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Wenn Maschinen bei der Wahl helfen – Ausstellung in Paderborn

Demokratie, ganz automatisch

Paderborn (WB). Ein Zug am Metallknauf – und die Stimme zählt. Der Wahlautomat »Schematus« klingelt zur Bestätigung wie eine alte Registrierkasse. Auch so funktionierte einst Demokratie. Anlässlich der Bundestagswahl zeigt das Heinz-Nixdorf-Museumsforum Wahlgeräte und -computer.

Bernd Bexte

Ausprobieren erlaubt: Die 1973 gebaute mechanische Wahlmaschine »Schematus«. Foto: Jörn Hannemann

Eigentlich sollen sie den Ablauf der Wahl erleichtern, dafür sorgen, dass das Wahlergebnis schnell vorliegt. Nicht selten bewirken sie das Gegenteil. Wie etwa im Jahr 2000 bei der ominösen Präsidentschaftswahl in den USA: Wochenlang wurde über die ordnungsgemäße Stanzung der Lochkarten in der Wahlmaschine »Votomatic« – seit Mitte der 1960er im Einsatz – diskutiert.

Freier Eintritt

Die Ausstellung im Foyer des Heinz-Nixdorf-Museums-Forums (Fürstenallee 7) in Paderborn ist bis zum 12. November zu sehen. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung wird am Samstag, 2. September, um 14 Uhr eröffnet. Drei Experten, unter anderem vom Chaos-Computer-Club, sprechen zum Thema und stehen zum Gespräch bereit, auch über die Rolle von So­cial Media und Bots in Wahlkämpfen. Anmeldungen hier:

Mit einem kleinen Griffel mussten die Wähler ein Loch in die Wahlkarte stanzen. Oft blieben aber Reste der Stanzung an der Karte hängen, was die maschinelle Lesbarkeit des Wahlzettels erschwerte. Fassungslos schaute damals die ganze Welt in die USA, bis schließlich George W. Bush als Wahlsieger im Duell mit Al Gore ausgerufen wurde. »Diese Maschinen sind aber nicht mehr im Einsatz«, zeigt Dietmar Schulte vom HNF auf ein Exemplar in einer Vitrine.

»Schematus«: robust, massiv, verlässlich

Verlässlicher war da »Schematus«, ein robuster, massiver Metallkasten aus dem Jahr 1973, bei dem durch das Ziehen am entsprechenden Knauf – ähnlich dem Abzug zu Beginn eines Spiels am Flipperautomaten – eine Partei die Stimme erhielt. Die hessische Stadt Dietzenbach etwa setzte den fast klaviergroßen Apparat ein, zuletzt bei der Kommunalwahl 1997. All das ist in Deutschland Geschichte. »Aufgrund von zwei Beschwerden hat das Bundesverfassungsgericht 2009 die Anwendung von Wahlautomaten untersagt«, erläutert Schulte.

Bis dahin kamen auch Maschinen des niederländischen Herstellers Nedap zum Einsatz, unter anderem in Herford und Steinhagen. Doch einer deutsch-niederländische Hackergruppe gelang es binnen Sekunden, den Speicher des Gerätes zu manipulieren. »Zudem passte ein Generalschlüssel für alle Geräte. Und der war ganz einfach nachzumachen«, erläutert HNF-Geschäftsführer Jochen Viehoff.

HNF-Geschäftsführer Jochen Viehoff an der Wahlmaschine »Schematus«. Rechts oben: der umstrittene »Votomatic«. Darunter: der »Hamburger Wahlstift«. Foto:

Karlsruher Institut für Technologie entwickelt »Bingo-Voting«

Vielversprechender erscheint da der mit einer Minikamera ausgestattete »Hamburger Wahlstift«. 2008 sollte er in der Hansestadt zu seiner Premiere kommen. Letztlich überwogen die Bedenken – obwohl für den digitalem Datenstift das Wahlautomatenverbot nicht gilt.

Denn einen Wahlzettel gibt es weiterhin. Die Kamera registriert nur zusätzlich, an welcher Stelle der Wähler sein Kreuzchen macht. Sekundenschnell kann der Stift dann ausgelesen werden. »Ich halte dieses Verfahren für sehr praktikabel«, meint Dietmar Schulte.

Die neueste Entwicklung stammt vom Karlsruher Institut für Technologie: das »Bingo-Voting«. Bei dem kryptographischen Verfahren ordnet ein Computer der abgegebenen Stimme einen Zahlen-Buchstaben-Code zu, der ähnlich einem Kassenbon für den Wähler ausgedruckt wird. Diesen Beleg kann er mit dem vom Computer angezeigten Code abgleichen. Stimmen beide überein, gilt die Stimme als korrekt abgegeben. Auch diesen Wahlautomaten können Besucher im Paderborner HNF ausprobieren.

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