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Galerieleiterin Dr. Andrea Wandschneider geht in verdienten Ruhestand

Die große Kunst nach Paderborn geholt

Paderborn (WB). Kunst sei schön, mache aber viel Arbeit, soll der Humorist Karl Valentin gesagt haben. Bestätigen kann den Spruch sicher auch Dr. Andrea Wandschneider. Nach 26 reich gefüllten Arbeitsjahren geht die Paderborner Galerieleiterin Ende März in den Ruhestand.

Manfred Stienecke

Dr. Andrea Wandschneider hat zu fast jeder großen Ausstellung einen eigenen Katalog herausgebracht. Foto: Besim Mazhiqi

Ohne die quirlige Ausstellungsmacherin wäre das Kunstquartier im Neuhäuser Schlosspark nicht das, was es für die Kunstfreunde in der gesamten Region heute darstellt: ein lohnendes Ziel, an dem verlässlich und niveauvoll Gemälde, Grafiken und Skulpturen von der Renaissance bis zur Moderne präsentiert werden.

Die 63-jährige Leiterin der Städtischen Museen und Galerien stürzt sich auf jede Aufgabe, die sich ihr bietet. »Ich bin eben jemand, der den Ball auffängt, wenn er in die Luft geworfen wird«, lächelt sie. »Und beim Kulturdezernenten Carsten Venherm habe ich dafür immer Rückhalt gefunden.«

Immer auf Qualität geachtet

Seit die zierliche Kunsthistorikerin, die 1993 aus Delmenhorst nach Paderborn kam, das Ausstellungsprogramm des Kulturamtes verantwortet, ist eine klare Struktur erkennbar. Schlossparkbesucher lockt sie mit erlesenen Werkschauen renommierter Künstler in die zur Landesgartenschau 1994 in eine attraktive Kunstgalerie verwandelte ehemalige Reithalle. Hier versammelt Andrea Wandschneider seither die niederländische Genremalerei des 16. Jahrhunderts und opulente Barockgemälde ebenso wie Bilder der Romantik oder des Expressionismus. Was sie für ihre Ausstellungen auswählt, hat Rang und Namen – und vor allem Qualität.

Schon als Schülerin weiß die gebürtige Düsseldorferin, dass sie beruflich auf jeden Fall in den Bereich der Kunst hinein möchte, auch wenn sie sich auf diesem Gebiet nicht sonderlich gefördert fühlt. »Ich erinnere mich nicht, dass wir während der Schulzeit mal in ein Museum gegangen wären«, stellt sie ihrer Schule hier kein gutes Zeugnis aus. Zum Studium nach Bochum geht sie trotzdem mit klarer Perspektive: Kunstgeschichte, Philosophie und Archäologie sind ihre Fächer. Ihre Doktorarbeit schreibt sie in Florenz. Über eine Anstellung als Lektorin in einem Kunstverlag sowie Stationen am Landesmuseum Oldenburg, an der Kunsthalle Bremen und der Städtischen Galerie Delmenhorst kommt sie schließlich nach Paderborn – und bleibt.

40.000 Besucher in der Breughel-Schau

»Gezeigt haben wir in der Reithalle zunächst verstärkt die ältere Kunst«, schildert sie ihre Anfänge an Pader und Lippe. »Wichtig war mir dabei die Kontinuität, damit das Haus Profil gewinnt. Umsetzen konnte ich nur, was mit bescheidenen Mitteln zu leisten war.« Um so erstaunlicher, was Andrea Wandschneider mit ihrem untrüglichen Gespür unter diesen Voraussetzungen nach Schloß Neuhaus holen kann. Besucher staunen über Zeichnungen und Drucke von Dürer, Rembrandt und Goya. »Ich habe eigentlich alle bedeutenden Grafiker hier vorgestellt,« betont sie.

