„Drive By“: Fotografinnen und Fotografen dokumentieren die Spuren des britischen Militärs in Paderborn

Die Alanbrooke-Kaserne ist ein lohnendes Motiv

Paderborn

Sechs Fotografinnen und Fotografen eröffnen sechs unterschiedliche Perspektiven auf die ehemalige britische Kaserne an der Elsener Straße in Paderborn.

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Die Fotografien, hier „Entropie“ von Axel Czypionka, sind am Zaun des militärischen Geländes ausgestellt und bis in den Sommer hinein zu sehen. Foto: Tobias Vorwerk

Aufgetürmte Pflastersteine, ein zerbrochener Wintergarten, leere Panzerhallen, endlose Flure, rotweiße Backsteingebäude: Sie sind Zeugen einer Zwischenzeit. Bevor auf dem Gelände der Alanbrooke-Kaserne ein ziviles Wohnquartier entsteht, haben die Fotografinnen und Fotografen die Gunst der Stunde genutzt und sind den Spuren nachgegangen, die das britische Militär hinterlassen hat, und das vom Keller bis zum Dachboden. Erstmals sind die Ergebnisse dieser umfangreichen Fotoexpedition öffentlich zu sehen – und das am Ort des Geschehens. Am historischen Zaun der Alanbrooke-Kaserne werden auf mehr als 100 Metern rund 65 Bilder präsentiert. Die Stadt Paderborn lädt alle ein, sich die Fotografien aus der Nähe, unter Einhaltung der Corona-Schutzverordnung, anzuschauen. Die Fotos werden bis in den Sommer zu sehen sein.

Soldaten prägten mehr als 200 Jahre das Bild der Stadt Paderborn, preußische, deutsche, britische. Mit dem Abzug der britischen Truppen 2019 ging diese Epoche der Stadtgeschichte zu Ende. Die Kaserne an der Elsener Straße, von den Preußen für das 158er-Infanterieregiment errichtet und vom britischen Militär bis 2016 genutzt, steht exemplarisch für diese Entwicklung. Heute stehen elf Gebäude sowie der zentrale Appellplatz unter Denkmalschutz. In den kommenden Jahren wird hier ein neues Stadtquartier mit Wohnungen, Kindergarten und Arbeitsmöglichkeiten entstehen.

Das Denkmal erinnert an die Toten des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Foto: Andreas Neuwöhner

„Die im Krieg nicht zerstörte Kaserne ist heute ein eindrucksvolles Zeugnis der Paderborner Garnisonsgeschichte. Grund genug, um den Übergang von der Kaserne zum Wohngebiet fotografisch zu dokumentieren und den Bürgerinnen und Bürgern zu präsentieren“, sagt Andreas Neuwöhner vom Kulturamt der Stadt Paderborn. Einer der Fotografen ist Wolfgang Brenner. Seine Arbeiten haben einen collagierten, arrangierten Charakter. Während sich in den Fotografien häufig ein perspektivisches Fluchtmoment findet, schaffen die nahezu konstruierte Aufteilung und die geometrischen Formen völlig neuartige, nie dagewesene Zusammensetzungen. „Die bewusste Anordnung alltäglicher Gegenstände und Bauformen in meinen Fotografien erzeugt den Anschein einer zeichnerisch-malerischen Komposition aus Flächen, Licht und Konturen“, erklärt Brenner.

„Große Tigerenten“ hat Wolfgang Brenner diese schweren Klötze genannt. Foto: Wolfgang Brenner

Der Pädagoge Axel Czypionka fotografiert seit acht Jahren. Obwohl er die Musik als seine größte Leidenschaft betrachtet, rückte das „Bild als solches“ zunehmend in den Vordergrund. Er findet es an besonderen Orten, aber auch im Umfeld. „Das Foto muss eine Geschichte erzählen können! Das hatte die menschenleere Alanbrooke-Kaserne tausendfach zu bieten. Vergangenheit und Zukunft, alles war in der Weite der verlassenen Soldatenunterkunft spürbar. Ein berührendes Erlebnis“, erzählt Czypionka.

Jörg Lütkemeier wiederum arbeitet als Lehrer und Künstler. Aktuell ist die Fotografie das Medium, mit dem es ihm vorwiegend um die Balance zwischen Struktur und Assoziation – dem Spiel des Zufalls – geht. Ebenso sind Spuren von Vergangenem, wie sie in der Kaserne zu finden sind und waren, Thema und Schwerpunkt seines Blicks. „Abbröckelnde Farbe, von Pflanzen überwucherte Mauern oder ein zusammengefallenes Gewächshaus erzählen eine Geschichte und lassen Raum für Assoziationen“, betont Lütkemeier.

