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Lena Schön ist die neue Leiterin der einzigen evangelischen Bekenntnisgrundschule Paderborns

Der Luther-Bär sitzt mit im Büro

Paderborn (WB). Die Lutherschule arbeitet unter besonderen Bedingungen. Umgeben von katholischen Schulen, ist es die einzige evangelische Bekenntnisgrundschule in Paderborn. Zudem ist sie auf zwei Standorte aufgeteilt. Seit August hat die Lutherschule eine neue Leiterin. Dietmar Kemper spricht mit Lena Schön über das typisch Christliche an »ihrer« Schule und Herausforderungen wie die Digitalisierung.

Dietmar Kemper

Lena Schön in ihrem Büro mit Martin Luther als Kuschelbär. Ihre Schüler sollen die Schule nicht nur möglichst eigenständig verlassen und Vertrauen in Erwachsene haben, sondern auch wissen, was der Reformator im 16. Jahrhundert geleistet hat. Foto: Dietmar Kemper

Warum sind Sie Schulleiterin geworden?

Lena Schön: Einfach aus dem Motiv heraus, etwas für die Schule bewegen zu können. Ich habe immer schon perspektivisch gedacht, und wenn man ein starkes Kollegium im Rücken hat, kann man viel bewegen. Zudem organisiere und verwalte ich gern. Auch meine Eltern waren beide Schulleiter.

Warum schrecken Lehrer davor zurück, eine Schule zu leiten? Vor allem Konrektorenstellen sind ja unbesetzt.

Schön: Ich glaube, dass die Gesamtverantwortung abschreckt. Das Netzwerk der Personen, die Ansprüche stellen, und die Aufgaben sind so groß und vielfältig geworden, dass viele glauben, das nicht schaffen zu können. An jeder Ecke zieht jemand an einem. Außerdem halte ich die Bezahlung im Vergleich zu einem Wirtschaftsunternehmen, wenn man dort eine Leitungsfunktion übernimmt, keineswegs für angemessen. Und außerdem kommt hinzu, dass eine Schulleiterin dann grundsätzlich weniger Zeit für Unterricht hat.

Ihre Schule ist umzingelt von katholischen Grundschulen. Droht da die Gefahr, dass eine evangelische Bekenntnisschule in so einem Umfeld untergeht?

Schön: Das glaube ich gar nicht. Es ist vielmehr eine Chance, im erzkatholischen Paderborn die Ökumene zu leben. Die Michaelsschule ist beispielsweise direkt in der Nähe. Bei uns findet einmal im Jahr ein Martin-Luther-Tag statt. Unsere Kinder wissen schon, wo die Unterschiede zwischen evangelisch und katholisch sind, aber das Gemeinsame steht im Vordergrund. Weil wir die einzige evangelische Bekenntnisgrundschule in Paderborn sind, schicken viele Eltern ihre Kinder ganz gezielt zu uns, weil sie die Verknüpfung mit der evangelischen Lehre für wertvoll erachten.

Atheisten sagen, Werte wie Friedfertigkeit und Respekt hätten nichts mit Religion zu tun, sondern seien schon immer ethische Grundsätze gewesen. Für wie wichtig halten Sie das christliche Fundament für Ihre Schule und wie drückt sich das bei Ihnen aus?

Schön: Das christliche Fundament gibt den Kindern viel Sicherheit. Es ist auch wichtig, die Regeln für einen wertschätzenden Umgang miteinander zu vermitteln. Bei uns legen Kinder, Kollegen und Eltern viel Wert auf einen solchen Umgang. So nehmen bei uns Drittklässler als Paten die Erstklässler an die Hand. Wir feiern gemeinsam den Namenstag Martin Luthers, Weihnachten und Ostern. Durch diese Feiern entwickelt sich ein großes Gemeinschaftsgefühl. Und wenn wir Weihnachten feiern, wird nicht über den Weihnachtsmann gesprochen, sondern über die Geburt Christi. Das ist ein Beispiel für das typisch Christliche. Die Gemeinschaft im Gottesdienst, dass man sicht trifft und Kinder für andere etwas vorbereiten, diese Atmosphäre ist einzigartig. Die Kinder wissen, wo sie hingehören und dass sie nicht allein sind.

Zu den Besonderheiten Ihrer Schule gehört die Aufteilung auf zwei Standorte. Das Haupthaus ist unmittelbar neben der Abdinghofkirche, das zweite Gebäude liegt an der Erzberberger­straße. Welche Herausforderungen sind damit verbunden?

