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Nach 60 Jahren zieht sich Hubert Krawinkel zurück – Kunst ist die zweite große Leidenschaft des Paderborners

Der unermüdliche Architekt

Paderborn

„Hubert, du wirst bestimmt mal Architekt“, sagte die Lehrerin in der Volksschule Brakel, als der Junge auf der Schiefertafel eine Schule gezeichnet hatte. Das Gebäude hatte den Knirps beeindruckt. Seine Lehrerin behielt recht. Der Junge wurde Architekt und machte sich als Hubert Krawinkel über Paderborn hinaus einen Namen.

Dietmar Kemper

Auf das Gästehaus der Universität ist Hubert Krawinkel besonders stolz. Dabei hat er sich an antiken Bauformen orientiert. Foto: Oliver Schwabe

Heute blickt der 86-Jährige auf 60 Jahre als Architekt und Künstler zurück und sagt, Gebäude zu gestalten sei trotz der zunehmenden Vorgaben etwa an die Energieeffizienz immer noch ein Traumberuf.

Ein Heiligenhäuschen in Borchen war sein kleinstes Objekt, zu den größten gehören der Neu- und Umbau der Klinik in Bad Hermannsborn und das P- und H-Gebäude der Universität Paderborn. Die Türme der Wissenschaft waren mit drei Jahren auch die längste „Knochenarbeit“. Die Universität verdankt Krawinkel zudem das wunderschöne Jenny-Aloni-Gästehaus. „Das ist mein Lieblingsobjekt. Es ist bautechnisch gut gelungen. Bei der Grundstruktur habe ich auf antike Häuser mit ihrem Innenhof zurückgegriffen“, erinnert sich Hubert Krawinkel. Auch das Studentenwerk kam auf ihn zu, es entstanden die Studentensiedlung am Voge­liusweg und der Kindergarten. Krawinkel wirkte von 1975 bis 1997 an der Hochschule – als Professor für Entwerfen und Baukonstruktion in der Abteilung Höxter und später als Professor für Architektur, Design und Umweltgestaltung im Institut für Kunst, Musik und Textil in Paderborn. Auch nach seiner Pensionierung 1997 lehrte er noch 20 Jahre lang Architektur, Städtebau, Design und Landschaftsgestaltung. Zudem kümmerte sich Hubert Krawinkel um junge Künstler, die ein Stipendium für das von der Universität angemietete Künstlerhaus „Molino Winkler“ in Andalusien bekommen hatten. Noch gut erinnert er sich an die erste Stipendiatin Artemis Herber. Der Kontakt zur inzwischen über Paderborn hinaus bekannten Künstlerin riss nicht ab, sie schenkte ihm vor kurzem erst ein Gemälde. Und er würde gern eine Ausstellung mit ihr in Paderborn machen.

Auch der Hermann-Schmidt-Schule für behinderte Menschen drückte der Architekt seinen Stempel auf. Foto: Oliver Schwabe

Hubert Krawinkel ist eben Architekt und Künstler. „Die ästhetische Qualität von Bauten habe ich immer hochgehalten, ich wollte keine Dutzendware abliefern“, betont er. Auch Kirchen vertrügen moderne, abstrakte Kunst, ist Krawinkel überzeugt. Er hat keine Kirche direkt gebaut, aber zwei innen komplett neu gestaltet: Sankt Meinolf in der Südstadt und Sankt Joseph in Mastbruch. Die leuchtenden Farben der Fenster in der Meinolfkirche ziehen sofort die Blicke auf sich. Mit einem Schmunzeln denkt der Architekt an den ehemaligen Paderborner Prälaten und Kunsthistoriker Alois Fuchs zurück, der nur Kirchen im alten Stil gelten ließ und dem er damals heftig widersprach.

Die Meinolf-Kirche hat der Architekt innen neu gestaltet. Eine Kirche vertrage durchaus Elemente moderner Kunst, ist er überzeugt. Foto: Oliver Schwabe

Schwerpunkt des Schaffens von Hubert Krawinkel, der Architektur an der TH Hannover studiert hatte, waren Schulen. Die Grundschule in Altenbeken, das Schulzentrum Augustdorf, die Altenauschule in Borchen, die Grundschule und der Kinderhort in Dörentrup, die Berufsschule des Kreises Paderborn und die Hermann-Schmidt-Schule in Schloß Neuhaus entstanden nach seinen Entwürfen. Aus mehreren Wettbewerben ging er als Sieger hervor. „Schulen wurden oft auf Grundstücken gebaut, die mehr am Rande der Stadt lagen“, erzählt er: „Ich habe mich dann als erstes gefragt, wie ich sie in die Landschaft einfügen kann.“ Die Schule in Borchen integrierte er gekonnt in einen Hang. Im Inneren einer Schule sei es wichtig, die Klassen untereinander zu verbinden und innerhalb der Klassen Gruppenräume zu bilden.