„Disko“ heißt dieses Foto von Jörg Lütkemeier. Er gehört zu den Fotografen, die der Kaserne interessante Perspektiven abgewinnen konnten. Foto: Jörg Lütkemeier

Der Historiker Andreas Neuwöhner ist vor allem an den historischen Spuren der Briten interessiert. „Zeigen sich noch Hinweise auf die militärische Nutzung? Gibt es Spuren, die das Individuum aus dem Vergessen der Geschichte hebt? Orte wie die Alanbrooke-Kaserne, an denen die Zeit stehengeblieben ist, faszinieren mich. Hier scheint die Geschichte eingefroren“, verdeutlicht Neuwöhner. Sein Blick ist somit dokumentarisch.

Die Fotografien von Dagmar Venus vereinen harmonisch Gegensätze: Flüchtigkeit und Stillstand. Während sich in den Bildern der Fotografin meist eine ruhende Konstante findet, bricht ein dynamisches Transparent häufig diesen ersten Eindruck von Permanenz. „Durch das Spiel mit doppelter Belichtung entstehen so Kompositionen, die dem Bild seine Zweidimensionalität nehmen und Grenzen zwischen Anschein und Sein auf malerische Art und Weise verschwimmen lassen“, erläutert Venus.

„Die Verlassenheit“ von Dagmar Venus. Die britischen Soldaten sind fort. Foto: Dagmar Venus

Tobias Vorwerk wiederum ist seit 2018 Vorsitzender des Paderborner Vereins Cheezze e.V. Dieser hat sich zum Ziel gesetzt, die zeitgenössische Fotografie in Paderborn zu fördern. „Neben regelmäßigen Ausstellungen von renommierten und bereits etablierten Künstlern steht für Cheezze die junge Fotografie im Fokus“, erklärt Vorwerk. Mit dem „Young Cheezze Award für Fotografie“ hat der Verein 2019 einen neuen Wettbewerb für junge Fotografinnen und Fotografen ins Leben gerufen, um sie bei ihrem Weg in die Öffentlichkeit zu unterstützten. Thematisch steht für Cheezze die Auseinandersetzung mit den Veränderungen, Entwicklungen und Chancen des globalen Alltags im Fokus.

Die Infanteriekaserne, die zum Motiv für die Fotografinnen und Fotografen wurde, hat eine mehr als 120-jährige Geschichte. An der Elsener Straße entstand sie im Jahr 1898 für das Infanterieregiment 158. Um einen zentral angelegten Exerzierplatz lagen die langgestreckten Gebäude aus Backstein.

Die Alanbrooke-Kaserne soll in ein modernes Wohn- und Geschäftsquartier umgewandelt werden. Foto: Tobias Vorwerk

Der Grundtypus ist zweigeschossig mit einem Dachgeschoss als Satteldach und an den Seiten mit jeweils einem Treppenhaus. Er steht auf einem hohen Kellersockel mit Fenstern. Die Treppenhäuser sind durch vorspringende Fassaden in gotischer Formensprache hervorgehoben.

Die Außenwände sind schlicht weiß verputzt, wobei Fenster, Geschosse und Gebäudekanten durch rote Backsteine farblich abgesetzt sind. Umgeben ist das ganze Gelände mit einem Zaun, dessen Pfeiler ebenfalls in rotem Backstein ausgeführt sind. Auch dieser Zaun steht unter Denkmalschutz.

Im Jahr 1957 zog mit der 44 Field Park Squadron der Royal Engineers erstmals eine britische Einheit in die Kaserne an der Elsener Straße, die nun ihren Namen Alanbrooke Barracks erhielt. Damit erinnerte die britische Armee an ihren General Alan Francis Brooke (1883-1963), der seit 1941 der Chef des Generalstabs und wichtigster militärischer Berater von Winston Churchill war. Kennzeichnend für die britische Nutzung der Kaserne war, dass die Einheiten nur für eine kurze Zeit blieben und oftmals wechselten. Sie gehörten aber in den ersten Jahrzehnten alle zur Truppengattung der leichten Infanterie. Werkstätten, Waschplätze, Abstellhallen und eine Tankstelle wurden neu gebaut. Am 12. September 2016 wurden die Briten feierlich in Anwesenheit der königlichen Prinzessin Sophie verabschiedet.

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