Aber auch mit unbekannteren Namen baut sich die Galeriechefin einen wachsenden Freundeskreis auf. Die begleitend zu den Ausstellungen konzipierten Kataloge finden weit über Paderborn hinaus Beachtung. »Inzwischen werden einige im Internet schon für Preise um die 100 Euro gehandelt, obwohl sie mal für 15 Euro zu haben waren.«

Den Höhepunkt ihres Schaffens bildet zweifellos die Ausstellung mit 140 Originalen der niederländischen Künstlerfamilie Breughel. Mit diesem grandiosen Schauprojekt des Jahres 2015 in der Reithalle, für das Bilder aus einigen der wichtigsten Museen Europas ausgeliehen werden können, bewegt die Städtische Galerie die Massen. Rund 40.000 Besucher lassen sich die Begegnung mit den Bauern- und Blumenbildern der flämischen Maler nicht entgehen.

Weitgehend Einzelkämpferin

Doch Andrea Wandschneider stößt mit diesem ehrgeizigen Vorhaben, für das sie nur die allernötigste Verstärkung bekommt, kräftemäßig an ihre Grenzen. Die Folge ist ein gesundheitlicher Zusammenbruch, von dem sie sich nur langsam wieder erholt. »Ich bin da wohl etwas zu euphorisch ran gegangen. Mir war nicht klar, was da alles dranhängt«, sagt sie heute selbstkritisch im Rückblick.

Die Reithalle im Schlosspark ist nicht der einzige Wirkungsort für sie. Sie muss sich auch um Ausstellungen in der ehemaligen Städtischen Galerie am Abdinghof kümmern und die Neukonzeption der Paderborner Museumslandschaft 2016 umsetzen. »Ich hatte kaum noch ein Privatleben«, schildert sie die Jahre, in denen mancher Feierabend doch nur mit dienstlichen Aufgaben gefüllt ist.

Mit dem neuen Kunstmuseum im Marstall betreut sie zwei benachbarte Häuser, die sie geschickt durch sich thematisch ergänzende Ausstellungen verknüpft. Andrea Wandschneider bleibt als Ausstellungskuratorin trotzdem weiter Einzelkämpferin. Immerhin richtet die Stadt zur »Entlastung« eine Volontärstelle ein. Und dankbar ist sie für die Hilfe des ehrenamtlich arbeitenden Freundeskreises der Städtischen Museen und Galerien. »Der ist mir immer eine Stütze gewesen.«

Beispielhafte Netzwerkerin

Während sie ihr letztes Projekt, eine Ausstellung mit Werken des Paderborner Malers und Grafikers Georg Brandt (1897-1965) vorbereitet, bleibt kaum Zeit und Muße für ein Resümee. »Ich habe noch viele Ideen im Kopf und könnte sicher noch zehn weitere Jahre Ausstellungen machen«, versichert sie. Vieles habe sie realisieren können. Nur ein Projekt kam nicht zustande, mit dem sie ihre Fangemeinde sicher überrascht hätte: »Ich hätte gern etwas zum Thema ’Kitsch und Kunst’ gemacht.«

Mit dem Abschied der ungemein fleißigen Galerieleiterin verliert Paderborn auch eine beispielhafte Netzwerkerin, die sich durch persönlichen Einsatz über die Jahre Verbindungen zu vielen Museen und Sammlungen aufgebaut hat, von denen das Ausstellungsprogramm immer wieder profitiert. Seit sich in der Szene herum gesprochen hat, dass die Galerieleiterin in den verdienten Ruhestand geht, bekommt sie viele Briefe und Mails zum bevorstehenden Abschied. »Ich habe den Eindruck, dass meine Arbeit in Paderborn wertgeschätzt und anerkannt wird«, freut sie sich darüber.

»Mich zieht es nach Hamburg«

Ihrer Nachfolgerin Dr. Andrea Brockmann hinterlässt Andrea Wandschneider ein bestelltes Haus, das es zu pflegen und weiter zu entwickeln gilt. Sie selbst wird das nicht mehr regelmäßig verfolgen. »Mich zieht es nach Hamburg« verrät sie. »Ich habe schon eine hübsche Wohnung direkt an der Außenalster gefunden.«

Aus dem aktiven Dienst verabschiedet wird die Galerieleiterin von der Stadt Paderborn am 24. Februar im Audienzsaal des Neuhäuser Schlosses. Die Laudatio zum Thema »Dr. Andrea Wandschneider – kunsthistorisches Niveau in Paderborn« hält dabei der Kunsthistoriker Prof. Dr. Erich Franz. Er war bis 2009 stellvertretender Direktor des Westfälischen Landesmuseums in Münster.

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