Schön: Im Haupthaus sind wir zweizügig, dort einzügig. Trotzdem sind wir wirklich ein Kollegium. Die Lehrerkonferenzen halten wir immer gemeinsam im Haupthaus ab. Ich selbst bin einen Tag in der Woche fest am anderen Standort und gebe dort Unterricht. Wir versuchen, durch Wanderungen und Theaterbesuche bei den Kindern und im Kollegium ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen, und wir sorgen dafür, dass viele Berührungspunkte vorhanden sind.

Wenn die Kinder Ihre Schule verlassen, was sollen sie dann mitnehmen und gelernt haben.

Schön: Sie sollen wissen, dass Kinder ein Mitbestimmungsrecht haben, dass sie eigene Rechte, aber auch Pflichten haben. Sie sollen eigenständig sein, aber auch Vertrauen in Erwachsene, in Eltern und Lehrer, haben. Sie müssen nicht konkret wissen, was sie mal werden wollen, aber doch eine Ahnung haben, wie es mit ihnen weitergeht. Und sie sollen natürlich ansatzweise wissen, wer Martin Luther war.

Ist die Digitalisierung in Grundschulen eher ein Fluch oder ein Segen?

Schön: Die Kinder werden nicht mit dem Smartphone geboren, aber sie können es schon im Grundschulalter intuitiv bedienen. Es ist unsere Aufgabe, an die Alltagswelt anzuknüpfen. Gleichzeitig müssen wir die Kinder vor den Gefahren warnen, die mit der Digitalisierung verbunden sind. Im Unterricht bietet die Digitalisierung Vorteile: Man kann Dinge unheimlich einfach visualisieren. Und außerdem spare ich Papier. Der angemessene Einsatz von digitalen Medien ist ein Balanceakt. Natürlich soll den Kindern Kreativität und eigenes Handeln nicht genommen werden, aber wir müssen sie an die Gesellschaft heranführen, in der praktisch nichts mehr ohne Smartphone, E-Mail, Computer und Internet möglich ist.

Männer bilden in der Lehrerschaft an Grundschulen eine Minderheit. Bei Ihnen sind es zwei unter 23 Frauen. Woran liegt das und wie lässt sich das Ungleichgewicht beheben?

Schön: Das Problem muss man über die Bezahlung lösen. Der Unterschied beim Gehalt schreckt nicht zuletzt Männer ab. Grundschullehrer werden nach A12 bezahlt, Gymnasiallehrer nach A13. Hinzu kommt: In der Grundschule haben die Lehrerinnen und Lehrer 28 Stunden in der Woche abzuleisten, in der Sekundarstufe 2 am Gymnasium sind es nur 25,5 Stunden. Und dann gilt immer noch die Regel, dass immer dann, wenn etwas Neues angeschafft wird, wie zum Beispiel im Bereich der Digitalisierung, erst die Gymnasien ausgestattet werden. Es vergehen mindestens fünf Jahre, bis das auch bei den Grundschulen ankommt.

Sprechen wir auch noch über die Eltern. Immer wieder wird beklagt, dass sie ihre Kinder mit dem Auto bis vor den Eingang der Schule bringen.

Schön: Bei uns dürfen Eltern ihr Kind tatsächlich bis zur Schule bringen. Wir haben die besondere Situation, dass viele Kinder nicht fußläufig wohnen. Wir befinden uns in einem Ballungszentrum von Schulen. Wir werden mit der Stadt ein Schulwegkonzept entwickeln, um Eltern anschließend darüber zu informieren, von wo aus sie ihre Kinder gefahrlos alleine gehen lassen können.

Zur Person

Lena Schön leitet seit dem 1. August die Lutherschule. Sie ist 36 Jahre alt, wohnt in Schloß Neuhaus, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach ihrem Studium in Paderborn unterrichtete sie seit 2013 an der Josefsgrundschule in Mastbruch. 307 Jungen und Mädchen besuchen die Luther­schule. Im Haupthaus lernen 201 Kinder in acht Klassen, im Standort an der Erzbergerstraße 106 in vier Klassen. Von den 201 Kindern im Haupthaus gehen 161 bis 16 Uhr in die OGS. Das heutige Gebäude am Abdinghof entstand 1955 als Volksschule für evangelische Kinder.

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