Die Grundschule in Altenbeken ist ein Hingucker. Schulen bildeten den Schwerpunkt der Arbeit von Hubert Krawinkel. Foto: Oliver Schwabe

Statt möglichst viel Beton wählte Hubert Krawinkel für Schulen lieber wärmere Materialien wie Holz. Übrigens kümmerte er sich auch um das Grün drumherum. Ihm habe es nie gereicht, nur den Entwurf zu liefern, erzählt er: „Die Verbindung zum Bau muss bis zum Schluss da sein – und die Verantwortung auch.“

Kein Wunder, dass Hubert Krawinkel an seinen Bauten hängt. Für die Landesgartenschau 1994 schuf er das Brunnentheater im Neuhäuser Schlosspark. Überlegungen, das Brunnentheater zugunsten von mehr Besuchern bei Großveranstaltungen zu entfernen, kommentiert Krawinkel kämpferisch mit: „Nur über meine Leiche.“ Stolz ist er auch auf die Gartenhofhaussiedlung in der Paderborner Stadtheide, wo es sich ruhig und harmonisch leben lässt.

Das Brunnentheater in Schloß Neuhaus gestaltete Hubert Krawinkel für die Landesgartenschau 1994. Foto: Oliver Schwabe

Auch außerhalb des Kreises Paderborn hinterließ er seine Spuren. Die Stadt Unna und die Gemeinde Langenberg verdanken ihm ihre Rathäuser, und Hubert Krawinkel wiederum verdankt Unna den Auftrag für das Gymnasium und die Sporthalle im ostdeutschen Döbeln. Unna unterhielt zu Zeiten des Kalten Krieges eine Partnerschaft mit der Stadt in der Ex-DDR. Und kurz nach der Wende fragte Döbeln in Unna an, wer wohl als Architekt infrage käme. „Ich bin hingefahren, habe 30 Minuten lang einen Vortrag gehalten und bin mit dem Auftrag wieder nach Hause gefahren“, erinnert sich der 86-Jährige.

Er bedauert, dass Architekten heutzutage zunehmend reingeredet werde. Die Freiheit des Entwurfs werde durch Vorgaben bei Materialien oder der Energieeffizienz „erheblich eingeschränkt“, beklagt er. Das habe zur Folge, dass sich Wohngebäude stark ähneln: weiß, verputzt, mit Staffelgeschoss. Ein Ausdruck von Phantasielosigkeit der Architekten sei das nicht. Die Fülle der Vorgaben führe auch dazu, dass die Forderung „Baut billigere Wohnungen!“ nicht umsetzbar sei.

Hubert Krawinkel (Mitte) ist seit 60 Jahren Architekt. In den letzten Jahren hat er in Paderborn mit Thomas Rehermann (links) und Carsten Scherhans im Büro RSK zusammengearbeitet. Foto: Dietmar Kemper

Nach 60 Jahren als Architekt, erst angestellt und danach selbstständig, löste er Ende vergangenen Jahres seinen Beratervertrag im Architektenbüro RSK mit Thomas Rehermann, Carsten Scherhans und ihm auf. Carsten Scherhans bedankt sich für die „sehr angenehme, spannende, zukunftsorientierte Zusammenarbeit“ und lobt die „absolut unerschrockene Offenheit für Neues trotz seines fortgeschrittenen Alters“ als beeindruckenden Wesenszug des 86-Jährigen.

Hubert Krawinkel hat jetzt mehr Zeit für seine zweite große Leidenschaft: die Kunst.Die war in Ausstellungen wie „Die Welt vermessen“ (2018) öffentlich zu sehen. Hubert Krawinkel selbst sagt über seine Kunst, die zum Beispiel freie Malerei und gegenständliche Tusche- und Bleistiftzeichnungen umfasst: „Viele Arbeiten entstanden in einer spannenden städtebaulichen Situation, ob am Canale Grande in Venedig oder in einem noch maurisch geprägten Ort in Andalusien. Die genaue Beobachtung und die Umsetzung in eine expressive Gestaltung standen immer im Vordergrund. Die Schaffung von Werken, die einen skeptischen Blick auf unsere Umwelt wirft, stellt einen zweiten Bereich dar.“ Sich auf die Ausstellung „Die Welt vermessen“ beziehend, sagte die Vorsitzende des Paderborner Kunstvereins, Alexandra Sucrow: „Immer wieder ist es die Vermessenheit des Menschen im Umgang mit den Ressourcen, den Problemen, den Möglichkeiten der Welt, die Hubert Krawinkel in diesen Arbeiten kritisiert.“

Auch ehrenamtlich ist der Senior unermüdlich aktiv, zum Beispiel als Ehrenmitglied des Kunstvereins, dem er half, die neue Bleibe am Kamp zu finden und herzurichten, und als Jurymitglied für den Kunstpreis des Kunstvereins und der Sparkasse Paderborn. Er gehört dem Heimatverein und dem Kulturbeirat der Stadt an, er berät die Verwaltung bei der städtebaulichen Gestaltung und hat mit seinen Kollegen im Heimatverein die Straßennamen für das „Künstlerviertel“ Springbach Höfe vorgeschlagen. Im Förderverein historisches Paderborn setzt er sich dafür ein, dass der Heiersturm innen eine Wendeltreppe und oben eine Aussichtsplattform erhält. Damit nicht genug, engagiert sich Hubert Krawinkel für junge Künstler im Verein für christliche Kunst. Sein nächstes „Projekt“ hat aber nichts mit Architektur oder Kunst zu tun. Wichtig ist eine Diamantene Hochzeit aber auch...

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