattet. Die Ermittlungen laufen. »Aber viel Hoffnung besteht nicht.« Deshalb sei es ihr wichtig, ihr Geschichte zu erzählen. »Viele trauen sich aus Scham nicht einmal, Anzeige zu erstatten. Vielleicht kann ich sie ermutigen.«

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